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Interview

Peter Hübner: Tierrechtler über Tiere im Zirkus: "Die leiden massiv"

Peter Hübner ist einer der engagiertesten Tierrechtler und Gegner von Tierdressuren. Seit Jahren reist er Zirkussen hinterher und konfrontiert die Unternehmer mit Missständen. Als ehemaliger Rodeoreiter weiß er, wovon er spricht.

Peter Hübner Zirkustiere

Auch beim feinen Zirkusfestival in Monte Carlo sind dressierte Tiere im Einsatz, die Giraffe hier bekommt eine Banane von Prinzessin Stephanie gereicht

Herr Hübner, Sie und Ihre Mitstreiter opfern viel Geld und einen Großteil ihrer Freizeit, um gegen Tierhaltung in Zirkussen zu protestieren. Was hat sie zu diesem enormen Engagement veranlasst?

Die Antwort wird Sie überraschen: Ich habe Fleischer gelernt, selbst gejagt, geangelt und sogar Rodeoreiten gemacht. Irgendwann aber habe ich festgestellt, dass das einfach nicht richtig ist, nicht ethisch. Irgendwann kam das große Umdenken, ich habe alles aufgegeben, bin ich nach und nach in die Tierrechteszene gelangt, und schließlich auch Veganer geworden. 

Gab es eine Art Erweckunsgerlebnis?

Das erste hatte ich sehr früh, noch während der Ausbildung. Ich kannte damals nur die Landschlachtung, das war irgendwie normal für mich. Dann sah ich den ersten Transporter, vollgeladen mit Schweinen, verängstigt, übelst zusammengepfercht. Das war grauenvoll anzusehen, da war ich 15 Jahre alt. Als ich dann noch mitbekommen habe, wie in so einem Schlachthof gearbeitet wird, habe ich sofort aufgehört, Fleisch zu essen. Und natürlich habe ich auch mit dem Reiten aufgehört. Allein wegen der Praktiken, um die Pferde wild zu machen. Man gab denen Stachel unter die Sattel, auch Elektroschocker wurden angewendet. Das ging nicht mehr für mich.

Sie mussten ihr ganzes Leben umstellen, einen neuen Beruf erlernen?

Ja, das bedeutete eine Umschulung. Ich habe erst in einem Chauffeurdienst gearbeitet, heute bin ich bei einer Trockenfrüchtefirma beschäftigt.

Wieso fokussieren Sie ihren Protest ausgerechnet auf Zirkusse, ist Massentierhaltung nicht wesentlich grausamer und dringlicher zu bekämpfen?

Natürlich, auch das sind Anliegen von uns und wir sind da sehr aktiv. Aber man muss sich auf etwas konzentrieren. Außerdem denken nur Sie, dass es bei den Zirkussen nicht so schlimm ist, weil sie für ihre Reportage den Zirkus Krone besucht haben, der verhältnismäßig okay mit seinen Tieren umgeht. Zumindest auf den ersten Blick.

Was sind die gröbsten Missstände, die Sie in den Jahren bei Zirkussen beobachten mussten?

Natürlich jede Menge, deshalb reisen wir dem Zirkus Voyage hinterher, wo es den Tieren zum Teil fürchterlich geht. Giraffen sind jene Lebewesen mit dem höchsten Blutdruck, wenn deren Transportwagen gesenkt werden, weil sie unter Brücken durch müssen, dann fährt die Giraffe gebeugt und kriegt viel zu viel Blut ins Gehirn. Das ist sehr schädlich, die leiden massiv. Es geht auf die Gelenke und die bekommen Arthritis. Traurig machte mich ein Bild in Bremen, wo wir einen Elefanten dokumentierten, der von der Manege aus zurückgeführt wurde. Er humpelte kräftig, musste trotzdem auftreten und wurde in diesem Zustand am nächsten Tag noch von Bremen nach Wilhemshaven transportiert.

