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Ehrenamt Mit 72 Jahren arbeiten? Ja, und das freiwillig – für andere

Klaus Otte von Hanseatic Help
Klaus Otte (72) hilt, wo Hilfe gebraucht wird.
© Ann-Christin Baßin
Nachdem Klaus Otte 2015 von der Not der Flüchtlinge erfuhr, gab es für ihn nur noch ein Ziel: Ich muss helfen! Das tut er noch heute. Wir besuchten ihn am Hamburger Hafen bei Hanseatic Help e.V.
Ann-Christin Baßin

Von seinen Mitstreitern wird er respektvoll „das Schweizer Taschenmesser“ genannt. Aber nicht, weil er so gefährlich ist, sondern wegen seiner Vielseitigkeit. Denn Klaus Otte ist der „Mann für alle Fälle“ beim Hamburger Verein Hanseatic Help, der logistische Unterstützung für soziale Organisationen anbietet. Während viele das Thema Flüchtlinge und Corona nicht mehr hören können, engagieren sich andere umso mehr. Dazu gehört auch Klaus Otte.

Montieren, reparieren, organisieren – wenn der 72-Jährige seinen Dienst antritt, hat er einen ganzen DIN A-4-Zettel voller Aufgaben abzuarbeiten. In der 2300 qm großen Halle geht laufend etwas kaputt, daher gibt es jede Menge zu tun. Der Elektrotechniker sorgt dafür, dass alle Lampen und der Elektro-Hubwagen funktionieren. Außerdem hat der Mann aus Hamburg-Rahlstedt das Hygienekonzept für den Verein erarbeitet und Ständer mit Desinfektionsspendern gebaut sowie Plexiglasscheiben angebracht. Er war während seiner Berufstätigkeit lange für den Arbeits- und Gesundheitsschutz zuständig, daher kennt er sich mit diesem Thema bestens aus.

Während viele das Thema Flüchtlinge und Corona nicht mehr hören können, engagieren sich andere umso mehr. Dazu gehört auch Klaus Otte.
Während viele das Thema Flüchtlinge und Corona nicht mehr hören können, engagieren sich andere umso mehr. Dazu gehört auch Klaus Otte.
© Ann-Christin Baßin

„Bei manchen Helfern bin ich weniger beliebt“, gesteht er augenzwinkernd. „Ich achte nämlich drauf, dass die Hubwagenfahrer Sicherheitsschuhe tragen und dass in der Halle alle ihre Corona-Schutzmasken aufsetzen.“

Immer engagiert

Direkt nach der Schulzeit hat Klaus Otte mit 15 Jahren in einem Großbetrieb im Hamburg-Lokstedt Elektrotechnik-Lehre angefangen. Dann gehörte er 30 Jahre lang dem Betriebsrat an und war 20 Jahre dafür freigestellt.

„Ich habe fast mein Leben lang Ehrenämter gehabt, zum Beispiel als Gewerkschafter bei der IG Metall“, erklärt er. „Als ich in Rente ging, war klar: Ich werd’ nicht nur zu Hause rumsitzen, sondern wieder etwas Gemeinnütziges machen. Mein Hauptehrenamt ist seit 2013 im Hafenmuseum auf der Veddel. Wir restaurieren dort mit vier Leuten eine alte Barkasse von 1926. Wir halten sie fahrfähig, sodass wir den Museumsbesuchern zeigen können, wie so ein altes Schiff funktioniert.“

Klaus Otte an seinem Wirkungsort: Montieren, reparieren, organisieren – wenn der 72-Jährige seinen Dienst antritt, hat er einen ganzen DIN A-4-Zettel voller Aufgaben abzuarbeiten.
Klaus Otte an seinem Wirkungsort: Montieren, reparieren, organisieren – wenn der 72-Jährige seinen Dienst antritt, hat er einen ganzen DIN A-4-Zettel voller Aufgaben abzuarbeiten.
© Ann-Christin Baßin

Die dramatische Situation der Flüchtlinge im August 2015 hat Klaus Otte tief berührt. Noch heute werden seine Augen feucht, wenn er daran zurückdenkt. „Meine Frau und ich beschlossen zu helfen. Wir wollten aber nicht nur anonym Geld spenden, sondern direkt etwas machen.“

Da kam der Spendenaufruf seiner Nachbarin gerade recht: Semmi Özdemir hatte im Treppenhaus einen Aushang gemacht und bereits 1000 Euro gesammelt. Ehepaar Otte legte noch etwas drauf und kaufte davon in den umliegenden Geschäften Hygieneartikel. Diese brachten sie dann mit zwei Autos in die Messehallen.

Im Sommer 2015 flohen täglich Tausende Menschen nach Deutschland. Wie in vielen anderen Städten gelang es auch Hamburg nur mit Mühe, den Menschen ein Obdach zu bieten und sie mit Kleidung, Lebensmitteln und Artikeln des täglichen Bedarfs zu versorgen. Doch die Zivilgesellschaft reagierte. Hamburg rückte zusammen und half den Menschen, denen es am Nötigsten fehlte, mit enormem Engagement.

