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Kolumne Winnemuth: Neuanfang nach Apokalypse – Diese Fähigkeiten bräuchte der Mensch

Was müsste man wissen und können, um nach der Apokalypse von vorn zu beginnen? Ein Gedankenexperiment, das bescheiden macht.

Von Meike Winnemuth

Neuanfang nach Apokalypse – Diese Fähigkeiten bräuchte der Mensch

"Wäre ich nach der Apokalypse überlebensfähig?"

Eines meiner Lieblingsbücher als Kind war "Die grüne Wolke" von A. S. Neill, dem Leiter der antiautoritären britischen Schule Summerhill. Es ist ein angenehm blutrünstiger Roman über eine Bande Neunjähriger, die zusammen mit ihrem Lehrer A. S. Neill und dem 99fachen Millionär Pyecraft eine Reise in einem Luftschiff unternimmt und bei ihrer Rückkehr feststellt, dass alle Menschen auf der Erde durch eine geheimnisvolle grüne Wolke versteinert worden sind. Sie sind die einzigen Überlebenden. Und jetzt? Freiheit! Keine Erwachsenen! Alles dürfen! Yippie! Natürlich wird es sehr schnell sehr kompliziert, nach und nach beißen alle Schüler ins Gras, und am Ende überlebt – voll gemein! – nur der Lehrer. Der sich daraufhin "mit wohligem Behagen" (komisch, den Ausdruck habe ich mir 46 Jahre lang gemerkt) einen Cognac mit drei Sternen einschenkt.

Ohne den Rest der Menschheit sind wir komplett aufgeschmissen

Seitdem habe ich eine heimliche Schwäche für alle apokalyptischen Bücher und Filme, in denen eine Seuche oder ein Meteoriteneinschlag oder ein Nuklearkrieg die gesamte Menschheit auslöscht und nur ein paar einsame Helden übrig bleiben (plus ein paar ausgewählte Widersacher, schon wegen der Spannung). Was macht man dann? Wie rebootet man die Zivilisation, wenn alles auf null gestellt ist? Könnte man ein paar Fehler vermeiden, ein paar Entwicklungsschritte überspringen oder müsste man den ganzen Menschheitsmist wieder von vorn durchlaufen? Gelänge es einem überhaupt, ganz allein am Leben zu bleiben?

Ein Gedankenspiel, klar. Aber ein erhellendes. Derzeit lese ich fasziniert "Das Handbuch für den Neustart der Welt", Untertitel: "Alles, was man wissen muss, wenn nichts mehr geht". Welche Kenntnisse braucht man, um unsere untergegangene Welt zu rekonstruieren? Klar: viel mehr, als ein einzelner Mensch haben kann. Wir leben in einer hoch spezialisierten Welt, in der jeder nur ein mikroskopisch kleines Puzzlestück in der Hand hält, oft ohne die Ahnung, wie das an die mikroskopisch kleinen Puzzlestücke links und rechts davon passt. Man muss nicht mal darüber nachdenken, wie man ein Smartphone baut – allein die Herstellung eines simplen Bleistifts würde jeden einzelnen Menschen überfordern, schon weil die dafür benötigten Rohstoffe geografisch zu weit über die Erde verteilt sind, aber vor allem, weil kein Mensch alles wissen kann oder machen kann, was zur Herstellung nötig wäre. Eine Einsicht fürs Poesiealbum: Ohne den Rest der Menschheit sind wir komplett aufgeschmissen. (Lektüreempfehlung, für lau im Internet: "Ich, der Bleistift" von Leonard E. Read, ein erhellender Essay von 1958. Ebenfalls unterhaltsam: der Versuch des Designers Thomas Thwaites, eigenhändig einen Toaster für 3,94 Pfund nachzubauen, angefangen mit der Schürfung von Eisenerz; thetoasterproject.org).

Wäre ich nach der Apokalypse überlebensfähig?

Wäre ich also überlebensfähig nach der Apokalypse, zumindest für kurze Zeit? Ich weiß, wie man Feuer macht, Brot backt und Tomaten anbaut, ich kann mir einen Pulli stricken (aber woher hätte ich das Garn?) und ein Fahrrad reparieren – das war's dann aber auch schon an nützlichen Fähigkeiten. Dank des Handbuchs für den Neustart der Welt weiß ich nun, dass ich mich nach der Apokalypse als Erstes auf den nächstgelegenen Golfplatz begeben sollte, um mir eine wiederaufladbare Deep-Cycle-Batterie aus einem Golfwagen zu besorgen, ich weiß jetzt außerdem, wie man Wasser desinfiziert und aus Weidenrinde Kopfschmerztabletten macht und mit Uhu Wunden schließt. Was ich aber vor allem weiß: Wir leben in einer Welt voller Wunder. Von der ich nicht weiß, wie sie trotz allem so wunderbar funktionieren kann.

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