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VERKEHR: Schatz, ich »move« mal über die Straße

Während man andernorts noch darüber nachdenkt, wie man Fußgänger sicher über die Straße bringt, können sich die Bewohner der Stadt Pfullingen freuen: Sie haben ein einzigartiges Fußgänger-Beförderungssystem.

Sie sind schon clever, die Schwaben. Während man andernorts noch darüber nachdenkt, wie man Fußgänger unbeschadet über viel befahrene Straßen bringt, können sich die Fußgänger der kleinen Stadt Pfullingen bereits über ein weltweit einzigartiges Fußgänger-Beförderungssystem freuen.

Fahrstuhl über die Straße

»Peoplemover« heißt die Mischung aus Stadttor und Aufzug, die direkt an der Hauptstraße des Ortes, der Bundesstraße 312, jedem Autofahrer sofort ins Gesicht springt. Die Funktion ist einfach: Eine Art Fahrstuhl-Kabine fährt an der Metallkonstruktion entlang senkrecht nach oben, überquert dann in knapp neun Metern Höhe die Straße und fährt auf der anderen Seite wieder nach unten. Der gesamte Vorgang dauert schlappe 30 Sekunden und bringt bis zu 600 Kilo an Fußgängern über die Straße.

Entlastung für den Durchgangsverkehr

Ein Segen für Fußgänger und Autofahrer gleichermaßen. Immerhin schlängeln sich durchschnittlich 20 000 Fahrzeuge pro Tag an dieser Stelle vorbei in Richtung Schwäbische Alb. Ein Graus für Fußgänger, die ins nahegelegene Einkaufszentrum wollen. Die Fußgängerampel an besagter Stelle ist längst nicht mehr ausreichend. Kein Wunder, dass der Bürgermeister vor knapp drei Jahren hellhörig wurde, als ihm diese Lösung für das Problem mit den Fußgängern und der Hauptstraße angeboten wurde. Jetzt kann die Ampelschaltung ganz auf die Automassen angepasst werden, die Fußgänger »moven« ja über die Straße. »Deshalb haben wir das Projekt auch schon beschlossen, als es noch in der Entwicklungsphase war«, freut sich Bürgermeister Rudolf Heß über die damalige Weitsicht.

Schwäbischer Tüftler

Entwickelt hat die Weltneuheit, wie könnte es auch anders sein, ein schwäbischer Unternehmer. Emil Schmid baut mit seiner gleichnamigen Firma eigentlich Spezialmaschinen. Bereits vor sechs Jahren kamen dem Tüftler im Auto jedoch ernsthafte Zweifel: »Ich konnte es einfach nicht glauben, dass eine Fußgängerampel im 21. Jahrhundert die ideal Lösung sein sollte«, erklärt Schmid. Aus der wagen Idee entsprang zunächst eine Machbarkeitsstudie auf dem Firmenparkplatz und ein Innovationspreis einer Bank. Bis zum heutigen, fertigen Peoplemover vergingen aber noch drei weitere Jahre. »Wir mussten jede Kleinigkeit neu erfinden und entwickeln, konnten auf keine bestehenden Produkte zurückgreifen«, erklärt Emil Schmid die zeitliche Verzögerung. Ungefähr vier Millionen Mark an Entwicklungskosten stecken in dem 23 Tonnen schweren Gerät.

Fieser Crash beim Driften

Billigste Lösung

Trotz der Planungszeit und der hohen Entwicklungskosten ist der Peoplemover für Pfullingen ein echtes Schnäppchen. Gerade einmal 300 000 Mark kostet der Prototyp und die werden auch noch vom Land Baden-Württemberg komplett übernommen. Insgesamt flossen vom Land gut 1,7 Millionen Mark in das Projekt. Und auch die nächsten Städte die sich einen Peoplemover zulegen werden, können mit dem guten Stück Geld sparen. 400 bis 450 000 Mark soll ein Serien-Peoplemover kosten. Ein Klacks im Vergleich zu den Kosten einer Unterführung oder einer Überführung.

Wandelbares Design

Hinzu kommt, dass der neuneinhalb Meter hohe Stahlkoloss äußerst wandlungsfähig ist. Die jeweiligen Städteplaner können auf sein Design Einfluss nehmen. So kann sich Emil Schmid durchaus vorstellen, seine Erfindung auch in einer historischen Altstadt aufzustellen. Dann natürlich, entsprechend mit Holz verkleidet. Der Pfullinger-Mover hat als Besonderheit einen besonderen Anstrich bekommen. Je nach Lichteinfall, variiert die Farbe der Kabine von dunkelrot bis gold.

Partner im Boot

Um sein Produkt auch bundesweit vertreiben zu können, hat sich Emil Schmid die Thyssen-Aufzugbauer ins Boot geholt. Sie sollen sich bei den bundesweit eingesetzten Peoplemovern um die Wartung kümmern. Außerdem ist die eingebaute Notrufsäule Tag und Nacht mit der Notfallzentrale verbunden, die auch aktiv wird, wenn ein Thyssen-Aufzug stecken bleibt.

Vielfältige Einsatzgebiete

Die Einsatzgebiete für die schwäbische Erfindung sind so vielfältig wie einleuchtend. da wären zunächst jede Menge Großstädte und natürlich die Bahnhöfe, bei denen bisher die Gleise unter- oder überquert werden müssen. »Anfragen gibt es genug«, weiß Emil Schmid zu berichten. »Bisher haben wir aber alle abgelehnt, da wir den Peoplemover erst im Alltagsbetrieb testen wollten«.

Neid aus der Hauptstadt?

Auch das Pfullinger Stadtoberhaupt hat schon ersten Rücklauf für sein neues »Stadttor« bekommen: Post aus Berlin. »Eine Berlinerin war ganz begeistert von unserem Peoplemover. Trotzdem fragte sie erstaunt, warum so eine Weltneuheit in einer schwäbischen Kleinstadt und nicht in der Hauptstadt getestet wird«, erzählte Rudolf Heß schmunzelnd am stern.de-Telefon-

Von Jochen Knecht

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