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Serie "Landsleute" Die Tochter und die Apotheke: Wenn auf dem Tresen plötzlich Sexspielzeug liegt

„Ich hatte kein richtiges Kinderzimmer. Ich war Teil der Apotheke“, sagt Anna Genger
„ Ich hatte kein richtiges Kinderzimmer. Ich war Teil der Apotheke“, sagt Anna Genger
© Philipp Wente/stern
Sie ist in der Apotheke ihrer Mutter aufgewachsen. Und wollte niemals dorthin zurückkehren. Dann bekam Anna Genger einen Anruf. Und macht nun aus der Rotlicht-Apotheke ein Sex-Museum.

Sie steht dort noch immer wie hineinmontiert, zögerlich auch. Als müsste sie sich erst wieder daran gewöhnen. An den Ort, den Alltag. St. Pauli, draußen schon wieder Kiez. Das Licht fällt durch beklebte Scheiben. Ab und an klingeln die Nachbarn. Weil sie den Müll in die falsche Tonne geworfen hat. Weil sie die Treppe noch fegen soll. Dann flucht sie und mischt ein wildes Englisch in ihre sonst leisen Sätze. Dann macht sich das andere Leben bemerkbar. Die Weiteweltsicht, Souvenirs einer Rastlosen.

Anna Genger hat in London gelebt und in New York. In Paris, in Edinburgh und in Berlin. Sie ist Künstlerin. Manchmal radikal am Rand, manchmal einsam auf der Flucht. So musste sie früh hinaus in die Welt, ihrer Sehnsucht folgen. Diesem Drang, so nennt sie es, nach Freiheit. Nach Unabhängigkeit.

Ganz wichtig, sagt sie gleich, war es, alles hinter sich zu lassen.

Und eigentlich, da sind wir nun, wollte sie nie mehr zurückkommen. Nicht nach Deutschland, nicht nach Hamburg, und nach Hause erst recht nicht. Weil jede Rückkehr doch nur ein Eingeständnis gewesen wäre. Ein Beweis.

Schwäche und Scheitern.

Neuanfang und Ende zugleich

Nun aber steht sie wieder am Ort ihrer Kindheit. In den alten Räumen der Mutter. Die Theke in Hüfthöhe, das Holz dunkel und schwer an den Wänden. In den Regalen ruhen bauchige Flaschen, manche milchig und blind, als wären noch Geister darin. Darunter liegen die Geräte, elektrisch und geil, mit denen sie ihnen begegnet. Objekte, mit Lust aufgeladen, die eine neue Geschichte erzählen sollen. Und im Flur, in einem Schrank hinter Glas, hängt ein Zeitungsartikel: Rotlicht-Apotheke wird Sex-Museum. Es ist eine Schlagzeile, die nach Neuanfang klingt und trotzdem vom Ende einer Reise erzählt.

Lucas Vogelsang kannte St. Pauli bislang vor allem bei Nacht oder bei Flutlicht. Totenkopf und Tanzlokale. Die Apotheke hatte er deshalb vorher nie bemerkt. Hinter der Tür aber ist die Zeit tatsächlich stehen geblieben. Die Uhr dort zeigt immer fünf vor zwölf. Im stern schreibt Vogelsang die Serie "Landsleute" - alle Texte von ihm finden Sie hier.
Lucas Vogelsang kannte St. Pauli bislang vor allem bei Nacht oder bei Flutlicht. Totenkopf und Tanzlokale. Die Apotheke hatte er deshalb vorher nie bemerkt. Hinter der Tür aber ist die Zeit tatsächlich stehen geblieben. Die Uhr dort zeigt immer fünf vor zwölf. Im stern schreibt Vogelsang die Serie "Landsleute" - alle Texte von ihm finden Sie hier.
© Philipp Wente

Und Anna Genger setzt sich hinter die Theke, die Beine sorgsam übereinandergeschlagen, das Kleid wie beiläufig glatt gestrichen, und begibt sich hinein. Ein Kopfsprung auch, weil sie nun Bilder über Bilder und Jahre über Jahre legt.

