HOME

Suizid eines Jugendlichen: Vom Schmerz, nie dazu zu gehören – das viel zu kurze Leben des Jan Frederick Moll

Der wiederkehrende Schmerz sollte endlich vorbei sein: "Wenn ich tot bin, kann mich keiner mehr verletzen."

Von Marc Bädorf

Vom Schmerz, nie dazu zu gehören: Jan Frederick Molls zu kurzes Leben

Vor dem Schmerz ist Frederick ein freundlicher Junge. Klug und vorsichtig. Seine Eltern lieben ihn. Später kommen die Traurigkeit und die Angst. Die schwarzen Sachen. Das Ritzen

Am Morgen des 29. August 2013, wenige Stunden bevor er sich anzünden wird, sitzt der fast 18-jährige Jan Frederick in seinem Zimmer im Kölner Süden und lackiert mit großer Sorgfalt seine Nägel. Durch das Fenster fallen die ersten Sonnenstrahlen, draußen geht ein leichter Wind, es ist warm. Jan Frederick sitzt auf einer Matratze in der rechten Ecke seines Zimmers, er trägt dunkelrote Leggings und einen grünen Rock. Er ist 1,85 Meter groß und mager; feingliedrig sind seine Finger, wenig mehr als Elle, Speiche und Haut seine Arme. Rippen zeichnen seinen Brustkorb, der überspannt ist von fast gläserner Haut.

Die rechte Seite seines Schädels ist kurz rasiert, links trägt Jan Frederick die Haare lang und strähnig. In seiner Unterlippe stecken Sicherheitsnadeln, von seinen Ohren hängen Ringe herab.

In seinen Laptop hat er Schmerzen hineingetippt

In die Matratze ist Blut eingesickert und getrocknet, manche Flecke schimmern im Sonnenlicht, andere sind verblasst. Eine Zimmerwand ist mit Namen und Handynummern von Freunden und Bekannten beschrieben, an einer anderen Stelle ist sie mit einem Messer aufgekratzt. Rechts an der Wand ein Regal mit Büchern, sie handeln von Politik und von Physik und von der Liebe. Gegenüber: ein Klavier.

Jan Frederick ist bleich, unter seinen Augen liegen tiefe, dunkle Ringe, die man sich erarbeiten muss mit zu wenig Schlaf. In seinen Laptop hat Jan Frederick in den vergangenen Wochen Schmerzen hineingetippt, im Schein des Bildschirms die Narben auf seinem Arm. An der Wohnungstür klingelt es. Der Postbote bringt ein Paket aus Polen.

Möchtest du es aufmachen?, fragt die Mutter.

Nein, ich mache es morgen auf, sagt Jan Frederick, ich werde ja erst morgen 18.

Mit 14 versucht er zum ersten Mal, sich umzubringen

Mit 14 versucht er zum ersten Mal, sich umzubringen

Der Morgen geht in den Nachmittag geht in den Abend über. Es ist nun 17 Uhr, immer noch hängt der Himmel blau über allem, und Jan Frederick macht sich auf. Im Gewirr seines Zimmers hinterlässt er zwei Briefe, einen davon gerichtet an seinen besten Freund.

Wenn ich tot bin, steht dort, kann mich keiner mehr verletzen, richtig?

Jan Frederick verlässt sein Zimmer, durchmisst den Flur, in der Hand eine Tasche.

Ich bin draußen auf der Wiese, etwas schreiben, sagt er, umarmt seinen Vater und unternimmt einen Versuch, seine Mutter hochzuheben. Aber die entzieht sich, hat Sorgen um ihre Rippen, wie immer. Jan Frederick wuschelt ihr durchs Haar.

Bau keinen Scheiß, sagt sein Vater.

3360 Gramm, 51 Zentimeter, rosa und weich

Jan Frederick sagt nichts, nimmt die Treppenstufen ins Erdgeschoss. Er geht durch den Innenhof, vorbei an einem Spielplatz. Oben im Küchenfenster stehen seine Eltern, schauen hinunter, wie er eine Zigarette dreht, wie er kleiner wird, nach rechts abbiegt und verschwindet. Er winkt nicht.

