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Jahresrückblick 2007: Sushi im Deutschen Herbst

Ein Stück deutscher Geschichte, das nie Geschichte sein wird: Der "Deutsche Herbst", jene 44 Tage, in denen der RAF-Terror Deutschland fest im Griff hatte, jährte sich 2007 zum 30. Mal. Doch nun stehen seit Jahrzehnten das erste Mal nicht mehr nur die Täter im Mittelpunkt: Inzwischen interessiert man sich auch für die Opfer.

Von Martin Knobbe

Es war wie eine Prophezeiung, was der Politologe und RAF-Forscher Wolfgang Kraushaar im März dieses Jahres in einem Interview mit stern.de sagte: "Die RAF wird nie Geschichte sein." Was in den Monaten danach folgte, bestätigte seine These: Die Deutschen diskutierten so leidenschaftlich über den Terrorismus der 70er und 80er Jahre, als hätten sie die RAF gerade erst entdeckt. Selbst dann noch, als im Herbst eine Erinnerungslawine in Form von Filmen und Büchern, Zeitungsserien und Podiumsdiskussionen über sie hereinbrach, dass man des Themas auch schnell müde hätte werden können.

Der so genannte "Deutsche Herbst", also jene 44 Tage, in denen der RAF-Terror die Republik fast still stehen ließ, jährte sich in diesem Jahr zum 30. Mal. Doch die Debatte über Baader, Meinhof und ihre Anhänger begann schon im Frühjahr, spätestens in der Nacht auf den 25. März, als die ehemalige RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt nach 24 Jahren Haft aus der Justizvollzugsanstalt Aichach entlassen wurde. "Schlimmste Terroristin frei", titelte die Bild, und deren Kolumnist Franz Josef Wagner malte sich aus, wie die "Mörderin" in der Sonne sitzt und Sushi kostet, denn "das gab es zu Ihrer Zeit nicht". Wie Mohnhaupt heute tatsächlich lebt, was sie über ihre damaligen Taten denkt und über die RAF insgesamt, blieb der Öffentlichkeit allerdings bislang verborgen. Brigitte Mohnhaupt schwieg und tauchte ab. Wie so viele der ehemaligen RAF-Terroristen.

Der Sohn des Opfers setzte sich für Klar ein

Noch kontroverser wurde die Debatte, als Bundespräsident Hort Köhler über das Gnadengesuch des Ex-Terroristen Christian Klar zu entscheiden hatte. Der 54-jährige Klar sitzt seit 1982 im Gefängnis in Bruchsal. Kurz vor dem Beschluss des Präsidenten meldete sich im Spiegel ein anderer Ex-Terrorist zu Wort und entlastete seinen früheren Genossen: Peter-Jürgen Boock behauptete, Stefan Wisniewski habe am 7. April 1977 den damaligen Generalbundesanwalt Siegfried Buback erschossen und Christian Klar habe nur im Fluchtauto gesessen. Ab da wurde die Debatte absurd: Eine verdutzte Öffentlichkeit vernahm, wie sich Michael Buback, der Sohn des ermordeten Generalbundesanwaltes, plötzlich für die Begnadigung Klars einsetzte.

Da dieser nicht direkt an der Ermordung seines Vaters beteiligt gewesen sei, solle er auch "nicht länger als alle anderen Mörder aus den Reihen der RAF in Haft bleiben", schrieb Michael Buback in einem Gastbeitrag für die Süddeutsche Zeitung. Bundespräsident Köhler lehnte das Gnadengesuch Anfang Mai aber dennoch ab. Er hatte Stellungnahmen von Behörden und Kriminologen angefordert, sich mit den Hinterbliebenen der Opfer getroffen, aber auch mit Klar selbst. Dieser kommt nun frühestens Anfang 2009 frei. Die juristische Aufarbeitung der neuen Hinweise läuft erst an: Die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe hat die Ermittlungen zu den alten Fällen wieder aufgenommen.

"Für die RAF war er das System, für mich der Vater"

Peter-Jürgen Boock, bekannt dafür, dass er in seiner eigenen Biografie ein eher taktisches Verhältnis zur Wahrheit pflegte, äußerte sich noch öfter in diesem Jahr mit neuen Erkenntnissen. In seinem Heimatmedium Spiegel nannte er auch die mutmaßlichen Mörder von Hanns Martin Schleyer, den die RAF-Terroristen am 5. September 1977 entführt und nach 44 Tagen Geiselhaft erschossen hatten. "Es waren zwei Kommandomitglieder, Rolf Heißler und Stefan Wisniewski", sagte Boock. Dass er sein jahrelang geheim gehaltenes Wissen ausgerechnet kurz vor der Ausstrahlung einer ARD-Dokumentation, die von einem Spiegel-Mann recherchiert worden war, offenbarte, wurde kritisch kommentiert: "Die angeblich nicht mehr existierende RAF selbst bestimmt, ob Licht ins Dunkel kommt", schrieb Reinhard Müller in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ein paar Wortmeldungen aus der ehemaligen "Kommandoebene" würden ausreichen, "um die Republik wieder erzittern zu lassen."

Doch es standen nicht alleine die Täter im Mittelpunkt, man interessierte sich nun endlich auch für die Opfer des RAF-Terrors. Die Journalistin Anne Siemens widmete ihnen ihr Buch "Für die RAF war er das System, für mich der Vater", das große Beachtung fand. Und Bundestagspräsident Norbert Lammert mahnte in einer Rede auf der offiziellen Gedenkveranstaltung der Bundesregierung, den Angehörigen der ermordeten RAF-Opfer mehr Respekt entgegen zu bringen. "Sie haben miterleben müssen, wie Täter nach Verbüßung ihrer Haftzeit in Freiheit entlassen wurden und darauf bestanden, nicht mehr als Mörder oder Terroristen bezeichnet zu werden, sondern allenfalls als Ex-Terrorist", sagte Lammert am 24. Oktober im Deutschen Historischen Museum in Berlin vor 300 Gästen. Für sie selbst gelte dieser rechtstaatliche Anspruch allerdings nicht - denn "Ex-Opfer gibt es nicht".