Sie ist hier aufgewachsen, älteste Apotheke St. Paulis, fast 50 Jahre Heimat der Mutter. Hing als Säugling im Türrahmen, saß als Mädchen auf der kleinen Bank aus Holz. Ich hatte, sagt Genger, kein richtiges Kinderzimmer. Ich war Teil der Apotheke, ich gehörte dazu.

So verbrachte sie die Nachmittage mit den Kunden und Tiegeln, den Salben und Tinkturen. Ein Abenteuerspielplatz, gleich nach der Schule. Dann musste sie helfen, die richtigen Handgriffe lernen, füllte Bonbons ab und Tee, goss Flüssigkeiten in Flaschen. Kinderstube.

"Ich hatte kein richtiges Kinderzimmer. Ich war Teil der Apotheke"

Die Mutter war spät Mutter geworden, 42 Jahre alt schon. Der Vater, ein flüchtiger Irrtum, auch heute ein müdes Lächeln nur.

Die Apotheke, sagt Anna Genger, war Familie. Die Mitarbeiter haben sich gekümmert, wenn die Mutter nicht konnte, weil vorne wieder Betrieb war. Die nächste Bestellung, der immer große Andrang.

Weil aus dem Laden irgendwann das Leben geworden war.

Das Wort der Mutter, Bibel und Grundgesetz

Ihre Mutter, so erzählt sie es nun, war immer dort, arbeitete an manchen Tagen zwölf Stunden. An anderen mehr. Dann schlief sie zwischen Rezepten. So blieb sie eine Abwesende, verschwand am Abend hinter Büchern, in Zeitungen. Versank in klassischer Musik und war doch seltsam präsent. Als Mutter. Und als Autorität, kiezbekannt, die in ihren wachsten Momenten jeden Raum bestimmen, die Temperatur verändern konnte. Ein Wesen, einnehmend und dominant.

Ihr Wort Bibel und Grundgesetz. So erzählt es die Tochter.

Sie hatte eine große Macht über mein Leben, sagt Genger jetzt, sie war immer die oberste Instanz. Dann wiegt sie die Wörter, weil sie um das Gewicht ihrer Erzählung weiß. Dann fallen Sätze, die hart klingen und trotzdem weich fallen. Weil das hier eine Bilanz sein soll. Und keine Abrechnung. Das ist ihr wichtig.

Auch weil das Leben seither, die Freiheit und Unabhängigkeit, ohne die Mutter gar nicht möglich gewesen wäre.

Damals aber, sie war 20 Jahre alt gerade, musste sie Hamburg verlassen, um sich zu entziehen, einmal aus dem Schatten zu treten.

Die Apotheke zu eng, das Leben darin erdrückend.

Neue Nähe durch Entfernung

So ging sie nach London und studierte dort Kunst. Acht Jahre blieb sie in England. In dieser Zeit, die Flüge kaum zu bezahlen, das Internet noch eine Werbung mit Boris Becker, wurde ihre Mutter zur Stimme am Telefon. Dann führten sie Ferngespräche, manchmal stundenlang. Dann konnten sie doch über alles reden. Meine Mutter, sagt sie jetzt, war eine fantastische Telefonpartnerin. Und es war die Entfernung, die Freiheit, das Gespräch jederzeit beenden zu können, die eine neue Nähe möglich machte.

Das, sagt Anna Genger, hat der Beziehung sehr gutgetan.

Die Mutter, sie hat immer ein ganz eigenes Leben geführt. Und das meiste davon für sich behalten. Versteckte Kämpfe, sie gönnte sich Geheimnisse. Die Hauptrolle etwa, die sie einst spielte, als junge Frau in einem Film von Peter Fleischmann. Den Kredit, den sie aufgenommen hatte, um der Tochter das Studium zu finanzieren. Oder die Reise mit dem Zug nach Berlin, wo sie dann stundenlang in einer Galerie saß und jede Arbeit des Kindes beschaute. Von alldem hat Anna Genger erst später erfahren.

