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Kolumne Winnemuth: Gegen die Simulation hat das Echte keine Chance

Kerzen mit LED-Licht, Mandelhörnchen aus Persipan, Bildung aus der Online-Zitatesammlung: Gegen simulierte Gegenstände, Stimmungen, Wahrheiten kommt das Echte nicht mehr an

Von Meike Winnemuth

Gegen die Simulation hat das Echte keine Chance

"In der Bäckerei bei mir im Haus zum Beispiel kann man es sich "hyggelig" machen – auf Kunstledersofas und an Tischen in Vintage-Optik mit maschinell abgeschrabbeltem weißem Lack"

Wann immer sich diese kleine Kolumne dem trauten Heim nähert und speziell den häuslichen Sitten und Unsitten, schnellt die Leserbriefquote dramatisch in die Höhe. Allein jene legendäre Debatte, die von der Frage "In fremden Wohnungen Schuhe ausziehen oder nicht?" ausgelöst wurde … Egal, riskieren wir es angesichts der nahenden Winterzeit und ihres brennendsten Themas: Kerzen. Der Kulturkampf zwischen Stearinfreunden und Menschen mit elektrischen Weihnachtsbaumkerzen sowie schmerzhaft bläulich strahlenden Lichterketten auf dem Balkon schwelt ja schon länger, doch jetzt wird eine neue, verwirrende Variante ins Feld geführt. Ich zitiere einen mir ins Haus geflatterten Prospekt mit dem Titel "Gemütlicher Kerzenschein!": "LED-Echtwachs-Kerze mit Timer 4h/8h, batteriebetrieben (Batterien nicht enthalten), rot oder cremefarben, ab 3,99 Euro".

Tropft nicht, rußt nicht, kann man sogar ins Regal stellen

Okay, ganz langsam. LED-Echtwachs-Kerze? Das ist ein ausgehöhlter Wachszylinder, der riecht, sich anfühlt und aussieht wie eine heruntergebrannte hohle Stumpenkerze (inklusive liebevoll imitierter Wellungen am oberen Rand), jedoch eine LED-Birne im Inneren birgt, in der fortgeschrittenen Variante sogar eine, die kerzenflammenähnlich flackert. Super Sache, sagen die einen: tropft nicht, rußt nicht, kann man sogar ins Regal stellen, ohne dass einem die Bude abfackelt. Und nach 4h/8h pustet sie sich selbsttätig aus. Grausig, sagen die anderen, ein weiterer Schritt zur Fakeisierung unserer Als-ob-Welt, in der nichts mehr echt und das auch völlig egal ist.

In der Bäckerei bei mir im Haus zum Beispiel kann man es sich "hyggelig" machen – auf Kunstledersofas und an Tischen in Vintage-Optik mit maschinell abgeschrabbeltem weißem Lack, die auf sogenanntem Designboden stehen, einer Fortentwicklung des Laminats, also Möchtegernparkett aus atomkriegssicherem Kunststoff. Auf den Tischen: kleine Blechtöpfe mit Plastikgras, daneben eine Box mit Plastikrosmarin, Plastiklavendel und Plastikminze. Die (echt) nette Bäckereiverkäuferin reicht ein Mandelhörnchen aus Persipan über die Theke, sie hat aufgeklebte Wimpern und trägt maschinell geschredderte Jeans im Used Look, hinter ihr im Regal lagern Brote voll Geschmacksverstärker. Kurz: Nahezu alles hier simuliert irgendwas. Alter, Wert, Gemütlichkeit, Natur, Schönheit, Geschmack.

Erdbeerjoghurt mit "natürlichen Aromen"

An dieser Stelle könnte ich Bildung simulieren, indem ich aus Jean Baudrillards "Simulacres et Simulation" zitiere. Zwei, drei aus dem Internet zusammengeklaubte Zitate, und Sie würden glauben, ich hätte es gelesen, möglicherweise sogar verstanden. Hab ich nicht, niemand hat das gelesen. Ist auch nicht nötig. Es genügt, irgendeinen poststrukturalistischen Denker zu schwenken, um Tiefgang vorzutäuschen.

Die Sache ist: Wir haben uns an die Simulationen schon so sehr gewöhnt, dass wir sie für gelungener als die Realität halten. In einem Fernsehexperiment fanden Verbraucher den industriellen Erdbeerjoghurt mit "natürlichen Aromen" und Rote-Bete-Saft für die schöne Farbe erdbeeriger als Joghurt mit echten Erdbeeren, der dagegen einfach zu lau schmeckte. Gegen die Simulation kommt die Natur einfach nicht mehr an. Operierte Gesichter sind längst Standard, furnierte Möbel Normalfall. So tun, als ob; so reden, als-ob; so leben, als-ob; so lieben, als ob –das ist das Beste, das wir zustande kriegen in dieser furnierten Welt.

Klinge ich bitter? Ach, vielleicht sollte ich einfach ein bisschen Heiterkeit simulieren. Und Gelassenheit. Und ein Kerzlein aus Stearin anzünden. Mit einem Streichholz.

Themen in diesem Artikel
Kindesunterhalt für volljähriges Kind ohne Zielstrebigkeit
Mein Kind ist 19 Jahre alt und lebt im Haushalt der Mutter. Es hat im Juli 2017 seine Schule nach der 10. Klasse dann mit Hauptschulabschluss verlassen. Danach wollte es auf einer Berfsfachschule Einzelhandel seinen Realschulabschluss nachholen (2 Jahre). Es besuchte die Schule im ersten Halbjahr nicht wirklich regelmäßig und im zweiten Halbjahr dann so gut wie gar nicht mehr. (zum Ende hin, ist es gar nicht mehr zur Schule gegangen) Das notwendige zweite Jahr ging es dann gar nicht mehr an. Stattdessen hat es sich für ein freiwilliges Soziales Jahr beworben und geht hier mehr oder weniger regelmäßig hin. Nun möchte es das FSJ abbrechen und wieder seinen Realschulabschluss nachholen. Dies soll in Vollzeit an der Volkshochschule geschehen. Zwischendurch ist immer wieder die Rede von verschiedenen Ausbildungen. Ein wirkliches Konzept, oder Interesse ist aber auch hier nicht erkennbar. Mal kommt es mit dem Berufswunsch Tierarzthelfer/In, mal mit Immobilienkaufmann/-Frau, oder Ähnlichem. Informationen über freie Stellen, oder Inhalte des Berufs und der Ausbildung können nicht genannt werden. Bei laufenden Bewerbungen am Ball zu bleiben liegt ihm auch nicht wirklich. Hab die Bewerbung ja hingeschickt, damit soll es dann auch gut sein. Langsam drängt sich mir der Verdacht auf, es sucht sich den bequemsten Weg heraus und verlässt sich auf meine nicht unerheblichen Unterhaltszahlungen. Frei nach dem Motto: Was soll ich mich kümmern, Väterchen muss ja zahlen, solange ich Schule oder Ausbildung mache. Um meinem Kind Anreize zu geben, endlich Zielstrebigkeit zu entwickeln, habe ich schon über die Kürzung bzw. Einstellung des Unterhals nachgedacht. Wie verhält sich das rechtlich, bzw. was kann ich tun?