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Serie "Landsleute" Er belauschte die Sowjets und übersetzte für Rudolf Heß: Nigel Dunkley, ein Schotte in Deutschland

Nigel Dunkley - aus der Serie "Landsleute" von Lucas Vogelsang
Wo auch immer du im Einsatz bist, solltest du die Sprache des Landes sprechen
© Philipp Wente/stern
Nigel Dunkley war Soldat in Spandau und Spion in der DDR. Im Zweiten Golfkrieg hat er gegen Saddam gekämpft. Eine Geschichte in Uniform, heute lebt er davon.
Von Lucas Vogelsang

Er steht nun wieder auf der Glienicker Brücke. Major Nigel Dunkley, die Havel im Nebel. Unter seinen Füßen noch eine Ahnung, die alte Grenze. Hier musste er halten, jedes Mal auf seinem Weg in die DDR. Hier kannte er die Wachen, die richtigen Worte dazu. Sie ließen ihn fahren.

Heute, 35 Jahre später, kann er von hier aus zu beiden Seiten in die Vergangenheit blicken. Er hat im Westen für Rudolf Heß übersetzt und im Osten die Sowjets belauscht. Später kämpfte er gegen Saddam, in den Ölfeldern Kuwaits. Sein linkes Auge ist vom Sand der Wüste trüb geworden. Er wollte immer nach Kiew, am Ende aber ist er in Deutschland geblieben.

Seine Geschichte, die auch eine Reise durch die Geschichte ist, hat er sauber abgeheftet, in einer Mappe hinter Klarsichthüllen. Eine Biografie in Bildern, Schlagzeilen, Abzeichen. Das eigene Leben, er kann darin blättern. Nimmt Haltung an und beginnt zu erzählen.

© Philipp Wente

Lucas Vogelsang

... hat Nigel Dunkley zum ersten Mal 2013 getroffen. Für ein Interview über ­Tourguides in Berlin, über die Arbeit mit der Geschichte. Ganz am Ende dann erzählte Dunkley von seiner Begegnung mit Rudolf Heß.

Nigel Dunkley, geboren in Northumberland, einer Grafschaft an der Grenze zu Schottland, ist in Uniform zur Welt gekommen. Meine ganze Familie, sagt er, war beim Militär. Einfach deshalb, weil wir zu dumm waren, etwas anderes zu machen. Dann lacht er, laut. Ein britischer Bariton, damit auch der Deutsche merkt, dass es ein Witz war. Schottische Seitenhiebe, die Ahnen gleich in Reih und Glied.

Sein Vater, damals Offizier bei der Kavallerie, war 1959 mit der Familie nach Osnabrück gekommen. Garnisonsstadt im Westen, sie nannten es Osnatraz. Kinderaugenblicke in Niedersachsen, draußen grollten die Panzer, meistens lag Schnee. Und während der Vater, in voller Montur, mit Stahlhelm und Revolver, über die Ebene fuhr, blieb die Mutter zu Hause. An ihrer Seite, in der Küche und an der Krippe, immer auch das Kindermädchen. Paula, eine junge Frau aus Ostpreußen, die mit den Kindern in ihrem eigenen Dialekt sprach. Masurisch vielleicht oder Niederpreußisch. Nigel Dunkley, 65 Jahre alt heute, kann sich nicht mehr genau erinnern. Seine Mutter aber verstand jedes Wort.

Sie war sehr sprachbegabt, sagt er, sehr musikalisch. Sie hat schon damals immer Deutsch mit mir gesprochen. Einfach so, weil es ihr Spaß bereitet hat, sie sich wohlzufühlen schien in dieser Sprache der anderen. Später noch, als die Familie in Schottland lebte, rief sie ihn mit deutschen Floskeln zu Tisch. "Nigel, komm doch runter! Abendessen ist fertig!" Muttersprache. Sie hatte, sagt er, ein gutes Vokabular.

