Madeleines Tante "Wir sind aus hartem Holz geschnitzt"


Die Vorwürfe gegenüber den Eltern der verschwundenen Madeleine sind ungeheuer. Haben sie etwas mit dem Verschwinden des Mädchens zu tun? Im stern.de-Interview berichtet Madeleines Tante, wie es den Eltern geht, weshalb sie nach England zurückgekehrt sind - und wie die Familie kämpft.

Philomena McCann kämpft für ihren Bruder Gerry McCann. Seit dem Verschwinden ihrer Nichte Madeleine am 3. Mai hält die schottische Politik-Lehrerin unermüdlich die Erinnerung an den Fall wach. Einer ihrer ehemaligen Schüler hat für die Familie die Webseite der Aktion "Find Madeleine" gebaut, sie selber ist durch Radio- und Fernseh-Sendungen getourt, hat Gordon Brown in Westminster getroffen und immer und überall die Poster mit dem Bild der kleinen Britin mit dem Makel im rechten Auge hochgehalten. Seit diesem Wochenende ist ihr Kampf in eine neue Runde eingetreten: Jetzt verteidigt sie ihren Bruder und seine Frau Kate McCann gegen die Anschuldigungen der portugiesischen Polizei. Und erinnert weiter daran, dass die Suche nach Madeleine nicht enden darf. Als stern.de Philomena McCann telefonisch in ihrem Haus in Ullapool in den schottischen Highlands erreicht, sitzt sie gerade am Abendtisch. Ruhe, sagt sie, kenne die Familie nicht mehr.

Frau McCann, wie geht es Ihrem Bruder und Ihrer Schwägerin?

Sie sind vollkommen erschöpft, physisch und psychisch ausgelaugt. Es ist wirklich unglaublich schwer für sie. Dies war die dramatischste Woche in ihrem Leben - und dabei standen die Dinge ja schon schlecht seit Madeleine verschwunden ist. Aber das ist jetzt fast unmenschlich.

Konnten die beiden denn wie gewünscht etwas zur Ruhe kommen zu Hause?

Nein, überhaupt nicht. Die Dinge überschlagen sich. Sie mussten heute ihre Telefon-Nummer ändern lassen, weil der Apparat nicht aufhörte zu klingeln, Tag und Nacht. Sie konnten bisher noch überhaupt nicht schlafen.

Was werden sie nun tun?

Sie werden ihr Bestes tun, weiter nach Madeleine zu suchen. Und sie haben sich rechtlichen Beistand geholt, um die Ermittlungen wieder auf Madeleine zu konzentrieren und um sich selber zu verteidigen. Neben ihrem portugiesischen Anwalt haben sie drei britische Anwälte, die untersuchen, wie sie den Beweisen begegnen können, mit denen sie konfrontiert wurden, and wie sie die portugiesische Polizei zwingen können, wieder nach Madeleine zu suchen.

Was denken Sie über die Entwicklungen des vergangenen Wochenendes?

Ich muss sagen, dass ich sehr überrascht war, dass die beiden zu Verdächtigen erklärt wurden. Denken Sie nicht, dass es verdächtig ist, dass dies jetzt passierte, kurz nachdem die beiden erklärt hatten, sie wollten bald nach England zurückkehren? Der Mietvertrag für ihre Villa wäre diesen Mittwoch ausgelaufen. Als Verdächtige dürfen sie jetzt gar nichts mehr sagen.

Können Sie etwas sagen über die Beweise, die gegen die beiden vorgebracht wurden?

Nein, wir können gar nichts sagen. Kate und Gerry können noch nicht einmal mit mir über das Ganze sprechen. Sie sind praktisch geknebelt worden.

Was sagen Sie zu den Berichten in einigen Zeitungen, dass Gerry und Kate McCann ihren Kindern Beruhigungsmitteln gegeben hätten?

Das ist ganz einfach überhaupt nicht wahr. Kompletter Unsinn.