So erzählen Jan Fredericks Eltern die letzten Stunden, in denen sie ihren Sohn gesehen haben.

Irgendwann an diesem Abend steigt Jan Frederick in die Straßenbahn 16, Richtung Niehl Sebastianstraße, in der Tasche einen gelben Kanister, gefüllt mit Benzin. Er fährt bis zum Neumarkt, Fahrtzeit eine knappe halbe Stunde.

Um 22.28 Uhr setzt in einem Internetforum jemand eine Nachricht von ihm in die Welt:

Hey ihr lieben ... verzeiht meine wenigen worte, es faellt mir schwer, meine gedanken niederzuschreiben. nun, meine zeit ist gekommen. heute, am 29.08, will ich von dieser welt gehen. danke, dass ich teil dieser gemeinschaft werden durfte. ich habe euch sehr ins herz geschlossen, einigen von euch vertraue ich vollkommen. ich knuddel euch alle noch einmal ganz fest.

Das Zimmer von Jan Frederick in der Wohnung seiner Eltern. Die Matratze hat Blutflecken vom Ritzen, an den Wänden stehen Namen und Telefonnummern von Bekannten

Das Zimmer von Jan Frederick in der Wohnung seiner Eltern. Die Matratze hat Blutflecken vom Ritzen, an den Wänden stehen Namen und Telefonnummern von Bekannten

Jan Frederick ist am Neumarkt eingetroffen, Dunkelheit hat sich über den Platz gelegt. Menschen laufen an ihm vorbei.

Gegen 23 Uhr, so die Erkenntnisse der Polizei, öffnet Jan Frederick den Kanister und hebt ihn an. Das Benzin läuft an seinem Körper hinab, tropft auf das Pflaster, auf dem zerbrochene Bierflaschen liegen. Jan Frederick steckt eine Zigarette zwischen seine Lippen, fasst ein Feuerzeug. Er drückt.

Die Flamme ergreift die Spitze der Zigarette, ergreift Jan Frederick, wird riesig innerhalb von Sekunden, gelb und orange und schwarz. Er läuft los, schreit, ein Mensch, der Feuer geworden ist.

Er ist ein kluger Junge, und seine Eltern lieben ihn

Acht Minuten nach sechs am Abend des 30. August 1995 wird Jan Frederick Moll, von seinen Eltern später Frederick oder Fred genannt, im Kölner Krankenhaus Holweide geboren, draußen ein wenig Sonnenschein, ein wenig Kühle. Es sind Vögel in der Luft. Die Geburt verläuft ohne besondere Vorkommnisse, Jan Frederick wiegt 3360 Gramm, ist 51 Zentimeter lang und rosa und weich und bei bester Gesundheit, er liegt in den Armen seiner Mutter, Joanna Moll. Neben ihr am Krankenhausbett steht Detlef, der Vater. Manchmal nimmt er ihre Hand.

Am Anfang ist alles leicht. Jan Frederick macht schnelle Fortschritte. Mit fünf Monaten kommen die ersten Laute aus seinem Mund, die nicht Geschrei sind, diese Laute formen sich zu Worten, und mit jedem Wort öffnet sich eine neue Welt.

Er ist ein kluger Junge, und seine Eltern lieben ihn. Mit drei Jahren besucht Jan Frederick den Kindergarten. Er versteht sich gut mit den Erzieherinnen und gibt acht auf die Kleinen, Vorsicht ist sein maßgeblicher Zug. Er klettert nicht auf Bäume, er schaut hinauf und sieht, wie er hinunterfällt, sieht sich mit gebrochenem Bein im Krankenhaus. Unter Gleichaltrigen ist er ein Außerirdischer, ein sehr freundlicher und verständnisvoller Außerirdischer – seine Eltern nennen ihn Diplomat.

