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Herausragendes Beispiel unterhaltsamer, humorvoller Berichterstattung: Kolumne: Und was mache ich jetzt?

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Erschienen in DER TAGESPIEGEL 2005

Axel Hacke

Und was mache ich jetzt? - Ausgewählte Texte


10.07.2005
1996 hat jemand eine statistische Untersuchung gemacht, deren Ergebnis war: In den USA gab es in jenem Jahr 10907 Unfälle mit Putzkübeln, bei denen Menschen zu Schaden kamen, hingegen wurden nur 18 Personen bei Zwischenfällen mit Haien verletzt. Trotzdem ist nach wie vor alle Nase lang von der Gefährdung des Menschen durch Haie die Rede, gerade wieder hört man von einem Weißen Hai, der vor Kroatiens Küste mit frisch geputzten Zahnreihen auf Opfer wartet, und in Florida sind drei Teenager von Haien überfallen worden, eine 14-Jährige kam zu Tode. Vom Unheil, das durch Putzkübel tagtäglich angerichtet wird, schweigt die Presse.

Aber erst noch mal zum Haifisch: Wenn man den Leuten glaubt, die sich mit ihm auskennen, ist er im Grunde harmlos. Bisschen neugierig, bisschen doof, neigt zu Verwechslungen. Das Mädchen, das in Florida starb, paddelte auf einem Schwimmbrett; so was ist immer gefährlich, weil Haie Schwimmbretter und Schildkröten nicht auseinander halten können, und Schildkröten beißen sie nun mal gern die Beine ab und den Kopf, wenn es sich so ergibt. Menschenfleisch jedoch mögen sie nicht, es ist ihnen nicht fett genug, und sie spucken es aus, bloß nützt einem das nichts, wenn man mit einem vom Blauhai ausgespuckten Bein unter dem Arm in warmem Salzwasser liegt - und kein Chirurg weit und breit.Vor Haien kann man sich schützen. Wenn man badet und ein Hai kommt: ruhig bleiben, versichern alle Hai-Experten. Sich senkrecht im Wasser positionieren, weil Haie senkrechte Objekte nicht kennen. Auf ihn zuschwimmen? Okay. Manche schlagen ihm sogar auf die Schnauze, andere drücken seine Augen ein, das ist aber umstritten, manchen ekelt es auch. Hat der Hai zugebissen, nicht vergessen: Er macht bloß einen Geschmackstest und lässt gleich wieder los.

Übrigens: Man muss nicht im Meer baden! Man kann Haien aus dem Weg gehen - anders als dem Putzkübel. Ihm begegnet man täglich. Er lebt in Wohnungen. Er verbirgt sich in Kammern. Doch plötzlich: Sein Rachen gähnt uns an. Oder er tarnt den Schlund mit Putzlappen. Man steigt mit dem Fuß versehentlich hinein. Man rutscht auf Seife aus. Man bricht sich dies und jenes.

Würde jeder Putzkübel-Unfall in den Zeitungen so groß aufgemacht wie ein Hai-Biss, die Menschen würden durch ihre Wohnungen schleichen, sie würden mit Stöcken nach herumstehenden Putzkübeln schlagen, im Abenteuer-Urlaub würden sie sich in Käfigen aus Titan an Putzkübel heranschieben lassen. Spielberg würde "Der Weiße Eimer" drehen, und in der Bibel hörten wir von Jona, der drei Tage und Nächte im Bauch eines Scheuereimers lebte und von dort mit blecherner Stimme zum Herrn betete.

Aber nichts von alledem. Irgendwo vor Kroatien schwimmt schüchtern ein Hai, aber hier, gleich im Schrank, wartet das Grauen.

27.03.2005


Ich esse übrigens zum Frühstück keine Eier mehr, seit ich gelesen habe, dass (medizinischen Studien zufolge) die im Ei enthaltenen Stoffe Carotin und Retinol besseres Nachtsehen bewirken. Warum sollte ich morgens meine Fähigkeit zum Nachtsehen verbessern, das wäre idiotisch. Eier nur abends, es sei denn Schokoladeneier! Schokolade macht glücklich, wie medizinische Studien ergeben haben. Sie enthält Substanzen, die an die Opiatrezeptoren im Gehirn andocken, die für körpereigene Glückshormone bestimmt sind, genau: die Endorphine.

Ähnliches gilt ja für Tomaten. Ich glaube, es hat was mit dem Farbstoff Lycopin zu tun, der in ihnen steckt und dessen Aufnahme im Körper noch verbessert wird, wenn man die Tomaten erhitzt - falls ich mich richtig an entsprechende medizinische Studien erinnere. Aber ich erinnere mich in der Regel gut, den ich esse viel Linsensuppe, und Linsen erhöhen die Gedächtnisqualität enorm, wenn man entsprechenden medizinischen Studien folgt. Ich darf sagen, der schönste Tag in meinem Leben wurde mit einem Frühstück aus Schokolade und erhitzten Tomaten eingeleitet, es war reines Glück, zumal ich ein Glas Rotwein gegen Arteriosklerose eingenommen hatte. Regelmäßiger Rotweingenuss macht Arterienverkalkung praktisch unmöglich, haben medizinische Studien mehrmals belegt.

Außer Tomaten esse ich nur wenig Gemüse, seit medizinische Studien ergeben haben, dass Obst und Gemüse erheblich weniger vor Krebs schützen, als Verfasser medizinischer Studien lange Zeit glaubten. Dafür trinke ich mehr Kaffee. Über Jahrzehnte hinweg hieß es in medizinischen Studien, Kaffee senke den Flüssigkeitsspiegel im Körper so dramatisch, dass man zu jeder Tasse ein Glas Wasser trinken solle. Das ist aber unwahr, belegen neueste medizinische Studien.

Hingegen ergibt sich aus allerneuesten medizinischen Studien, dass Kaffee vor Leberkrebs und Parkinson schützt. Und russische Forscher haben in einer medizinischen Studie herausgefunden, dass Kaffee ängstlich mache. Sie verabreichten Ratten koffeinhaltige Getränke und beobachteten dann, dass sie sich vor abgedunkelten Ecken ihres Käfigs fürchteten, die Ratten jetzt, nicht die Forscher. Ich bestätige das. Nach zwei Tassen Kaffee fürchte ich mich vor dunklen Ecken meines Käfigs dermaßen, dass ich nach dem Wärter rufe und ihn um erhitzte Tomaten bitte.

Interessant, dass Lakritze Herpes viren zur Selbstzerstörung treibt, wie ich einer medizinischen Studie entnahm. Andererseits kann sie, wie mehrere medizinische Studien belegen, zu Bluthochdruck führen. Ich warte da noch weitere Studien ab, wobei ich irritiert wurde durch eine Meldung, derzufolge 80 Prozent aller medizinischen Studien mangelhaft seien. Jedenfalls ist dies das Ergebnis einer medizinischen Studie.

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