Einige Kommentatoren haben gefragt, wie Gerry und Kate McCann so ruhig und entschlossen bleiben konnten in den vergangenen Monaten. Sie wirkten oft erstaunlich unberührt vor den Kameras.

Haben Sie mich einmal während eines Interviews gesehen in dieser Zeit? Ich habe meine geliebte Nichte verloren. Aber ich habe die ganzen Interviews durchgehalten. Das sind die McCanns, unsere Familie ist aus hartem Holz geschnitzt. Und wir kämpfen schließlich um Madeleines Leben. So sind wir, und so kenne ich meinen Bruder und meine Schwägerin. Die brechen nicht zusammen. Wir machen weiter, solange wir müssen.

Wie hat die Familie McCann die vergangenen Tage erlebt?

Es war wie ein Angriff auf uns alle. Gerry und Kate lebten schon unter diesem enormen Druck, seitdem Madeleine nicht mehr da ist. Das ist furchtbar anstrengend. Und dann müssen sie natürlich für ihre Zwillinge da sein, müssen mit ihnen spielen, unbesorgt wirken. Und dann so etwas. Was da passiert ist, diese Anschuldigungen, das ist vollkommen heimtückisch, gemein und bösartig.

Werden Gerry und Kate McCann nach ihrer Rückkehr noch von der Gemeinde unterstützt, in der sie leben?

Ich wohne und arbeite hier oben in den schottischen Highlands, und sogar hier unterstützen die Leute Gerry und Kate noch. Wir als Familie wissen, dass kein Quäntchen Wahrheit drinsteckt in allem, was den beiden entgegen geworfen wurde in den vergangenen Tagen. Es hilft uns, dass die Mehrheit dies weiter auch so sieht.

Versteht Ihr Bruder, warum er und seine Frau zu Verdächtigen erklärt wurden?

Nein, überhaupt nicht. Wir haben uns auf die portugiesische Polizei verlassen, die haben doch alle Informationen über das Verschwinden von Madeleine. Wir durften keine Privatdetektive beauftragen, weil das nach portugiesischen Gesetzen verboten ist, solange eine offizielle Ermittlung läuft. Die Polizei muss uns helfen - nicht Gerry und Kate verfolgen. Sie sind verzweifelt, dass die Polizei nicht mehr nach einer lebenden Madeleine sucht und außerdem sie jetzt beschuldigt, in das Verschwinden involviert zu sein. Es ist, als ob ihnen die Redefreiheit abgesprochen wurde, weil das komische portugiesische Rechtssystem ihnen jegliche Stellungnahmen verbietet.

Englische Zeitungen vermeldeten, dass der Fall bald einem Staatsanwalt präsentiert werden soll. Was heißt das für Ihren Bruder?

Das könnte sogar gut sein, auf eine Art. Dann wird herauskommen, ob es genügend Beweise gibt, um sie anzuklagen - oder das Ganze zerfällt schon da in sich. Und wenn sie angeklagt werden, dann können sie sich vor Gericht endlich gegen diese Anschuldigungen wehren.

Wissen die McCanns schon, wann sie zurück nach Portugal müssen?

Nein. Aber sie werden jederzeit weiterkämpfen. Gordon Brown unterstützt uns, unser Premierminister. Sie werden Wege finden, um weiter um Madeleine zu kämpfen.

Wie helfen Sie und die Familie dabei?

Ich gebe Interviews wie dieses, um Menschen zu sagen, dass mein Bruder und meine Schwägerin unschuldig sind. Meine Schwester hilft mit den Zwillingen. Die Zwillinge werden nicht wieder zurück nach Portugal gehen, wir wollen sie hier in Sicherheit wissen. Und wir helfen Gerry und Kate finanziell, damit sie ihre Anwälte bezahlen können. Die beiden sind nicht reich, ihr ganzes Geld steckt in ihrem Haus. Und die Spendengelder aus dem Fonds "Find Madeleine" werden nicht für Anwaltskosten ausgegeben. Die werden allein genutzt für die Suche nach unserer Madeleine.

Interview: Cornelia Fuchs

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