Ein selbst gemaltes Bild, inspiriert von Munchs "Der Schrei"

Ein selbst gemaltes Bild, inspiriert von Munchs "Der Schrei"

Er kommt nach Hause und sagt: Mama, heute hat mir ein Junge mit der Schaufel auf den Kopf geschlagen. Der hatte bestimmt einen schlechten Tag. Und sagt: Mama, heute im Kindergarten haben die anderen Eischlog gesagt. Was bedeutet Eischlog? Etwas mit Ei?

20. 12. 2000. Untersuchungsheft U9: 23.000 g Körpergewicht; 119 cm Körpergröße; groß + fit; mental akzeleriert (liest und schreibt). Akzeleriert bedeutet: dem Durchschnitt der körperlichen und geistigen Entwicklung voraus.

Jan Frederick liest den Kindern im Kindergarten vor, er sitzt auf einem Stuhl, ein sechsjähriger Lehrer. Zu Hause liebt er es, wenn seine Eltern ihm vorlesen, es wird so bleiben, bis er zehn ist. Sie lesen ihm also vor, und in diesen Geschichten ist die Welt ein Album, in dem es Abenteurer gibt und Techniker und Helden, eine Welt, die größer ist als die Wirklichkeit und die einen Schmerz weckt, nicht zu dieser Welt zu gehören. Lieblingsbücher: "Der kleine Prinz", "Der kleine Nick", "Die Chroniken von Narnia", "Huckleberry Finn", "Die Straße der Ölsardinen".

In den Ferien fahren sie nach Polen, die Mutter stammt von dort. Jan Frederick liebt die Ferien in Polen, und wenn sie wieder zu Hause sind, weint er.

Was soll ich denn jetzt machen?

Vierte Klasse, zweites Halbjahr: achtmal sehr gut, gut in Musik und befriedigend in Sport.

Versetzung in Klasse fünf außer Frage, Empfehlung für den Besuch eines Gymnasiums.

Die Schule wäre schön ohne die Pausen. Jan Frederick hat auf dem Gymnasium zwei Freunde, der erste geht nach der fünften Klasse, der zweite nach der sechsten. So steht er in der großen Pause allein auf dem Schulhof. Vom Schultelefon ruft er jeden Tag seine Mutter an.

Im Sommer 2008 Ferien in Masuren, polnische Jugendliche, 13, 14 Jahre alt, treiben auf einem Segelschiff, die Sonne verbrennt ihre Haut. Am Abend gehen sie an Land, trinken billiges Bier. Sie bleiben bis in die Nacht, und in Posen – wo zur gleichen Zeit Jan Fredericks Eltern ihren Urlaub verbringen – klingelt das Telefon.

Detlef und Joanna Moll sind voller Erinnerungen, viele von ihnen schmerzen. Siehst du denn nicht, dass ich schon ein Wrack bin?, hat Jan Frederick seine Mutter einmal gefragt. Er fühle sich, als wäre er 80. Ob sie sich manchmal auch so alt vorkomme?

Detlef und Joanna Moll sind voller Erinnerungen, viele von ihnen schmerzen. Siehst du denn nicht, dass ich schon ein Wrack bin?, hat Jan Frederick seine Mutter einmal gefragt. Er fühle sich, als wäre er 80. Ob sie sich manchmal auch so alt vorkomme?

Die anderen sind Bier trinken, und ich stehe hier Schmiere, sagt Jan Frederick. Ich kann die anderen nicht verraten, aber ich will kein Bier trinken. Was soll ich denn jetzt machen?

Jan Frederick ist 13. Er träumt davon, 18 zu sein.

Am 2. April 2009 ändert sich alles. Es ist der Donnerstag vor den Osterferien. Die übliche Vorfreude ist jedoch getrübt, durchzogen von einer großen Nervosität an allen Schulen des Landes. Vor drei Wochen hat Tim K. bei einem Amoklauf an einer Realschule in Winnenden 15 Menschen getötet. Gegen zehn Uhr an diesem 2. April sitzt Jan Frederick mit einigen anderen Schülern in einem Klassenraum seiner Schule, deren Name auf Wunsch der Eheleute Moll nicht genannt wird. Die Schüler sind unbeaufsichtigt, albern herum. Sie reden über Zombies.

