HOME

Herausragendes Beispiel unterhaltsamer, humorvoller Berichterstattung: Das "Streiflicht"

none

Einzige Nominierung in dieser Kategorie ist die Kolumne "Streiflicht" der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG.

Hermann Unterstöger hat - seiner Zeit voraus - schon 1995 in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG dazu folgenden Bericht verfasst:

Vom Plunder zum Wunder


Erschienen in SÜDDEUTSCHE ZEITUNG vom 06.10.1995

Nach fast fünfzig Jahren muß sie heraus: Die Wahrheit über das Streiflicht. Wie es erdacht wird - wie es gemacht wird - wieviel Zeilen es hat / Ein Werkstattbericht

Von Hermann Unterstöger

Ein Werkstattbericht wie dieser wäre noch vor einigen Jahren undenkbar gewesen. Damals hing man der "Genie-Doktrin" an, welche die Existenz der Streiflichter, sehr verkürzt gesagt, auf den Musenkuss zurückführt, in diesen Texten also ein irgendwie unerklärbares schöpferisches Prinzip, etwas gewissermaßen Numinoses, walten sieht bzw ahnt. Der Welt war die Doktrin in vielerlei Ausformungen geläufig: Dass ein einzelner Mensch (Enzensberger war im Gespräch, seltener auch Augstein) alle Streiflichter schreibt; dass alltäglich vom Himmel eine Taube naht und ausgewählten Redakteuren 73 Zeilen einbläst; dass die Texte vom Anbeginn der Zeit vorgeschrieben sind und der jeweils auf den Tag passende nur noch aus einer Vorratskammer geholt werden muß; und was der Theorien sonst noch waren.

Keine Stunde zu früh

Nach 50 Jahren SZ und 49,3 Jahren Streiflicht stehen wir auf dem Standpunkt, dass es für die Wahrheit keine Stunde zu früh ist. Es lautet aber dieses Wahrheit: Streiflichter werden geschrieben. Sie werden in einem sehr handgreiflichen, ja handwerklichen Sinn "gemacht", man könnte sogar sagen, sie werden "erstellt", insofern man unter dem Begriff "erstellen" durchaus Ehrenwertes subsumieren kann: ein Haus erstellen, eine Urkunde erstellen. Mag sein, dass die vermeintlich banale Richtigstellung bei Anhängern des poetischen Prinzips Enttäuschung auslöst. Andererseits könnte das "Wunder Streiflicht" nach einem Werkstattbericht gefestigter dastehen als je zuvor – "ein Wunder, sicher, doch in erster Linie ein Mirakel", wie in Verfasserkreisen gern geulkt wird. Wohlan denn, wie kommt ein Streiflicht zustande? Wahllos greifen wir in die Fülle der Begebenheiten, und es bleibt uns in der Hand eine dpa-Meldung vom 13. Juni dieses Jahres: In Kiel bedrohte ein maskierter Räuber die Verkäuferin einer Bäckerei mit einer Gaspistole; diese jedoch "bewarf ihn solange mit Schokoküssen, bis er das Weite suchte". Das also ist der Rohstoff unseres Werkstücks; innig wie selten fühlen wir uns dem Dichter Antoine de Saint-Exupéry verbunden, der vom Streiflicht einmal sagte, dass "nur der Geist, wenn er den Lehm behaucht", es erschaffen könne. Das Behauchen des dpa-Lehms beginnt im Archiv. Der Stoff wird eingekreist, und zwar mit Hilfe der Materialmappen "Kommunen" (Kiel), "Schleswig-Holstein/Kriminalität (ebenfalls Kiel), "Bewaffnete Kriminalität" (Räuber), "Dienstleistungsgewerbe" ( Verkäuferin), "Handwerk" (Bäckerei), "Handfeuerwaffen" (Gaspistole) und "Lebensmittel/Süßigkeiten" sowie "Erotik allgemein" (Schokoküsse). Der Autor nimmt alle Mappen unter den Arm und schlendert damit durch belebtere Korridore, was seinen Ruf als besonders gründlicher Rechercheur festigt. Ist er in seinem Zimmer, fällt die Pose nicht selten in sich zusammen. Die erste Krise ist da, und er fragt sich in seinem Herzen, warum er nicht die Meldung "Manager kennen Bierpreis besser als Zinsen" (Reuter) genommen hat. Das schriebe sich gewissermaßen von selbst: Nieten in Nadelstreifen und so weiter!

