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Verzicht auf Palmöl Das bessere Nutella? DDR-Kultprodukt Nudossi erlebt zweiten Frühling

Nudossi
Nudossi verzichtet auf Palmöl, das trifft das Zeitgeschehen. 
© Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/ZB / Picture Alliance
Das einstige "Nutella des Ostens" feiert ein sagenhaftes Comeback und schickt sich an, die ganz großen Player aus den Regalen zu verdrängen. Mit Ostalgie hat das wenig zu tun. Das Unternehmen verzichtet auf Palmöl und trifft damit den Nerv der Zeit.

Der einstige DDR-Aufstrich ist wieder "in". Nudossi gehört zu den wenigen Ost-Marken, die es im Westen geschafft haben. Aber es war ein langer Weg, er begann mit einer Flut. Die hatte Ende der 90er-Jahre Karl-Heinz Hartmanns Großbäckerei überflutet, ein neues Werk musste her. Zufällig stolperte er über das ehemalige Nudossi-Werk bei Dresden. Es sollte der Anfang eines Revivals werden. 1998 sorgte er dafür, dass dort nicht nur die Lichter wieder angingen. Auch das Kultprodukt bekam eine zweite Chance.

Zwar genoss der Aufstrich im Osten des Landes nach dem Comeback weithin Zuspruch, im Westen aber wurde Nudossi lange ein Ost-"Geschmäckle" angedichtet. Damit ist jetzt Schluss. Vor drei Jahren landete das Unternehmen einen Coup. "Als Ostprodukt kann man im Westen heute nur über Innovationen in die Regale kommen", sagt Hartmann dem "Handelsblatt". Das Unternehmen brachte Nudossi auch als Variante ohne Palmöl auf den Markt und traf damit ins Schwarze.

Dem Zeitgeschehen Rechnung getragen

Palmöl ist in Zeiten, in denen Nachhaltigkeit einen immer höheren Stellenrang einnimmt, ein umstrittenes Gut. Die Produktion des Öls gilt als ein Treiber des Klimawandels. Nudossi gibt es daher inzwischen auch als Variante mit Sonnenblumenöl und Saaten der Salbäume. Dass das Unternehmen Kante zeigt, auf Palmöl verzichtet, schmeckt vielen, die Wert auf umweltbewusste Produkte legen. Oder wie Hartmann es - nicht ganz ernstgemeint - ausdrückt: "Greta ist unsere wichtigste Markenbotschafterin". 

Die Verkaufszahlen schnellten in die Höhe und knapsen mehr und mehr an den Zahlen der Konkurrenz. Auch wenn Nutella nach wie vor laut "Handelsblatt" einen Marktanteil von zwei Drittel in dem Segment inne hat, die Nuss-Nougat-Creme aus den neuen Bundesländern hat sich zur echten Alternative gemausert. "Wir haben das Produkt 1998 wieder reaktiviert, nachdem es jahrelang vom Markt verschwunden war. 2020 wurde Nudossi zur Top-Marke im Bereich Nuss-Nougat-Cremes gewählt", sagte Junior-Chef Thomas Hartmann dem "MDR".

Nutella ist und bleibt der größte Kontrahent. Das war schon immer so. Ein paar Jahre nachdem Nutella in der Bundesrepublik in die Regale kam, wartete die DDR mit Nudossi auf. Rund fünf Jahrzehnte ist das her. Hergestellt wurde der Aufstrich zunächst in Radebeul im Vadossi Back- und Süßwarenwerk. Anfang der 70er-Jahre wurde das Unternehmen verstaatlicht. Nachdem ein westdeutscher Investor den Betrieb übernommen hatte, gingen für Nudossi die Lichter aus. 

Der hügelige Weg bis zum Kassenschlager

Hartmann selbst war ursprünglich kein Fan des Aufstrichs, hatte ihn zu DDR-Zeiten nie probiert. "Mit D-Mark von der West-Verwandtschaft leistete ich mir ab und zu Nutella aus dem 'Intershop'", erzählt er. Letztlich sei es ein Lokaljournalist gewesen, der eine Reanimierung der Nuss-Nougat-Creme ins Rennen brachte. Hartmann dachte nicht lange nach, sagte einfach Ja. So die Geschichte. Ganz so einfach sollte es aber nicht werden. Die Markenrechte musste er dem Mitteldeutschen Rundfunk abluchsen.

Und die Rezeptur? Die hatte nicht etwa in einem alten Tresor im Werk überdauert. Der Onkel, der einst beim VEB Elbflorenz gearbeitet hatte, half bei der Suche mit. Mit der einstigen DDR-Rezeptur, die von dem Hersteller Sächsische und Dresdner Back- und Süßwaren einst angerührt wurde, hat Nudossi heute allerdings dennoch nur noch wenig gemein. 

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Die Erfolgsstory von Nudossi ist eine hügelige. Denn die letzten rund zwei Jahrzehnte brachten dem Werk auch Tiefschläge ein. "Von 1999 bis 2004 hat das Unternehmen einen riesigen Sprung gemacht. Nudossi ging in den neuen Bundesländern durch die Decke", so Thomas Hartmann. Doch dann der Dämpfer. 2005 ging das Werk insolvent. Das hätte das endgültige Aus bedeuten können, doch die Familie gab nicht auf. Hartmanns Frau kaufte es zwei Jahre später zurück. "Seitdem", so Hartmann, "sind wir zurück in sicherem Fahrwasser."

Inzwischen produziert Nudossi rund sechs Millionen Becher im Jahr, etwa 3,5 Millionen davon kommen ohne Palmöl aus. Zuletzt habe das einen Umsatz von 12,5 Millionen Euro bedeutet. Im kommenden Sommer wagt das Unternehmen einen weiteren Schritt. Ab dann soll es Nudossi hauptsächlich im Glas geben. Auch das ein Zugeständnis an die Umwelt. Im Retro-Plastikgewand soll es Nudossi dann nur noch für "Ostalgiker" geben.

Quelle: Handelsblatt, MDR

tpo

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