"Wir leben und arbeiten unter unnormalen Bedingungen", sagt Anatolii Khromov. Der 40-Jährige ist Leiter des Staatlichen Archivdienstes der Ukraine mit Sitz in Kiew. "Inzwischen erscheinen sie uns normal, aber ich erinnere mich an Zeiten, da waren sie nicht normal." Der Ukrainer berichtet von den ständigen Bomben- und Drohnenangriffen auf sein Land, von dem bitterkalten Winter und den Stromausfällen. "Es ist sehr hart", sagt er.
In den Wirren des russischen Angriffskrieges gegen seine Heimat versucht Khromov gemeinsam mit seinem Team, die Sammlungen ukrainischer Archive zu schützen und zu erhalten. Dazu setzen sie vor allem auf die Digitalisierung der Bestände.
200.000 Archivordner zerstört oder gestohlen
Unterstützt werden sie dabei im Rahmen einer Kooperation auch von den Arolsen Archives im nordhessischen Bad Arolsen. Das internationale Zentrum über NS-Verfolgung ist nach eigenen Angaben das weltweit größte Archiv zu Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus.
Seit Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine seien 200.000 Archivordner von russischen Truppen zerstört oder gestohlen worden, berichtet Khromov bei einem Besuch der Arolsen Archives. Das sei Teil der russischen Kriegsführung. "Russland will unser kulturelles Erbe zerstören", sagt er. "Das sind Kriegsverbrechen."
In einem Archiv hätten die Soldaten Dokumente als Toilettenpapier benutzt. Sie seien mit Fäkalien übersät gewesen. "Was geht bloß in diesen Köpfen vor?", fragt Khromov. Neben Zerstörung und Plünderung seien die Sammlungen zudem durch die Witterung und Feuchtigkeit bedroht.
"Sammlungen sind unser kulturelles Erbe"
Um sie zu erhalten, soll der gesamte Bestand digitalisiert werden. Eine Mammutaufgabe, denn er umfasst laut Khromov rund 100 Millionen Archivordner - darin Dokumente, Mikrofilme, audiovisuelle Medien und historische Zeugnisse, die zurückreichen bis in 12. Jahrhundert. "Ein Ordner kann nur ein Dokument enthalten, es sind aber leicht auch mal 1.000 bis 2.000", erklärt der 40-Jährige.
Allein im vergangenen Jahr seien 53 Millionen Ordner digitalisiert worden. Auf diese Weise könnten die Inhalte bewahrt werden, auch wenn die Dokumente möglicherweise verloren gingen, sagt Khromov. Die Arbeit sei eine große Herausforderung, besonders in Regionen nahe der Front. Sie sei aber notwendig, um das kulturelle Gedächtnis der Ukraine zu bewahren.
"Die Archivsammlungen zu erhalten und ihre Zugänglichkeit zu gewährleisten, ist eine große soziale und politische Verantwortung", betont der Historiker. "Die Ukrainer wollen wissen, wer sie sind, welche Wurzeln sie haben", erklärt er. "Es geht um unsere Geschichte und unsere kulturelle Identität, die wir bewahren müssen." Wenn es die Sammlungen nicht mehr gäbe, seien auch die Erinnerungen an die Menschen verloren. "Wir müssen sie erhalten für die künftigen Generationen. Sie sind unser kulturelles Erbe."
Mal Drohnen, mal Bomben
Hanna Lehun reist regelmäßig in die Ukraine, um ihre Familie zu besuchen und an der Digitalisierung in den ukrainischen Archiven mitzuarbeiten. "Ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, dort immer zu leben", sagt die ukrainische Mitarbeiterin der Arolsen Archives. Die Zahl der Bomben- und Drohnenangriffe habe besonders in Kiew zuletzt deutlich zugenommen.
Die Lage in der Ukraine sei sehr schwierig, sagt auch Khromov. Der Krieg verändere sich ständig. Alle paar Monate wechsle Russland die Strategie, mal würden mehr Bomben eingesetzt, mal mehr Drohnen. Er habe weniger Angst um sich selbst, sondern vor allem um seine Söhne.
Situation ist emotional und physisch erschöpfend
"Für die Ukrainer ist das emotional und physisch sehr erschöpfend", berichtet Lehun. Das Interesse an dem Krieg in der Ukraine in Deutschland lasse deutlich nach, so ihr Eindruck. "Dabei wird die Situation dort immer schlimmer." Diese Differenz zwischen Wahrnehmung und Realität sei sehr tragisch.
"Ich bin nur ab und zu dort und kehre immer wieder nach Deutschland zurück", sagt sie. "Aber das reicht, um auch hier Angst vor Geräuschen zu haben, die an den Krieg erinnern." Solche Geräusche verfolgen auch Anatolii Khromov. "Ich bin früher oft geflogen", berichtet er. Heute mache ihm das Geräusch eines Flugzeuges Angst. "Ich verbinde es mit dem Geräusch eines Bombenangriffs."
"Wir bereiten uns auf einen langen Krieg vor", sagt der Historiker. Er habe gehofft, dass der Krieg schneller enden würde. Inzwischen stelle er sich auf weitere zwei bis drei weitere Jahre ein. Bis dahin will er weiter für den Erhalt der Archive in seinem Land kämpfen. "Ich liebe meinen Beruf und Archive", sagt er. "Archive sind die Grundlage des Wissens."