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Demokratische Republik Kongo Panik in Goma: Warum nach dem Vulkanausbruch eine noch viel größere Katastrophe droht

Kinder auf der Flucht aus Goma: Der Gouverneur der Provinz im Osten des Kongos ordnete am Donnerstag eine teilweise Evakuierung der Stadt an
Kinder auf der Flucht aus Goma: Der Gouverneur der Provinz im Osten des Kongos ordnete am Donnerstag eine teilweise Evakuierung der Stadt an
© dpa
Am Samstag ist im Osten des Kongos der Nyiragongo ausgebrochen, mehr als 30 Menschen starben. Nun ordnete der Gouverneur der Provinz eine teilweise Evakuierung der Millionenstadt Goma an – denn die eigentliche Katastrophe könnte der Stadt erst noch bevorstehen.

Es ist eine der idyllischsten Landschaften des Planeten – und eine der gefährlichsten. Wer von Ruandas Hauptstadt Kigali gen Westen aufbricht, durchfährt erst die leuchtend grünen Teefelder, umkurvt die unzähligen Hügel des Landes, dann, kurz vor der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo tauchen sie auf, meist umgeben von Wolken: die majestätischen Virunga-Vulkane.

Und mittendrin, nur 20 Kilometer von der Millionenstadt Goma am Kivu-See entfernt, der breitfüßige, 3500 Meter hohe Nyiragongo, der gefährlichste der acht Berge überhaupt – in dem jetzt offenbar die Gefahr für eine Riesenkatastrophe lauert und der seit heute Zehntausende Menschen in die Flucht treibt.

Der Vulkan ist ein ständiges Risiko

Am vergangenen Samstag war der Nyiragongo ausgebrochen. Schon da hatten Menschen in Panik ihre Häuser verlassen, waren über die eigentlich geschlossene Grenze ins Nachbarland Ruanda geflüchtet. Lavaströme hatten mehrere Stadtviertel erreicht, wichtige Straßenverbindungen wurden durchtrennt. Ein Lavafluss bedrohte den wichtigen Flughafen von Goma, stoppte aber dann 300 Meter vor der Piste. 31 Menschen starben, 40 werden bis heute vermisst, 20.000 sind obdachlos geworden.

Die Nyiragongo ist ein ständiges Risiko für Goma – bei dem schlimmsten Ausbruch 1977 kamen mehr als 600 Menschen ums Leben – und doch ist er nur eine der Gefahren, derer sich die Menschen dieser Region tagtäglich ausgesetzt sehen. So verwunschen idyllisch die tiefgrünen Bergwälder wirken, so malerisch der Kivu-See liegt, in den Hunderte Landfinger hineinragen, so gefährlich ist das Leben hier.

Aus den Rissen in den Straßen trat Lava aus

Seit dem Genozid in Ruanda 1994, als sich erst Flüchtlinge, dann die Häscherbanden der Hutus hierher flüchten, wird die Region von Rebellen und Rebellionen heimgesucht. Vergewaltigung ist eine übliche Waffe in diesem ständigen Krieg jeder gegen jeden, die Klinik von Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege, in dem er mit seinem Team durch gezielte Vergewaltigungen malträtierte Frauen behandelt, liegt am Südende des Kivu-Sees, in der Stadt Bukavu. (Die Arbeit der Klinik wird von der Stiftung sternunterstützt.)

Der Ausbruch am Samstag schien denn auch zunächst eine tragische, aber vergleichsweise nur mittelgroße Katastrophe zu sein – wenn es nicht anschließend immer wieder zu Erdbeben gekommen wäre. In Goma stürzten Häuser ein, Risse taten sich auf den Straßen auf, aus denen manchmal sogar Lava austrat.

Normalerweise gehen Erdstöße einem Vulkanausbruch eher voraus – die unruhige Tektonik, verbunden mit dem Absacken des Kratersees im Nyiragongo sind für Vulkanologen nun ein Indiz dafür, dass ein noch viel größerer Ausbruch bevorstehen könnte, womöglich sogar direkt unter der Stadt.

Am Donnerstagmorgen kündigte der Gouverneur der Provinz eine teilweise Evakuierung von Goma ein. Es könne sein, dass man vor dem nächsten Ausbruch "keine Vorlaufzeit habe".

Eine Idylle, in dessen Tiefe der Tod lauert: Der Kivu-See an der Grenze zwischen Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo
Eine Idylle, in dessen Tiefe der Tod lauert: Der Kivu-See an der Grenze zwischen Ruanda und der Demokratischen Republik Kongo
© Gettyimages

Seitdem herrscht Panik in der Stadt. Zehntausende Menschen haben sich in einer endlosen Karawane in Richtung der 20 Kilometer entfernten Kleinstadt Sake aufgemacht, zu Fuß, in Autos, beladen mit allem, was sie tragen konnten. Es ist einer der wenigen Wege aus der Stadt hinaus. Die Flughäfen von Goma und Bukavu sind gesperrt. Auch die Fährverbindung über den Kivu-See nach Goma ist derzeit noch ausgesetzt. Und aus Sake kommen schon jetzt die Warnungen: Es gebe weder genug Wasser noch Platz in Krankenhäusern – die Menschen von Goma stecken in der Falle.

Die größte Gefahr aber lauert nicht im Vulkan, sondern im Kivu-See. Dort in der Tiefe sind riesige Mengen von Methan und Kohlendioxid gelöst. Eine Eruption am Seeboden könnte die Gase auf einen Schlag entweichen lassen. Ein interner Bericht der vulkanologischen Beobachtungsstation von Goma malt das Schreckensszenario aus: "Die in den tiefen Schichten gelösten Gase steigen auf, besonders das CO2, und ersticken alle Lebewesen an den Ufern des Sees."

Das Resultat, so die Vulkanologen: "Tausende Tote".

Wenn Sie den Menschen in Goma helfen wollen: Wir leiten Ihre Spende an uns bekannte und vor Ort tätige Hilfsorganisation weiter. Stiftung stern e.V. DE90 2007 0000 0469 9500 01 Stichwort "Goma" www.stiftungstern.de


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