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Grab von Rudolf Heß aufgelöst: Ende eines Wallfahrtsortes

Seit 1988 pilgerten Neonazis in das Städtchen Wunsiedel ans Grab von Rudolf Heß. Mit der Exhumierung des Kriegsverbrechers, so hofft Kirchenvorstand Peter Seißer im stern.de-Interview, wird der Nazitourismus aufhören.

Mehr als 23 Jahre lag der NS-Kriegsverbrecher Rudolf Heß auf dem evangelischen Kirchenfriedhof von Wunsiedel begraben - und lockte so tausende Rechtsextreme in das 10.000-Einwohner-Städtchen. Als die Nachkommen des "Hitler-Stellvertreters" vor einigen Wochen die Verlängerung der Grabstätte beantragten, zog der Kirchenvorstand die Notbremse und ließ den Pachtvertrag auslaufen. Im Gespräch mit stern.de erzählt Peter Seißer, Mitglied im Kirchenvorstand und ehemaliger Landrat des Kreises Wunsiedel, wie er die letzten 23 Jahre in der Nazi-Pilgerstätte erlebte und warum einige Bürger den berühmten Toten lieber behalten wollten.

Herr Seißer, jahrelang war das Städtchen Wunsiedel dank der Grabstätte von Rudolf Heß Wallfahrtsort für Rechtsextreme aus ganz Deutschland. Hat der Spuk mit der Exhumierung des "Stellvertreters des Führers" jetzt ein Ende?

Das hoffe ich. Wenn in Wunsiedel der Kristallisationspunkt für rechtsradikale Veranstaltungen, nämlich die Grabstätte, wegfällt, dann gibt es keinen Grund mehr, gerade hier zu demonstrieren. Genauso gut können die in jeder anderen deutschen Stadt aufmarschieren. Es ist ja schon in den letzten Jahren ruhiger geworden, nachdem der Bundestag 2005 die Verherrlichung des Nationalsozialismus unter Strafe gestellt hat und die Versammlungen verboten wurden. Aber trotzdem haben die Störungen nicht völlig aufgehört.

Befürchten Sie Rache-Aktionen aus der rechten Szene, der mit der Auflösung des Grabes ja ein wichtiger Gedenkort genommen wurde?

Es könnte jetzt vielleicht noch einmal ein gewisses Aufflackern geben, aber auf Dauer gesehen gehe ich davon aus, dass die Teilnahme an den Demos zurückgeht. Eine nazifreie Zone wird Wunsiedel aber mit Sicherheit nicht werden, denn so lange die NPD und andere rechtsradikale Parteien nicht verboten sind, können deren Mitglieder natürlich in jeder Stadt demonstrieren – unabhängig davon, ob sich dort die Grabstätte einer Nazigröße befindet oder nicht.

Warum lag Rudolf Heß überhaupt hier in Wunsiedel begraben?

Die Urnen seiner Eltern wurden vor 40 Jahren in dieses Grab überführt, wie sich nachträglich herausgestellt hat. Der Vater ist 1941 verstorben und lag zunächst in Hof, die Mutter starb 1951 auch in Hof. Und erst als ein Schwager von Heß in Wunsiedel begraben wurde, hat man diese Urnen überführt. Aber das wusste dann kein Mensch mehr, jeder von uns ging davon aus, dass sie schon immer hier begraben lagen.

Sind die Bürger Ihrer Stadt jetzt froh, dass die Grabstätte endlich verschwunden ist?

Das ist unterschiedlich. Ich bin gerade mit einem Fernsehteam vor dem Friedhof gewesen, da ist mir bekanntes rechtsradikales Gesindel gekommen und hat mich auf die Exhumierung angesprochen. Eine Dame stammt aus Wunsiedel, die andere Dame war mal Vorsitzende der NPD - so etwas hatte ich schon erwartet. Die einen sagen, hättet ihr ihn doch ruhen lassen, die anderen sagen, wir werden jedes Jahr gestört, wenn der Friedhof gesperrt wird. Aber die überwiegende Mehrheit teilt wohl die Meinung des Kirchenvorstands. Manche haben aber auch durchaus den Tourismusvorteil gesehen und gedacht: "Es ist doch schön, dass unser Ort immer wieder genannt wird."

Letztes Jahr gab es nur eine Veranstaltung für den 2009 verstorbenen Nazi-Anwalt Jürgen Rieger, es mögen 200 oder 300 Leute gewesen sein. Aber unabhängig davon ist das Grab im Tourismusprogramm der Rechtsradikalen fest eingeplant. Die kommen mit dem Bus, bringen Kränze mit zum Teil verbotenen Symbolen und Sprüchen mit und gehen dann ans Grab. Das läuft das ganze Jahr über. Die sagen sich, wir machen unseren Kameradschaftsausflug ins Fichtelgebirge und gehen bei der Gelegenheit an das Grab vom Heß.

Und Sie haben das all die Jahre mitverfolgt?

Ja, ich habe die Demonstrationen in Wunsiedel seit 1988 alle erlebt. Bei der ersten Veranstaltung sind noch viele Altnazis in Lederhosen mitgelaufen, denen hat man ihre Gesinnung richtig angesehen. Wenn man sich dagegen 2004 die Demonstranten angeschaut hat - die hätten auch neben unsereiner bei der juristischen Staatsprüfung sitzen können. Das sind die cleveren Rechtsanwälte im dunklen Anzug, die dann dabei sind. Insofern ist es eine andere Klientel geworden. Ich war 18 Jahre lang, von 1990 bis 2008, Landrat des Kreises, und konnte in dieser Zeit im Sommer nie in den Urlaub fahren. Am 17. August war die Demonstration zum Todestag und ich musste immer vor Ort sein, bis alles vorbei war. Ich bin froh, dass das jetzt ein Ende hat.

Mareike Rehberg