Die Polizei schreibt: "[Jan Frederick] soll sinngemäß gesagt haben: Wir sind sowieso halbe Zombies, ich kaufe eine Waffe und bringe uns um, dass [sic!] sind wir richtige Zombies."

Eines der Mädchen bricht in Tränen aus. Am Abend wird der Direktor vom Vater des Mädchens informiert.

Am Freitagmorgen, dem 3. April 2009, fängt der schuleigene Security-Dienst Jan Frederick ab und übergibt ihn der Schulleitung. Es wird festgestellt, dass Jan Frederick keine Waffe mit sich führt. Ein Verhör findet statt, bei dem die Lehrer Jan Frederick mehrmals fragen, was er gesagt habe. Er gibt an, sich nicht an den genauen Wortlaut erinnern zu können.

Neunmal sehr gut, Politik und Latein gut, Sport befriedigend

Jan Fredericks Vater und die Polizei werden in die Schule gerufen. Jan Frederick wird wegen Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten nach Paragraf 126 StGB angezeigt. Die zwei Polizisten bitten um die Erlaubnis, Jan Fredericks Zimmer begutachten zu dürfen. Jan Frederick wird auf der Rückbank des Polizeiwagens mitgenommen, sein Vater muss das Fahrrad nehmen. Das Zimmer ist zu dieser Zeit noch ein Kinderzimmer, bestückt mit hellen Möbeln.

Die Polizei stellt fest:

"Frederick besaß ein eher außergewöhnliches Zimmer. Es ist neben seinem Klavier gespickt mit Literatur in englischer und deutscher Sprache. [...] Insgesamt wirkt Frederick tatsächlich reifer entwickelt, als es für einen 13-jährigen Jungen üblich ist. Dennoch kann in der kurzen Zeit der Begutachtung seiner Person festgestellt werden, dass er eine positive Lebenseinstellung und nicht ungeklärte Problematiken und Verbitterungen mit sich herumschleppt. Insofern wird in Frederick kein Gefahrenpotenzial festgestellt, was zu weiteren polizeilichen Maßnahmen führen müsste."

Die Ermittlungen werden eingestellt.

Am 20. April beginnt wieder der Unterricht, Jan Frederick kehrt auf Bitten der Lehrer aber erst am 21. April zurück in die Schule. Es ist ein Dienstag, und es ist der Tag, an dem er von seiner Lehrerin als geläuterter Amokläufer durch die Klassen geführt wird. Jan Frederick wollte euch was sagen, ruft sie hinein in die Klassen.

Und dann muss Jan Frederick anfangen, den Kopf gesenkt steht er vor den Schülern, seine Haare bedecken fast vollständig die Augen, er spricht leise und entschuldigt sich für seinen Satz. Manche lachen.

Ich wollte dir von meinem Freund erzählen, schreibt Jan Frederick 2011 an seine Freundin, dem Tod [...]. Es ist die Entwicklung einer Freundschaft, die Ostern 2009 begann. Seit daher war er in meinem Leben.

Klasse 8a (ab September 2008), neunmal sehr gut, Politik und Latein gut, Sport befriedigend.

Klasse 9a (ab September 2009), versäumte Stunden 88, einmal sehr gut in Physik, dreimal gut, sechsmal befriedigend, ausreichend in Deutsch, Latein und Chemie, ungenügend in Geschichte, Leistungsbereitschaft unbefriedigend, Sozialverhalten befriedigend, Zuverlässigkeit/Sorgfalt unbefriedigend.

Ich weiß nicht, ob ich krank bin, sagt er zur Mutter

Der Herbst 2009 ist mild, und aus Jan Fredericks Armen tropft Blut. Tief schneidet er sich in die Arme, kaum sind die Wunden zu Narben geworden, kommen frische hinzu.

Mama, sagt Jan Frederick, du kennst doch das Bild "Der Schrei" von Edvard Munch, oder? Das habe ich die ganze Zeit im Kopf.