Erste Krise – kein Zurück

Bei diesem Stand der Dinge kommt meistens von irgendwo ein Lichtlein her, in unserem Fall aus dem Wörterbuch. Es erscheint nicht ausgeschlossen, dass sich aus dem Wort "kielholen" ein scherzhafter Funke schlagen lässt – schließlich wollte auch der Räuber sein Beute in "Kiel holen". Viel ist das noch nicht, zugegeben, aber es reicht dafür aus, dass der Verfasser ans Gerät geht und das erste Wort, das allen Streiflichtern gemeinsame "(SZ)", in den Bildschirm tippt. Ein Zurück gibt es jetzt nicht mehr. Die Disposition des Textes ist noch das einfachste. Sie folgt dem Schema jener Dreiteiligkeit, die sich aus dem Schriftbild widerspiegelt. Drei Absätze: Einleitung, Hautteil, Schluß. Das hat sich bewährt, das schafft die Verbindung sowohl zum Schulaufsatz als auch zu den Triptychen alter Meister. Läßt sich die Räubergeschichte nach diesem Muster aufbereiten? Wahrscheinlich. Man müsste in der Einleitung die Story rekapitulieren, witzig natürlich, sodann im Hauptteil eine Art Philosophie des Räuberwesens unter besonderer Berücksichtigung der plunderreichen norddeutschen Bäckereien ausbreiten und im Schluß noch einmal zu der Nachricht zurückkehren. Das wäre dann auch der Ort, um den Leser mit dem "Kielholen" oder einer anderen schönen Pointe zu erfreuen, vielleicht mit einer aus dem Fachwort "Plunder" geborenen Assoziation zu "plündern", eventuell sogar zu "Flunder", wobei freilich zu klären wäre, ob es, analog zur Kieler Sprotte, auch eine Kieler Flunder gibt. Das Streiflicht verspricht gut zu werden.

Risikolos oder unerhört?

Der Einstieg zu Räuber-Streiflichtern ist schwer. Man kann mit dem Räuber Kneißl beginnen, der, als er an einem Montag gehängt werden sollte, sagte: "Die Woche fängt ja schon wieder gut an!" Nach diesem Auftakt kommt man allerdings nur noch schwer zum Thema. Die zweite Möglichkeit geht etwa folgendermaßen: "(SZ) Im Rahmen unserer lockeren Serie Der Räuber und wir entführen wir dich, geneigter Leser, heute in den hohen Norden, nach Kiel, wo...". Abgesehen davon, dass der "geneigte Leser" seit längerem ein striktes Auftrittsverbot hat, ist dieser Anfang zwar risikolos, aber auch nicht direkt preisverdächtig. Man wird also das Ausgefallene suchen, das nie Dagewesene, das Unerhörte. Unsere Erfahrung geht dahin, dass etwas Klassisches den Leser immer wieder fesselt und ins Streiflicht hineinzieht. Wir greifen deshalb oft zu Goethes Gesprächen mit Eckermann, was den Vorteil hat, dass man, wenn sich nichts Einschlägiges findet, mit einigem Stilempfinden das Passende nachdichten kann. Die Räuber-Philosophie im Hauptteil ist etwas leichter, aber beileibe kein Kinderspiel. Hier gilt es der Versuchung zu widerstehen, dass man allerlei Präzedenzfälle und Parallelen heranzieht und darüber das Räuberische als solches aus den Augen verliert, das Prinzip Raub sozusagen, dieses ewige Stehlen und Gestohlen werden (von wo aus sich wie von selber ein feines Wortspiel mit "kann uns gestohlen bleiben" ergibt). Dass wir den Räuber als Glied der bunten menschlichen Gesellschaft sehen, versteht sich. Andererseits muß man auf der Hut sein, zeigt doch die Praxis, dass man sich aus Menschenliebe oft unversehens mit dem verbrüdert, den zu geißeln man sich vorgenommen hat; in dem Fall mit dem Räuber, der ja auch sein Bündel zu tragen hat und sicher lieber im Kirchenamt der Nordelbischen Kirche oder im Institut für Meereskunde säße, als in Kieler Bäckereien seinem Broterwerb nachzugehen. "Brot"-Erwerb! In Bäckereien! Das wird morgen früh in der U-Bahn wieder so manches Schmunzeln und "Kuck mal, was die da schreiben" geben, da kann man Gift drauf nehmen.

73 widerborstige Zeilen

Eine letzte Recherche noch, betreffend die "Schokoküsse": bei der Kieler Bäcker-Innung nachfragen, ob sie womöglich identisch sind mit unseren "Negerküssen", die aber heutzutage aus Gründen der political correctness anders heißen und deshalb im Text allenfalls zwischen den Zeilen aufscheinen sollten. Überlegenswert in diesem Zusammenhang auch, ob die Verkäuferin den Räuber mit Handküssen vertrieb, aus denen die Agentur in euphemistischer Liebesdienerei Schokoküsse machte. Der Rest ist Handarbeit. Vor uns Tastatur und Bildschirm, hinter uns der drohende Reaktionsschluß. Links der Rechtschreib-Duden, rechts der Duden der "sinn- und sachverwandten Wörter und Wendungen", über uns eine völlig unkooperative Muse und nach uns die Sintflut. Der Text muß 72 Zeilen haben. Um ihre Widerborstigkeit und Unabhängigkeit in geistigen Belangen zu demonstrieren, füllen die meisten Autoren 73 Zeilen, manchmal – von Freitag auf Samstag zum Beispiel - sogar 74. Soweit in Kürze die Wahrheit über das Streiflicht.

Vervielfältigung der Inhalte ist ohne Genehmigung der Autoren nicht gestattet

print