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Unfreiwilliger "Spendenlauf": 12 Goldmedaillen für Guerilla-Aktion gegen Nazis

Neonazis marschierten im November 2014 durch Wunsiedel - und spendeten dabei unfreiwillig zugunsten der Aussteiger-Initiative "Exit". Die Aktion wurde nun mit gleich zwölf ADC-Awards ausgezeichnet.

Der Naziaufmarsch in Wunsiedel wurde kurzerhand zu einem Spendenlauf für das Aussteigerprogramm "Exit".

Der Naziaufmarsch in Wunsiedel wurde kurzerhand zu einem Spendenlauf für das Aussteigerprogramm "Exit".

Es war wohl einer der größten Viral-Hits des vergangenen Jahres: Im bayerischen Wunsiedel sollte ein Aufmarsch von Neonazis stattfinden. Doch am Ende wurde daraus ein Spendenlauf für das Nazi-Aussteiger-Programm "Exit". Kurz nach dem Start des angekündigten "Trauermarsches" wurden Transparente an Häusern und am Streckenrand enthüllt: Statt der NS-Größe Rudolf Heß zu gedenken, wurde für jeden Meter, den die Neonazis liefen, zehn Euro in die Spendenkasse gezahlt. Das Geld hatten Bürger und kleinere Unternehmen gestiftet.

Das Netz und sogar die internationale Presse jubelten: Mit einer cleveren Idee und durch professionelle Umsetzung wurde in Wunsiedel ein Zeichen gesetzt. Die Initiatoren wurden nun für ihr Engagement ausgezeichnet. In Hamburg landeten die Marketingprofis von Grabarz & Partner und GGH Lowe einen vollen Erfolg und holten in gleich zwölf Kategorien den ersten Platz bei den "Art Directors Club"-Awards - ein Novum in dem renommierten Wettbewerb. Die Preise zählen zu den höchsten Auszeichnungen der Kreativszene in Deutschland. "Das Wunder von Wunsiedel", so nennt es Fabian Frese, Geschäftsführer der Werbeagentur Kolle Rebbe - nicht ganz zu Unrecht, denn das Projekt wurde in diesem Jahr nicht nur mit Preisen überschüttet, sondern auch zum Vorbild für ganz ähnliche Aktionen gegen Rechtsextremisten.

Kreative Lösung statt politischer Antwort

"Es gibt nicht immer eine politische Antwort, sondern vielleicht eine kreative Lösung", kommentierte der Laudator die gelungene Kampagne. Trotz einmaligen Gold-Regens: Der Grand Prix blieb der umjubelten Wunsiedel-Aktion vorenthalten. Diese höchste Auszeichnung ist ein Preis, der nur an besondere Arbeiten und nur bei Bedarf verliehen wird. Diesmal ging er an die Lichtgrenze, eine Lichtinstallation zum 25. Jahrestag des Mauerfalls.

Im Gespräch mit Max Moor, dem Moderator der Preisverleihung, wurden die Initiatoren ehrlich. Die Aktion sei zwar geplant gewesen, sicher. Aber: "Es gab ziemlich viele Variablen. Erst kurz vor dem Spendenlauf wussten wir, wie es gehen würde", so ein Mitglied des 13-köpfigen Teams, an das auch der Publikumspreis ging.

Verantwortliche blieben lange anonym

Die Ideengeber hinter der Aktion blieben lange anonym. Erst im April 2015, also knapp fünf Monate nach der Aktion, gingen sie aus der Deckung. Verantwortlich waren Ralf Heuel, Geschäftsführer Kreation bei der Werbeagentur Grabarz & Partner und Philipp Schwartz, Head of Planning bei der Agentur GGH Lowe. " Es ist ein tolles Gefühl, die anderen mit Grips und ohne Gewalt geschlagen zu haben. Das macht "Exit" ja schon seit langem. Dementsprechend gebührt "Exit" und allen Unterstützern vor Ort unsere Anerkennung, und auf ihre Arbeit wollen wir aufmerksam machen", sagte Schwartz in einem damals anonym veröffentlichten Interview zum stern. Die Initiatoren wollten, dass "Exit" in den Mittelpunkt rückt - und nicht sie.

Der stern hatte die Guerilla-Aktion von Anfang an begleitet. Seit dem Jahr 2000 sammelt auch "Mut gegen rechte Gewalt", eine gemeinsame Kampagne der "Amadeu-Antonio-Stiftung" und dem stern, Spenden für Projekte, die sich gegen Rechtsextremismus stellen.

kg