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Jahrhundertflut: Als Herings ein Goldfisch zuschwamm

Die Familie Hering aus Dresden staunte nicht schlecht, als ihnen während der großen Flut im August 2002 ein Goldfisch zuschwamm. Der Vorfall ist bemerkenswert, weil ihr Haus hunderte Meter vom Wasser entfernt auf dem Trockenen stand.

Im August 2002 schwamm Familie Hering aus dem Dresdner Stadtteil Laubegast ein Goldfisch zu. Der Vorfall ist deshalb bemerkenswert, weil das Haus der Herings normalerweise ein paar Hundert Meter vom Wasser entfernt auf dem Trockenen steht. Doch in jenen Augusttagen gab es in Laubegast keine Normalität. Vom Hochwasser der Elbe eingeschlossen, blieb das Viertel tagelang isoliert. Ein Jahr später feiern die Bewohner nun ein Inselfest. Vom 15. bis 17. August soll auf Straßen und Plätzen an ein Ereignis erinnert werden, dass neben Verlusten auch Hoffnungen brachte.

"Die Straße entlang geschwommen"

Der Flyer zur Party enthält ein Foto vom Goldfisch-Steckbrief, mit dem Kerstin und Peter Hering nach dem Besitzer suchten. "Der Fisch kam damals die Straße entlang geschwommen. Unsere Kinder fingen ihn. Vermutlich stammte er aus einem Gartenteich", sagt der Vater und zeigt auf vormals überflutete Gartenanlagen in der Nachbarschaft. Sogar einen Karpfen habe er zwischen den Garagen gesichtet. Später meldete sich ein Mann und holte den Goldfisch ab. "Angeblich hat er ihn wiedererkannt", sagt der 42-jährige noch immer zweifelnd.

Damals schauten die Laubegaster ungläubig auf die Elbe, die sonst gemächlich unterhalb der Uferstraße in Richtung Stadtmitte fließt. Ungewöhnlich rasch war der Fluss angestiegen und hatte schon bald das Laubegaster Ufer unter Wasser gesetzt. Dann liefen in den Häusern angrenzender Straßen die Keller mit Grundwasser voll. Am 14. August fiel in den meisten Häusern der Strom aus, einen Tag später war die Insel Laubegast perfekt. Wie viele der rund 11 200 Einwohner dem Aufruf zur Evakuierung folgten, ist nicht bekannt. Das Territorium des 235 Hektar großen Stadtteils schrumpfte jedenfalls arg.

Leben auf der "Isola di Laubegast"

Die Herings waren reif für die Insel. Als Camping-Fans hatten sie sich auf das Leben abseits der Zivilisation bestens eingestellt. Bier und Wasser standen genauso bereit wie Lebensmittel, Benzinkocher, Batterien und Grillkohle. "Wir haben jeden Tag etwas auf das Rost gelegt. Als der Strom weg war, musste die Kühltruhe geleert werden", erinnert sich Peter Hering an das Leben auf der "Isola di Laubegast". Der Zusammenhalt der Leute sei das Schönste am Hochwasser gewesen. Die Hilfsbereitschaft in den Zeiten der Not war uferlos.

Auch Steffen Dreier wurde Insulaner. Der Bauexperte schrieb damals seine Diplomarbeit. Auf der Insel Laubegast war er freilich zunächst in anderer Mission gefragt. Dreier besaß ein Kanu und fuhr damit mehrmals ans Festland, um Nahrung zu besorgen. Knoblauch, Bier und Grill-Utensilien sind ihm als begehrteste Waren in Erinnerung. "Es war eigentlich nicht lustig. Ich sah, dass es vielen in dieser Lage nicht gut ging", sagt der 31-jährige und erzählt von Leuten, die in den wenigen noch trocken gebliebenen Teilen Laubegasts hilflos ausharrten. Das Gemeinschaftsgefühl habe aber vieles ausgeglichen.

Ein Inselfest als Mutmacher

Dreier begriff das Außergewöhnliche der Lage und dachte schon zu Inselzeiten an ein Fest. Aber erst im Januar 2003 wurde die Idee konkret. Damals hatte ein neuerliches Elbe-Hochwasser schon wieder die Uferstraße geschluckt. Leute, die ihre Häuser notdürftig saniert hatten, stapelten erneut Sandsäcke und pumpten Keller aus. "Wir möchten das Inselfest jährlich begehen. Es soll den Einwohnern Mut machen", sagt Dreier. Die meisten haben ihn ohnehin nicht verloren. Nur wenige zogen weg. Das Viertel ist nach wie vor begehrt. Am Ufer gibt es jetzt freilich ein paar freie Wohnungen.

Zum ersten Jahrestag gibt Laubegast seine Insellage vollends auf. Das Programm mit Konzerten, Sportwettkämpfen, Theater und Tanz ist international. Der Himalaya-Bergsteiger und Laubegaster Götz Wiegand lässt einen nepalesischen Koch auf die Ex-Insel einfliegen. Auch Künstler anderer Nationen sind groß vertreten. Nur die Elbe fließt nach langer Trockenzeit auf unterstem Level an Laubegast vorbei.

Jörg Schurig / DPA
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