Es ist, als hätten die Farben sein Leben verlassen. Seine Haut ist weiß, seine Kleidung schwarz, sein Haar auch. In diesen Herbsttagen 2009 fährt Jan Frederick mit der Kölner Straßenbahn von einer Endstation zur anderen, 300 Kilometer, bis an die Grenzen der Stadt. Er wechselt die Linien, oft stundenlang, bald kennt er das Netz auswendig, und während die Stadt an ihm vorbeizieht, denkt er nach. Zu seiner großen persönlichen Traurigkeit ist inzwischen eine Unzufriedenheit mit der Gesellschaft gekommen.

Mama, fragt er, verändern sich die Menschen?

In der Schule ist er endgültig isoliert. Seit Grundschulzeiten suchte er nach einem wahren Freund, vergebens.

Ich möchte vergessen, was vorher war und wie ich war, sagt er seinen Eltern. Ich möchte mich neu strukturieren.

An einem Freitag, dem 7. Mai 2010, versucht er das erste Mal, sich umzubringen. Er scheitert.

Ich weiß nicht, ob ich krank bin, sagt er zur Mutter, aber es wäre mir eigentlich lieber.

Er geht freiwillig in die Kinder- und Jugendpsychiatrie einer Uniklinik. Von den anderen wird er misstrauisch beäugt, dieser Junge in schwarzen Klamotten mit Narben auf den Armen, aber er findet einen Freund. Dieser Freund möchte J. C. genannt werden.

Ein Arzt sagt zu J. C.: Ich glaube nicht, dass Jan Frederick der richtige Umgang für dich ist.

Anfang Juli wird Jan Frederick entlassen. Der Arzt schreibt im Schlussbericht: "Der Patient wurde in unser multimodales Behandlungskonzept mit ergo-, musik- und soziotherapeutischen Maßnahmen eingebunden. [...] Der Patient profitierte nicht in erwünschtem Maße von der Behandlung."

Ende August 2010 macht sich Jan Frederick auf nach Göttingen, er möchte ein Mädchen besuchen, das er im Internet kennengelernt hat. Nachts ist es kalt, ab und an fällt Regen, Jan Frederick trägt nur ein T-Shirt. Am 27. August – seine Eltern haben ihn längst als vermisst gemeldet – trifft er das Mädchen. Es ist Freitag.

Lass uns doch am Montag wiedersehen, sagt sie, ich habe gerade nicht so viel Zeit.

Die gute Zeit seines Lebens ist schon vorüber

Sie informiert Jan Fredericks Eltern, die nach Göttingen fahren und vergebens nach ihm suchen. Am Montag gehen sie anstatt des Mädchens zum Treffen mit Jan Frederick. Die Begegnung verläuft friedlich und angenehm. Es ist der 30. August, Jan Fredericks 15. Geburtstag. Die gute Zeit seines Lebens ist schon vorüber.

Wieder wird es Herbst. Jan Frederick besucht nun eine Realschule in Köln. Zu Hause ritzt er sich, bald sind seine Sehnen verletzt. Das Zeugnis ist gut. Der Abstieg setzt sich jedoch bald fort, aber es ist kein Abstieg, sondern ein Fall ins Nichts.

Am 14. März 2011 bricht Jan Frederick offiziell die Schule ab, am 5. April versucht er das zweite Mal, sich umzubringen, am 3. Juni das dritte Mal. Es sind Wochen, in denen die Ratlosigkeit der Eltern nur übertroffen wird von ihrer Angst um den Sohn. Sie warten auf ein Wunder.

Ich möchte leben, sagt Jan Frederick, aber ich habe so starke Angst vor dem Leben.

Er bekommt einen Fernseher. Die Welt kommt dadurch zwar nicht näher, aber er kann sie nun wenigstens aus der Ferne betrachten. Schön ist sie nicht.

Im Herbst 2011 sucht Jan Frederick Anschluss bei Jugendlichen auf der Domplatte, in der Obdachlosenszene, fast jeden Tag verbringt er dort in der Kälte, Weihnachten mit den anderen in der Obdachlosenunterkunft. Er trägt schwarze Klamotten, zerrissene Klamotten.

