Kommentar "Es mangelt ihm an Reife"


Der jüdische Schriftsteller Rafael Seligmann begründet, warum Michel Friedman von seinem Ehrenamt als Vizepräsident des Zentralrats der Juden zurücktreten sollte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den TV-Moderator und Anwalt wegen Drogenmissbrauchs.

Der Fall Friedman ist ein Exempel für die fortwährende Unnormalität im deutsch-jüdischen Verhältnis. Diese Beziehung wird bis heute geprägt von Schuldgefühlen, vor allem aber von Angst. So gerät die Freizeitbeschäftigung eines nach geordneten Talkmasters mit angeblich gekauftem Sex und der mutmaßliche Gebrauch von Kokain zum Skandal, der wichtige Themen wie die Zukunft des deutschen Gesundheitswesens und des Rentensystems aus dem Bewusstsein der Menschen und den Schlagzeilen der Zeitungen verdrängt.

Vom Skandälchen zum Skandal

Friedmans Judentum allein macht das Skandälchen zum Skandal. Jahrzehnte währende Aufklärung über die Verwerflichkeit des Antisemitismus haben nicht vermocht, die deutsch-jüdische Beziehung zu entkrampfen. Sie bleibt im Kernschatten des Nazi-Völkermordes an den Juden. Manche Deutsche pflegen nach wie vor antijüdische Vorurteile, andere dagegen kehren diese ins Positive um und stempeln die Juden zu moralischen Übermenschen. Sie pressen die Hebräer ins Klischee des "Weisen Nathan": gütig, unentwegt verzeihend und verständnisvoll. Kein Mensch kann dieser Rolle auf Dauer gerecht werden, einerlei ob er Jude, Christ oder Atheist ist. So bleiben die Juden Deutschlands Exoten, Exoten des Grauens. Viele Nichtjuden wiederum werden von Schuldgefühlen geplagt. Juden wie Nichtjuden verharren in Angst.

Das Tamtam um die gegen Friedman erhobenen Ermittlungen, vor allem aber die Reaktion der jüdischen und deutschen, nichtjüdischen Öffentlichkeit erweisen die Unnormalität aller Beteiligten.

Profiteur und Opfer

Michel Friedman ist Profiteur und Opfer des angstbeherrschten deutsch-jüdischen Miteinanders nach Auschwitz. Er hätte es nicht nötig gehabt. Friedmans Intelligenz, seine blitzschnelle Auffassungsgabe und seine suggestive Rhetorik hätten ihn eine Spitzenstellung einnehmen lassen, zumal in seinem Beruf als Anwalt und seiner Passion als TV-Moderator. Eine normale Karriere war dem zartbesaiteten und eitlen Michel zu langweilig. Lieber gab er die Rolle des "Musterjuden": Friedman gebärdete sich als jüdisches Gewissen der deutschen Nation. In seinen Sendungen und Statements forderte er eine Moral ein, der niemand gerecht werden konnte.

Michel Friedman verachtete mit Recht die Haltung des allzu guten Juden. Stattdessen spielte er den jüdischen Robespierre, die Verkörperung der Tugendhaftigkeit - und deren Fallbeil. Friedman begab sich auf das Hochseil der gnadenlosen Unfehlbarkeit. Er darf sich nicht wundern, dass die anderen auf seinen Sturz hofften. Nicht weil sie arge Antisemiten sind, sondern weil sie wie jeder erwachsene Zirkusbesucher klammheimlich hoffen, dass der Artist, dessen Tapferkeit sie soeben noch bewunderten, abstürzt - damit man sich auf gleicher Ebene wiederfinde.

Wer hat noch keine Rauschmittel zu sich genommen?

Die Schadenfreude, die vielfach in der deutschen Öffentlichkeit beim Bekanntwerden vermeintlich pikanter Details - welcher Mann war noch nicht mit Huren zugange? Und wer hat noch keine Rauschmittel zu sich genommen? - aus Friedmans Privatsphäre aufkam, war nicht edel, aber verständlich. Ebenso hatte man reagiert, als die betont tugendhaft auftretende Rita Süssmuth sich als fehlbar erwiesen hatte. Ähnliche Reaktionen wären jedem anderen Tugendbold gewiss.

Doch bald erschraken Presse und Publikum. Sie hatten sich am Fall eines Juden ergötzt. Da holten schlechtes Gewissen und Angst die Deutschen wieder ein. "Die Zeit" wollte "Antisemitische Anhaftungen" erkannt haben. Selbstverständlich darf es zu keiner antijüdischen Hexenjagd kommen - schon gar nicht in Deutschland. Doch Klatsch, Tratsch und Freude am Skandal sind allzu menschlich und daher international. In Jerusalem ebenso zu Hause wie in Castrop-Rauxel. Die Deutschen erschraken vor ihren Reflexen. So wurde wieder eine Chance zur Normalisierung vertan.

Friedman ist nicht Hauptmann Dreyfus

Michel Friedman genießt wie jeder andere Mensch den Schutz des Gesetzes. Er verdient wie jeder Mensch die Gnade des Mitleids und der Nächstenliebe. Doch Friedman ist nicht Hauptmann Dreyfus, der einer antisemitischen Intrige zum Opfer fiel, sondern ein Jongleur der Moral, der mit seinem Sturz rechnen musste.

Michel Friedman ist unter anderem Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Das Gremium vertritt die wiederaufstrebende hebräische Gemeinde dieses Landes. Der Zentralrat besitzt keine reale Macht. Seine Einflussfähigkeit ergibt sich allein aus seinem Renommee. Der unvergessene Ignatz Bubis genoss immenses Ansehen, weil jeder spürte, dass er sich mit aller Kraft der deutsch-jüdischen Verständigung und Aussöhnung verschrieben hatte. Sein Nachfolger Paul Spiegel setzt diese Tradition fort.

Keine Extrawürste - auch keine koscheren

Michel Friedman hat durch sein Verhalten jedoch unterstrichen, dass es ihm an Ernsthaftigkeit und Reife für diese Aufgabe mangelt. Er sollte daher sein Ehrenamt zurückgeben, zumindest bis zur Klärung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe ruhen lassen. Jeder Politiker, jedes Mitglied einer Glaubensvereinigung sollte ähnlich handeln - einerlei welcher. In der Normalität gibt es keine Extrawürste - auch keine koscheren.

Rafael Seligmann print

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