In der 2300 qm großen Halle geht laufend etwas kaputt, daher gibt es jede Menge zu tun.
In der 2300 qm großen Halle geht laufend etwas kaputt, daher gibt es jede Menge zu tun.
© Ann-Christin Baßin

Beeindruckt von der Hilfe

An sein Eintreffen in den Messehallen kann sich Klaus Otte noch genau erinnern: „Wir waren total beeindruckt, denn in der 7.500 qm großen Halle wuselten Hunderte Menschen zwischen riesigen Kleiderbergen hin und her. Wir fragten, wo wir helfen konnten, und landeten in der Kinderabteilung. In den ersten zwei, drei Wochen haben wir nur Strampler mit und ohne Armen sortiert.“

Was den Vater von zwei Söhnen am meisten faszinierte, waren die vielen unterschiedlichen Leute, die er dort kennenlernte. „Da stand zum Beispiel ein Punk neben einem jungen Geschäftsmann in Schlips und Kragen und sie unterhielten sich über Babykleidung. Auf der Straße hätten die sich wohl nie angeguckt, geschweige denn, miteinander gesprochen. Das fand ich toll!“

Als jemand gesucht wurde, der einen Gabelstapler fahren kann, war Klaus Otte sofort zur Stelle. Er hatte den Gabelstaplerschein bereits im Hafen gemacht. Das war der Sprung weg vom Kleidersortieren, hin zur Logistik. Fortan belud er LKWs und fing auch an, kleine Dinge zu reparieren.

Außerdem hat der Mann aus Hamburg-Rahlstedt das Hygienekonzept für den Verein erarbeitet und Ständer mit Desinfektionsspendern gebaut sowie Plexiglasscheiben angebracht.
Außerdem hat der Mann aus Hamburg-Rahlstedt das Hygienekonzept für den Verein erarbeitet und Ständer mit Desinfektionsspendern gebaut sowie Plexiglasscheiben angebracht.

Weil die Hilfsaktion in den Messehallen so gut geklappt hatte, entstand daraus am 15. Oktober 2015 mit 32 Helferinnen und Helfern der gemeinnützige Verein Hanseatic Help. Dieser möchte bedürftige Menschen unterstützen – unabhängig von Herkunft, Religion, sozialer Stellung und politischer Überzeugung. Zum Team gehören ca. 120 Freiwillige, 80 Vereinsmitglieder und sieben Hauptamtliche. Sie sammeln Sachspenden, sortieren, registrieren, lagern und verteilen sie. Aktuell für Bedürftige im Libanon. Ziel des Vereins ist außerdem, das Engagement der Bürger zu stärken, interkulturelle Begegnungen zu ermöglichen sowie unterschiedliche Integrationsmaßnahmen in Bildung, Ausbildung, Arbeit und Gesellschaft zu fördern. Jeder kann mithelfen, vom Schüler bis zum Rentner. Auch nur kurz oder ganz spontan.

„Es gibt Menschen, die haben ein paar Stunden Zeit und kommen dann zu uns an den Hafen, um Sachspenden zu sortieren oder Kartons zu packen“, berichtet Sina Klimach, die im Verein für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist.

Klaus Otte war während seiner Berufstätigkeit lange für den Arbeits- und Gesundheitsschutz zuständig, daher kennt er sich mit diesem Thema bestens aus.
Klaus Otte war während seiner Berufstätigkeit lange für den Arbeits- und Gesundheitsschutz zuständig, daher kennt er sich mit diesem Thema bestens aus.

Schnell und unbürokratisch sein

Klaus Otte ist immer wieder fasziniert, wie schnell und unbürokratisch bei Hanseatic Help Dinge umgesetzt werden können, weil alle an einem Strang ziehen. „Der Container für den Libanon war im Nu gepackt. Das ist unsere Kernkompetenz. Ich freue mich, dass ich dazu betragen kann“, sagt er.  

Wenn so viele unterschiedliche Typen zusammenkommen gibt es doch sicher auch mal Reibereien. „Hier trifft man zu 99,9 Prozent nette Menschen“, sagt der rüstige Senior, der auch schon einen Marathon bestritten hat. „Aber durch meine Arbeit als Betriebsrat und Gewerkschaftler habe ich gelernt, mit allen Menschen umzugehen. Auch mit denen, die man vielleicht nicht so mag. Das muss man trennen können. Wenn es Streitigkeiten gibt, sage ich immer: ,Das interessiert mich nicht, ich bin wegen der Sache hier. Ich tu es nicht für die Menschen, die hier sind, sondern für die, die etwas bekommen sollen.’ Da ist meine Toleranzschwelle ziemlich groß, denn ich hab’ in meinem Leben viel Glück gehabt und bin heute froh, dass ich einen Teil zurückgeben kann.“

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