Ich sehe grausam aus, sagt er zu seiner Mutter, aber wenn die Menschen trotzdem zu mir kommen, dann brauche ich vor diesen Menschen keine Angst zu haben, denn sie sind gut.

J. C., sein Freund aus der Psychiatrie, geht an einem dieser Tage über die Domplatte, sieht Jan Frederick in einer Ecke stehen mit ein paar Jugendlichen, in der einen Hand ein Bier, in der anderen eine Zigarette.

Lasst uns weitergehen, sagt J. C. zu seinen Freunden, da ist jemand, den ich nicht sehen möchte.

Auf den Straßen liegt Schnee, weiß und pulvrig bedeckt er die Raketenköpfe, die vor zwei Tagen im Himmel explodiert und zu Licht geworden sind. Es ist der 2. Januar 2012, und durch die allgemeine Müdigkeit dringt eine Stimmung des Aufbruchs, die jedoch bald schon wieder erstickt sein wird im Grau des Winters.

Mit dem Kind keimt Hoffnung

Das Kind ist kein Unfall, nein, es ist vielmehr geplant, entsprungen aus dem Wunsch des Paares, eine Familie zu gründen. Jan Frederick ist 16, seine Freundin 14, ein hübsches Mädchen mit blonden Haaren. Sie haben sich in der Psychiatrie kennengelernt. Als das Kind geboren wird, an diesem Januarmorgen in einem Krankenhaus einige Kilometer außerhalb von Köln, hat niemand Jan Frederick benachrichtigt. Er kommt am nächsten Tag, in seinen Händen ein Strauß Rosen. Er steht am Bett, nimmt zum ersten Mal seinen Sohn auf den Arm. Mit dem Kind keimt Hoffnung.

9. März 2012, aus dem Arztbericht einer jugendmedizinischen Einrichtung, bei der Jan Frederick in ambulanter Psychotherapie ist: "Jan Frederick gibt an, für seinen Sohn Verantwortung übernehmen zu wollen. [...] Von Suizidalität ist er aktuell wegen der Verantwortung gegenüber seinem Sohn distanziert."

Versuch des Briefes an seinen Sohn:

Lieber Daniel*,

Egal, was passiert, ich lasse dich nicht alleine zurück. Ich befinde mich in einem seit langem andauernden niemals endenden Zustand der geistigen Umnachtung. Ich bin nicht unzurechnungsfähig – ich bin nur so zerstört, dass ich im Kampf gegen mich selber kaum zur Ruhe komme.

Nichts wird besser. Jan Frederick unternimmt lange Wanderungen. Er geht 30, 40 Kilometer, seine Ohren, an denen immer mehr Ringe hängen, sind rot. Die Lungen schmerzen von der kalten Luft, vor den Augen eine gleichförmige Landschaft. Doch was nützt die Flucht jemandem, der vor sich selbst wegläuft?

Am 26. Oktober 2012 beendet seine Freundin und Mutter seines Kindes ohne nähere Angabe von Gründen die Beziehung. Er ist todunglücklich, aber er weint nicht. Er weint nie.

Siehst du denn nicht, dass ich schon ein Wrack bin?

Am 2. November gegen 13 Uhr bricht er per Anhalter gen Südosten auf. Er trägt bei sich einen Schlafsack, eine Isomatte, ein Handy, ein Ladekabel und 230 Euro. Es ist schon mehr Winter als Herbst, Jan Frederick schläft im Regen hinter Lastwagen, Mauern und Zäunen. Einen kleinen Schlitz an seinem Schlafsack lässt er offen, um zu rauchen. Jeden Tag schreibt er seinen Eltern eine SMS.