Ein heimliches Heimweh nach Deutschland

Nach zwei Jahren jedoch wurde der Vater versetzt. Auch das gehörte zur Wirklichkeit der Armee. Alle zwei Jahre ein neues Land, ein neuer Einsatz, eine Familie auf Abruf. Nigel Dunkley ist dazwischen aufgewachsen und am Ende den Pfaden seiner Eltern gefolgt. Alle zwei Jahre, es sollte der Rhythmus seines Lebens werden. Eine Karriere als Marsch, an den Vokabeln der Mutter und den Rängen des Vaters entlang. So hat er Französisch gelernt und Deutsch als Nebenfach. So ist er an die Universität und dann, Ehrensache, zum Militär gegangen. Konnte erst die Gesetze studieren und später die Schlachten dazu, auf alten Feldern wachsen.

So vergingen die jüngeren Jahre, in denen er trotz allem, den Reisen und Umzügen, den neuen Leidenschaften und alten Vorurteilen, eine Sehnsucht behielt. Ein heimliches Heimweh nach Deutschland. Er wollte noch einmal dort hin. Heidelberg vielleicht. Oder Münster, wieder in den Westen. 1978 dann packte er seine Sachen und stieg in eine Maschine nach Tegel, kam schließlich nach Spandau. West-Berlin, auch nicht schlecht. Ich hatte die Wahl, erzählt er, entweder Nordengland oder Berlin. Und es klingt, als hätte er Dauerregen gegen Champagner getauscht. Eine plötzlich weite Welt.

Klarsicht-­Biografie: Die Zeugnisse ­seiner ­Geschichte hat Nigel Dunkley sauber ­abgeheftet
Klarsicht-­Biografie: Die Zeugnisse ­seiner ­Geschichte hat Nigel Dunkley sauber ­abgeheftet
© Philipp Wente/stern

Ich war, sagt er, frisch gebacken aus der Fabrik. Ein junger Lieutenant noch, nur ein kleines Sternchen auf der Uniform. Grün hinter den Ohren. Wet behind the ears. Nassforsch, sagt man wohl. Er lacht, Volksmundpropaganda. In Spandau, britischer Sektor, war er Teil der alliierten Truppen. Aber auch wieder Teil der Familie, im gleichen Regiment wie sein Vater zuvor. The Royal Scots Dragoon Guards, Kavallerie, sie ritten auf Panzern über die Heerstraße. Vom Brandenburger Tor bis runter nach Staaken. Sie sollten West-Berlin gegen einen Angriff aus dem Osten verteidigen, Brücken sprengen, die Stellung halten. Kalte Krieger, Patrouillen der Paranoia. Aber eben auch gern gesehene Gäste. Wir waren die Schutzmacht hier, sagt er, wir wurden freundlich empfangen.

Die Briten, sie waren nach dem Krieg in eine Kaserne in der Wilhelmstadt gezogen. The Smuts Barracks, alte Backsteingebäude der Reichswehr. Nigel Dunkley bewohnte ein Zimmer im ersten Stock und wurde von Sirenen aus seinen Träumen gerissen. Dann saß er innerhalb von 15 Minuten in seinem Panzer, hellwach und gefechtsbereit. Am Horizont schon das Ende der Welt, simulierte Sowjets. Alarmübung Schaukelpferd, der Ernstfall als Kinderspiel. Es war wunderbar, sagt Dunkley. Ein wirklich großes Abenteuer.

Mit zwei Pässen in der DDR und der BRD unterwegs

Nach zwei Jahren aber, you know the drill, musste er zurück nach Großbritannien. Kam nun, Student und Soldat gleichermaßen, an die Defense School of Languages in Buckinghamshire. Einer Sprachschule der Armee, untergebracht in Wilton Park, wo wenige Jahrzehnte zuvor noch ein Umerziehungslager für Kriegsgefangene aus Deutschland gestanden hatte. Entnazifizierung zum High Tea, wieder Geschichte in Schichten.

