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Winnemuth: Um es kurz zu machen: 72-Stunden-Deo, Handy mit Mega-Speicher: Wer braucht all die neuen Superprodukte?

Deos und Rasierer, Spülmaschinentabs und selbstverständlich Handys: Alles wird immer leistungsfähiger. Muss das sein?

Aufrüstung: Brauchen wir wirklich immer bessere Handys und Gimmicks?

Aufrüstung des Alltags: Die vermeintliche Optimierung durch zunehmenden Einsatz effizienter Allerweltsprodukte

Mein Handy ist antik. Es ist sechs Generationen alt, hat einen Sprung im Display und von Gesichtserkennung noch nie was gehört. Darin gleicht es mir aufs Haar: Ich habe auch massive Probleme beim Wiedererkennen von Leuten ("Hey, Jochen!" –"Ähm, ich bin Arne"), von diversen Sprüngen im Display ganz zu schweigen. Ich finde es angenehm, dass mein Handy nicht mehr kann und nicht hübscher ist als ich.

Trotzdem fand ich es jetzt an der Zeit, mich mal wieder in die Zivilisation einzuklinken und technisch auf den neuesten Stand zu gelangen, mit A13 Bionic Chip und 12 Megapixel Teleobjektiv und Super Retina XDR, was immer das auch ist. Jedenfalls klingt es bedeutend, wie immer im Fall von kryptischen Buchstabenkombinationen bei gleichzeitigem Verzicht auf Bindestriche.

Zeit für Neues

Ich stehe also im Laden und taste mich ehrfürchtig durch die neuesten Modelle. 18 Stunden Videowiedergabe, doll. 256 oder 512 GB Speicher, fantastisch. Ich checke kurz meine Handy-Antiquität, die ich vor unendlich fernen sechs Jahren, wenn ich mich recht entsinne, mit extra viel Speicher gekauft habe. 64 GB, sehe ich gerade, davon noch 5,32 verfügbar, obwohl ich 24.583 Fotos und eine Fantastillion nie gehörter Podcast-Folgen auf dem Handy habe.

Eine schwierige Entscheidung: Brauche ich nun das Vierfache oder das Achtfache meines jetzigen nicht gefüllten Speichers? Dann hätte ich noch mehr Platz für Fotos, die ich nie wieder angucke, und für Podcast-Folgen, die ich auch in drei Jahren nicht hören werde, weil ja immer wieder neue hinzukommen. Aber ich könnte schließlich mal eingeschneit werden oder eine Augen-OP haben oder eingeschneit eine Augen-OP haben und deshalb noch dankbar sein, ein paar Hundert Stunden Hörbücher in der Tasche zu haben.

Dass wir in Zeiten des Overkills leben, ist nicht erst seit der großen SUV-Debatte der letzten Monate offensichtlich. Es gibt ein tief sitzendes Bedürfnis nach dem Zuviel. Die Überausstattung ist der Normalfall, jährlich gibt es neue Eskalationsstufen bei der Aufrüstung selbst banalster Alltagsgegenstände: Expeditionsjacken für minus 30 Grad in der Fußgängerzone, 72-Stunden-Deos, Sieben-Klingen-Rasierer, 12-in-1-Spülmaschinenmultitabs. Taugt das was, braucht das wer? Falsche Frage. Es geht, also wird es gemacht. Mehr ist mehr, Übertrumpfung ist Trumpf. Oder zumindest besser vermarktbar.

Ein Handy mit 512 Gigabyte Datenspeicher hat sieben Millionen Mal mehr Leistung als der Bordcomputer der "Apollo 11", man könnte also Hunderttausende von Mondlandungen gleichzeitig koordinieren und parallel alle alten Staffeln von "Downton Abbey" runterladen. Falls mal eingeschneit ohne Augen-OP.

Aufrüstung hat ihren Preis

Blöderweise kommt die Aufrüstung wie im Fall von Atomwaffen nie ganz ohne Nebenwirkungen aus. Ein 72- oder 96-Stunden-Deo funktioniert, indem Aluminiumsalze in die Schweißkanäle eindringen und die Drüsen verstopfen. Das dauert ein paar Stunden, deshalb wird empfohlen, das Deo abends aufzutragen. Erstens: igitt. Zweitens: Aluminiumsalze können das Brustkrebsrisiko erhöhen, ebenso wie SUV-Gebrauch das Risiko gesellschaftlicher Ächtung erhöhen kann. Alles hat seinen Preis. Mehr ist eben auch mehr Stress.

Okay. Ich lasse eine weitere Handy-Generation an mir vorbeiziehen. Erst mal fülle ich die 5,32 GB verbleibenden Speicher, lösche unter Umständen 4000 der circa 5000 Fotos von meinem Hund und 50 Videos, in denen er Löcher buddelt (aber sooo niedlich!). Schon in elf Monaten geht es in den Läden in die nächste Runde. Mit noch mehr Speicher für noch mehr Mondlandungen. Dann, aber spätestens dann werde ich ...

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