Über Österreich und Ungarn erreicht er Niš in Serbien. Weiter in das Kosovo, nach Mazedonien, Albanien, Montenegro, Kroatien, Bosnien und Herzegowina. Am 1. Dezember kommt er in Srebrenica an. Die Temperatur fällt unter null Grad, der Schnee liegt hoch, er schläft in verlassenen Häusern, in Ruinen. Um ihn ist es ruhig, am Nachthimmel so viele Sterne, wie Jan Frederick sie noch nie gesehen hat. Als sich seine Eltern einen Tag nicht melden, ruft er an.

Am 12. Dezember kehrt Jan Frederick zurück nach Köln, bringt mit, was die Menschen ihm geschenkt haben, auch Speck, für seine Eltern eine geschmuggelte Stange Zigaretten aus Montenegro. Er ist stolz. Silvester feiert er mit den Eltern. Im neuen Jahr spricht er viel über das Abitur seiner ehemaligen Mitschüler. Siehst du denn nicht, fragt er seine Mutter, dass ich schon ein Wrack bin?

Innerlich bin ich eine Frau, sagt er den Eltern, aber ich stehe auf Frauen. Niemand braucht einen Freddy, sagt er seinem Freund J. C.

Er zieht Frauenkleidung an. Jetzt haben wir eine Tochter mit schönen Beinen, sagen seine Eltern.

Ich fühle mich, als wäre ich bereits 80 Jahre alt, sagt er seiner Mutter, kommst du dir auch manchmal so alt vor?

Es sind ebenjene schönen Tage des Frühlings und des Sommers, die gemacht scheinen, um sich zu vergnügen und zu lachen und zu leben, die Jan Frederick einer besonders harten Prüfung unterziehen. Er schreibt Gedichte.

Sommer 2013

Ihr saht in mir ein Ungeheuer

Habt über mich gerichtet

So zerstört mich nun das Feuer

Welches alles vernichtet

Doch kam ich so zur Welt?

Habt ihr mich so gemacht?

Zu dem, der euch missfällt,

den ihr nun umgebracht

Ich bitte euch um Verzeihung

Nicht für mein Ableben

Nein, dies ist meine Befreiung

Verzeiht mir mein Leben

Jan Frederick ist viel zu Hause.

Er fragt: Mama, bin ich krank?

Er fährt mit seinem Vater zu einem Spieleabend und sagt ihm auf dem Rückweg, dass er keine Zukunft mehr für sich sieht.

Am 28. August, einen Tag bevor er sich anzünden wird, schaut er sich den Film "Und täglich grüßt das Murmeltier" an.

Nur jeweils drei Zehen sind frei und seine Augen

Jan Frederick läuft über den Neumarkt, die Flammen züngeln an jeder Stelle seines Körpers. Die Menschen stieben schreiend auseinander. Drei Jungen reißen sich ihre Kleidung vom Leib, schlagen damit auf Jan Frederick ein. Er schaut sie an.

Hallo, ich bin Freddy, sagt er, ich bin 80 Jahre alt.

Gegen Mitternacht benachrichtigen zwei Polizisten seine Eltern. Wie oft sind wir ihm hinterhergelaufen, sagt Joanna Moll, und jetzt hat er uns ausgetrickst.

Sie eilen ins Krankenhaus. Jan Frederick ist nicht mehr bei Bewusstsein. Er hat an 95 Prozent seines Körpers schwere Verbrennungen erlitten, liegt im Bett, fast vollkommen umwickelt mit weißen Bandagen. Sie sind blutig und nass. Nur jeweils drei Zehen sind frei und seine Augen. Sie sind geschlossen.

Joanna Moll traut sich nur, Jan Fredericks Zehen zu halten. Sie drückt sie fest.

Am 30. August 2013 um 11.55 Uhr, an seinem 18. Geburtstag, hört Jan Fredericks Herz auf zu schlagen.

*Name von der Redaktion geändert

Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 erreichbar. Auch eine Beratung über E-Mail ist möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Für Kinder und Jugendliche steht auch die Nummer gegen Kummer von Montag bis Samstag jeweils von 14 bis 20 Uhr zur Verfügung - die Nummer lautet 116 11.

Hannah Baker, gespielt von Katherine Langford, in der Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht"

Themen in diesem Artikel