Dort, schönes Wort: pauken, lernte er Russisch. Sondereinsatzkommandos, die Sätze des Feindes als Vorbereitung auf seine nächste Mission. Sie ­sollte ihn, ein Glücksfall im Grunde, wieder nach Deutschland führen. Diesmal auch über die Grenze. DDR, wieder ein neues Land. Nigel Dunkley, nun wahrhaftig im Auftrag Ihrer Majestät. Ein Spion, auch wenn er den Begriff nicht mag. Er nennt sich Aufklärer dann. Schnüffeln, das mochte er nie. Flunkern, fantastisches Wort, kann er ganz gut. Ich war damals, sagt er, Mitglied einer Militärmission, die Brixmis genannt wurde. Wir waren Briten, aber ordentlich bei den sowjetischen Streitkräften akkreditiert. Wir haben die bespitzelt, und die wussten das auch. Eine wirklich komische Sache.

Heute besitzt Dunkley zwei Pässe: den britischen und den ­deutschen
Heute besitzt Dunkley zwei Pässe: den britischen und den ­deutschen
© Philipp Wente/stern

Nigel Dunkley, Verbindungsoffizier der Alliierten, besaß in jenen Tagen zwei Ausweise, einen für das britische und einen für das ­sowjetische Militär. Und wenn er nach Potsdam wollte, dann ließ er den einen zu Hause und zeigte den anderen vor. Fuhr dann zum Treffpunkt, einem Safe House am ­Heiligensee. Von dort ging es hinein in die DDR, Aufklärungstouren. Immer die Stasi im ­Nacken, mal einen Wartburg, mal einen Lada im Rückspiegel. Deshalb fuhren sie meist undercover, 19 Männer nur. ­Waren tagelang unterwegs, sammelten Informationen, folgten den feindlichen Manövern, machten Bilder. Eine fortwährende Inventur des Warschauer Pakts.

Abends mit den Feinden am Tisch

In Potsdam, am Abend dann im Restaurant Minsk, saßen sie mit den Sowjets am Tisch. Offiziere, als wäre nichts gewesen. Einige wurden Freunde sogar. Im Frühjahr 1985 allerdings, nachdem ein US-Major im Sperrgebiet erschossen worden war, brachen die Briten alle Kontakte ab. Beziehungen auf Eis.

Vor zwei Jahren konnte Dunkley die Veteranen von einst noch einmal treffen. Sie hatten voneinander trotz allem wieder nur Gutes zu berichten. Ich weiß, sagt er, das hört sich noch immer an wie aus einem verrückten Film.

In den Pausen aber, Hauptquartier am Olympiastadion, umfing ihn die Langeweile. Und weil er die Sprachen beherrschte, das Russisch der Sowjets, das Deutsche dazu, und weil ihn die Neugierde trieb, ließ er sich an einem Sonntag ohne Eigenschaften ins Kriegsver­brechergefängnis fahren. Mit einer schwarzen Limousine, wieder nach Spandau. Dort saß Rudolf Heß, Hitlers ehemaliger Stellvertreter, seit fast 40 Jahren in seiner Zelle. Im Wechsel bewacht von den Alliierten, der letzte Insasse. Paradebeispiel, Gefangener Nr. 7.

Treffen mit Rudolf Heß: Eigentlich nur ein Treffen aus einer Laune heraus

Nigel Dunkley hatte sich, aus einer Partylaune heraus, als Über­setzer gemeldet und war von einem seiner Vorgesetzten auf eine Reservistenliste gesetzt worden. Eigentlich ein Gedankenspiel nur, ein möglicher Zeitvertreib. Nun aber stand er in einem Raum, der angefüllt war mit Erwartung. Ein Offizier, plötzlich auch Tourist in der Historie.

Das erste Treffen, den ersten Satz vor allem, hat er bis heute nicht vergessen. Heß, erinnert sich Dunkley jetzt, war charmant. Er hielt sich an die Regeln, er kannte den Ablauf. Die Begrüßung aber war eine Offensive, ein Überraschungsangriff. Herr Rittmeister, sagte Heß damals, mein Suspensorium reibt. Ich hatte keine Ahnung, sagt Dunkley heute, wovon er redete. No fucking clue.

Heß, das wusste Dunkley sofort, wollte ihn testen. Jedes Wort mit Sorgfalt gewählt. Die Ansprache, erklärt er jetzt, war seine Art mir zu sagen, dass er mich erkannt hatte. Anhand der Uniform, die Peitsche am Gürtel, die braunen Knöpfe aus Leder. Herr Rittmeister, Offizier der Kavallerie. Er spielte mit.