Am Telefon aber, so auf die Distanz, konnte sie ihrer Mutter noch einmal anders begegnen. Die Ohren auf Augenhöhe. London, die vielleicht beste Zeit. Sie ist dann trotzdem nach Berlin gezogen, für die Kunst. Und schließlich nach New York, für die Liebe. Eine Stadt, wie gemacht für den Drang. Doch sie blieb eine Fremde dort, zu europäisch für die Gewohnheiten der eher prüden Amerikaner. Sie muss lachen, wenn sie heute daran denkt.

Ihre Mutter stand derweil in der Apotheke. 80 Jahre alt jetzt, noch immer 80 Stunden in der Woche im Laden. Ruhestand, das in ihren Ohren böse Wort. Sie wollte nichts davon hören.

Die Dinge, das habe sie immer gesagt, müssen einander die Waage halten. Fluch und Segen, Glück und Unheil. Und der Krug geht so lang zum Brunnen, bis er bricht. Das war ihr Lieblingsspruch, sagt Genger.

Im August 2018 aber kippte die Waage, brach der Krug.

Rückkehr nach St. Pauli

Und Anna Genger, längst wieder in Berlin, bekam einen Anruf. Am anderen Ende eine Angestellte der Mutter, in Tränen aufgelöst. Ein Hilferuf. Der Zustand, in wenigen Wörtern erklärt. Die Kraft aufgebraucht, die Schmerzen zu groß. Es ging nicht mehr. Da packte sie, selbstverständlich, die Koffer und fuhr wieder nach Hause. Hamburg, Apotheke, St. Pauli. Brachte ihre Mutter in die Notaufnahme. Schloss den Laden ab und regelte die Dinge. Das war, sagt sie heute, kein ruhiger Abgang. Und für meine Mutter ein sehr überstürztes Ende.

Damit begann es. Anna Genger, nun allein in der Apotheke, stand plötzlich knöcheltief im Erbe der Mutter. Watete hindurch. Es war voll hier, sagt sie jetzt, meine Mutter hatte nie Zeit zum Aufräumen.

So häuften sich dort Dokumente und Schmuck, Tand und Überbleibsel. Trash next to treasure, sagt Genger. Das oft zu kleine Wort Habseligkeiten. Es gab, sagt sie, nur die Möglichkeit, sich dem anzunehmen oder es zurückzulassen. Die Apotheke, eben auch ein Teil von ihr, Fluch und Segen. Familie. So behielt sie das Holz, so übernahm sie die Miete.

Zuerst aber musste sie die Räume wieder zugänglich machen, den Ort in ihre eigene Sprache übersetzen. Mit beiden Händen im Abraum der Jahre. Diese Entrümpelung, sagt sie, war ein Stück Klarheit für mich. Ich brauchte das, um mit der Vergangenheit abschließen und etwas Neues beginnen zu können.

Ein neues Leben

2019 dann hatte sie die Idee mit den Dildos, den Vibratoren. Nun soll die Apotheke ein Museum werden. Für die Lust, die Sexualität. Wieder ein bisschen Abenteuerspielplatz.

Auf dem Tresen liegt nun Sexspielzeug. Das blaue Ei ist ein DDR-Vibrator, das ehemalige Luxusmodell
Auf dem Tresen liegt nun Sexspielzeug. Das blaue Ei ist ein DDR-Vibrator, das ehemalige Luxusmodell
© Philipp Wente

Meine Mutter, sagt sie, ist einverstanden damit.

Vor ein paar Monaten hat Anna Genger eine Wohnung über der Apotheke gemietet, nun wohnen sie dort gemeinsam. In den Räumen einer ehemaligen Gynäkologie. Und am Abend schaut die Mutter Fernsehen, liest Zeitungen und Bücher. Oder verschwindet hinter ihrer Krankheit. Die Apotheke dann so nah und gleichsam so fern wie niemals zuvor. Im vergangenen Jahr, an ihrem Geburtstag, stand die Mutter noch einmal unten, am Tresen, wie früher. Da aber hatte sich der Ort schon verändert, hatten sich die Verhältnisse längst verkehrt.

Mutter und Tochter, zusammen in alten Räumen.

Seit der Schließung des Geschäfts, sagt Genger jetzt, bin ich das Familienoberhaupt. Die Chefin.

Mutter und Tochter, für beide ein neues Leben.

Erschienen in stern 10/2021

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