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Kolumne Winnemuth: Was scheren mich die Fakten

Warum müssen wir immer recht behalten? Weil es nicht um Wahrheit geht, sondern um Stärke. Und um Identität: Wir sind, was wir glauben.

Von Meike Winnemuth

Kolumne Meike Winnemuth: Was scheren mich die Fakten

"Was ich am Ende gewählt habe? Geht Sie nix an. Nur: Die habe ich ganz bestimmt nicht gewählt. Die doch nicht!"

Diese Kolumne schreibe ich mehrere Tage vor der Bundestagswahl, ich weiß also nicht, wie lang die Gesichter der einen oder wie breit das Grinsen der anderen am Abend des 24. September waren. Ich habe allerdings die düstere Ahnung, dass es viele lange Gesichter gab, weil die Wahlprognosen mal wieder komplett danebenlagen. Ich habe gern recht, das ist meine DNA, sonst würde ich keine Kolumnen schreiben, aber in diesem Fall hätte ich wahnsinnig gern unrecht.

Warum man, wider die Vernunft, an alten Überzeugungen festhält

Lassen Sie uns also über das Rechthaben sprechen. Oder über das Wahrhaben. Wie nahezu die Hälfte des Wahlvolks wusste ich zum ersten Mal in meinem Leben bis kurz vor knapp nicht, was ich wählen würde (ich wusste nur, was auf keinen Fall), und konsultierte leicht verschämt den Wahl-O-Maten. Verrückt genug, dass ein Algorithmus mich über meine Meinung aufklären sollte. Noch verrückter aber, dass ich das Ergebnis – eine Partei, die ich noch nie gewählt hatte und nie in Erwägung gezogen hätte – in weitem Bogen von mir schleuderte. Die doch nicht! Ich doch nicht!

Interessant, dachte ich. Anscheinend haben sich in den vergangenen 40 Jahren meine Überzeugungen verändert. Wenig überraschend. Im Gegenteil: unvermeidlich, meist sogar erfreulich. Ich will es aber nicht wahrhaben. Wieso ist das so?

Kürzlich gab es einen schönen Artikel im Wissenschaftsmagazin "Spektrum der Wissenschaft": "Warum wir nicht glauben, was uns nicht passt". Warum man also wider besseres Wissen, wider die Vernunft, wider die Evidenz, wider die Erfahrung (und wider den Wahl-O-Maten) an alten Überzeugungen festhält. Im Extremfall: an dem Glauben, dass es keinen Klimawandel gibt – da können noch so viele Hurrikans kommen und noch so viele Eisberge abbrechen –, an dem unverantwortlichen Wahn, dass Impfen schädlicher als Nicht-Impfen ist, oder an der Idee, dass es eine gute Idee war, Donald Trump gewählt zu haben. Eine Umfrage aus dem Juli ergab, dass 88 Prozent aller Trump-Wähler jetzt genau so wieder wählen würden wie im November, trotz allem, was der Mann im letzten halben Jahr verbrochen hat. Irre.

Also: Wieso ist das so? Warum sind wir – Krone der Schöpfung, vernunftbegabte Wesen – so sensationell uneinsichtig und faktenresistent, taub für Argumente, Erfahrungen oder überwältigenden wissenschaftlichen Konsens? Sturheit? Trotz? Eitelkeit? Faulheit?

Selektive Wahrnehmung hat stets für Stabilität von Selbst- und Weltbild gesorgt

Unsere Einstellungen sind Teil unserer Identität. Wir sind, was wir glauben. Filterblasen hat es lange vor Facebook gegeben: Selektive Wahrnehmung hat stets für Stabilität von Selbst- und Weltbild gesorgt. Man hört, was man hören will, und klappt ansonsten die Ohren weg. Confirmation bias, nennt das die Wissenschaft, Selbstbestätigungstendenz. Und die ist mächtig: Bei Leuten, die bei einem Versuch im Hirnscanner eine ihnen widerstrebende politische Meinung vorlesen mussten, flackerte die Amygdala, als ob sie mit einem Messer bedroht würden.

Es geht nicht um Wahrheit, es geht ums Siegen, sagt die Kognitionsforschung. Vernunft ist keine vornehme Eigenschaft in den Diensten der Aufgeklärtheit, sondern eine uralte Evolutionsstufe, vergleichbar mit der Entwicklung des Gehens auf zwei Beinen oder des Farbsehens – ein Mittel zum Zweck des Überlebens, und das heißt: des Stärkerseins. Des Rechthabens. Einsicht? Niemals, denn in unseren kleinen Reptilienhirnen ist Einsicht nichts als Schwäche. Raucher, Dieselfahrer, HSV-Fans wissen, was ich meine.

Was ich am Ende gewählt habe? Geht Sie nix an. Nur: Die habe ich ganz bestimmt nicht gewählt. Die doch nicht! Ich doch nicht.

Themen in diesem Artikel
Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.