Erinnerungen als Gespenster, die sein Leben begleiten

Von da an gehörte Dunkley zum erweiterten Kreis, wurde immer wieder nach Spandau gerufen, saß dann in den großen Runden der Siegermächte. Den Komitees, die den Essensplan des Gefangenen bestimmten. Fisch oder Fleisch? Vitamine oder nicht? Und manchmal, an anderen Tagen, las er die Zeitungen, die Heß bekommen sollte. Mit der Schere in der Hand. Alles Politische, sagt Dunkley, wurde rausgeschnitten. So blieben oft nur faustgroße Löcher, klaffende Lücken in der Gegenwart. Als Heß schließlich starb, 17. August 1987, hatte Nigel Dunkley Berlin bereits wieder verlassen.

Die Erinnerungen an damals, Nigel Dunkley nennt sie Gespenster. Die Geschichte als Geisterbahn. Es ist eines jener Wörter, die er gern mit sich führt. Wörter wie Faulpelz, hochnäsig oder Unbedenklichkeitsbescheinigung. Sie zergehen ihm auf der Zunge, sie perlen ihm von den Lippen. Wonderful, sagt er dann. Deutsche Favoriten, Souvenirs aus den 80er Jahren. Sie sind bei ihm geblieben, über all die Zeit.

Nigel Dunkley ist danach, die Mauer gerade gefallen, zunächst in Texas und dann, nachdem Saddams Truppen in Kuwait eingefallen waren, in einer anderen Wüste gelandet. Saudi-Arabien, er gehörte jetzt wieder zur Schutzmacht. Desert Storm und Desert Shield, you name it. Operationen, keine Übungen mehr. Einschläge, die ständig näher kamen. Nigel Dunkley, in den Zelten der Amerikaner, in den Gassen der Einheimischen, hat dann Arabisch gelernt. Ganz einfach, weil sich das so gehörte.

Dunkley hat seine Geschichte zum Beruf gemacht

Wo auch immer du im Einsatz bist, sagt er, solltest du die Sprache des Landes sprechen. Speak the local language! Das hat etwas mit ­Respekt zu tun. Es ist, wenn man so will, die Überschrift seines Lebens. Die Sprachen, sie waren immer dabei. An den Übergängen, in den Kasernen, an Bord der Militärmaschinen und in all den Jahren danach. Er konnte sie ­abstreifen und überwerfen, je nach Bedarf. Sie haben ihm geholfen.

Nigel Dunkley war Diplomat in Bonn, er hat in Bremen gepanzerte Wagen verkauft, schließlich die Geschichte zum Beruf gemacht. Seit einigen Jahren arbeitet er als Tourguide in Berlin. Ein Experte für Kampfhandlungen, ein Militärhistoriker mit der Mappe in der Hand, fährt dann zu Gedenkstätten, den Schlachtfeldern, die er einst studiert hat. Mit Soldaten aus Großbritannien, die Deutschland mitunter nur von oben kannten, aus der tödlichen Perspektive der Bomber. Oder mit Schülern aus den USA, die auch wissen wollen, ob Hitler eigentlich über den Checkpoint Charlie fahren musste. Er ist dann, bloody hell, wieder Verbindungsoffizier. Die Brücke hier, die er als Ort für das Treffen gewählt hat, kein Zufall.

Ich bereue keine der Sprachen, sagt er jetzt noch, aber am meisten mag ich das Deutsche. Deshalb wollte ich auch Deutscher werden. A German! Die Betonung natürlich im Stechschritt. Nigel Dunkley, Zivilist schweren Herzens, seit Kurzem trägt er wieder zwei Dokumente bei sich. Über die Grenzen hinweg. Er ist, das sagt er selbst, ein Brexit-Flüchtling. Ein doppelter Staatsbürger, das große Glück der zweiten Heimat. Dann packt er die Mappe wieder ein und fährt zurück nach Charlottenburg, von Ost nach West, an den alten Fassaden, den Statuen, an all den Gespenstern vorbei.

Erschienen in stern 03/2021

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