Schockierend für uns sind auch immer wieder Wunden und Vernarbungen zu sehen, die auch den Veterinärämtern gemeldet werden. Dort heißt es leider lapidar, sie wären älter oder seien durch leichte Unfälle entstanden, hier schlafen die Ämter. Regelmäßig stellen wir fest, dass die grundsätzlichen Haltungsbedingungen nicht dauerhaft eingehalten werden, dazu zählen neben Unterschreitung der Gehegegrößen auch deren Ausstattung, etwa mit Materialien wie Quarzsand, Scheuerbäumen, Futterraufen.

Zirkus Voyage

Eine Giraffe wie im Zirkus Voyage kann niemals artgerecht gehalten werden, sagt Hübner

Was ist denn Ihr Ziel, was sollen die Zirkusse verändern?
Die Leute bangen um ihre Existenz, deshalb sind sie kaum verhandlungsgbereit und investieren viel in ihre Lobby, die weit in die Politik reicht. Wir würden gerne mit ihnen ins Gespräch kommen und ein Ausstiegsszenario überlegen. Ich bin sogar überzeugt, dass viele Zirkusleute ihre Tiere auf ihre Art lieben. Ich kann es auch nachvollziehen, dass da Ängste bestehen. Der bekannte Tiertrainer Martin Lacey vom "Krone" müsste schließlich sein Lebenswerk aufgeben. Für seine Löwen ist das Leben dort dennoch nicht artgerecht und schlicht nicht Ordnung. Man kann wohl kaum Zirkustiere auswildern.

Es gibt Beispiele, wie den bekannten Fall des Bären Ben, der aus dem Zirkus geholt wurde und sich gerade auf seine Auswilderung vorbereitet. Der lebt in einem Gehege, hat erstmals nach vielen Jahren einen Winterschlaf gehalten und sieht zum ersten Mal andere Bären in seinem Leben. Mit Löwen geht das nicht. Unsere Ziele sind aber langfristig umsetzbar: Wir müssen die Nachzucht beenden, die Tiere vor dem permanenten Transport bewahren, der für sie reinen Stress bedeutet. Es gibt genug Zirkusse in Deutschland, es müssen nicht alle umherziehen. Dann kann jeder Zirkusfreund dahin reisen. Fürs Musical muss ich auch nach Hamburg, das kommt nicht in jedes Provinzstädtchen gereist.

Man hat den Eindruck, die Diskussion ist seit längerem verfahren, ist der Hass gegen Tierzirkusse denn tatsächlich gerechtfertigt?

Ich suche die Verständigung, filme zum Beispiel ausschließlich offen und nie geheim. Ich erlaube auf meiner Seite keine Beschimpfungen. Ich glaube, dass wir den Kampf am ehesten mit gemeinsamen Lösungen gewinnen. Aber wie gesagt: Natürlich sind Massentierhaltung und Tierversuche ebenso wichtig, und wir kämpfen dagegen genauso intensiv.

Würde es denn in ihrer Idealvorstellung überhaupt noch Haustiere geben, oder etwa Dackelzucht?

Aus meiner Sicht als Tierrechtler nicht. Für mich ist artgerecht nur die Freiheit. Da schließe ich den Wellensittich bei Omi zuhause mit ein. Aber wir haben unsere Tiere soweit domestiziert, das braucht seine Zeit. Ich würde sagen, dass das in acht bis zehn Generationen überwunden wäre.

Wie lange schätzen Sie, dass es noch Wildtiere in Zirkussen gibt?

Vielleicht noch zehn Jahre, aber wir hoffen, dass es in Deutschland bald verboten ist. Es ist dringend nötig, nicht nur wegen den Zirkustieren selbst, sondern auch für die Tiere aus der Massentierhaltung, die im Zirkus verfüttert werden. Ein einziger Löwe frisst etwa 100 Kilo Fleisch im Monat. Insofern sind Zirkusse ein massiver Teil des Massentierhaltungsproblems und wir freuen uns, dass es Zirkusse wie Roncalli gibt, die sich dem stellen und völlig auf Tiere in der Manege verzichten.

Lesen Sie die große Reportage über Tiere in der Manege im aktuellen stern.

Interview: David Baum