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Kolumne Winnemuth: Igittigitt! Es ist halt kompliziert mit dem Ekel

Kalte Pommes von fremden Tellern essen? Geht gar nicht, sagen die einen. Ist völlig okay, finden wiederum andere.

Von Meike Winnemuth

Meike Winnemuth: Igittigitt! – Es ist halt kompliziert mit dem Ekel

"Nach zehn Staffeln "Dschungelcamp" findet man Kakerlaken und Känguruhoden nur noch zum Gähnen"

Es war spät, wir wollten noch was essen, wir setzten uns in einem Restaurant neben einen noch nicht abgeräumten Tisch, und eine … ähm ... Person (ich werde nicht mal verraten, dass es eine Frau war) begann hungrig, kalte Pommes von einem Teller auf dem Nachbartisch zu essen. Wir anderen: "Iiiiih! Du bist echt ekelhaft!"

Ab hier wird es widerlich, fühlen Sie sich gewarnt

"Wieso? Was ist dabei? Im Iran bekommt man ganz oft die übrig gebliebenen Essensreste vom Nebentisch angeboten, wäre doch auch schade drum."– "Bääääääh!"

Ab hier wird es widerlich, fühlen Sie sich gewarnt. Denn jetzt begann eine lange, etwas angetrunkene Debatte darüber, was eklig ist und was nicht, und wenn ich eines an diesem Abend gelernt habe, dann das: Es ist absolut unmöglich, dass sich vier halbwegs zivilisierte Mitteleuropäer darauf verständigen, was geht und was überhaupt nicht geht. Ich versuche, die Abstimmungsergebnisse zu rekonstruieren: Die Zahnbürste vom Partner benutzen. 3 (e-kel-haft!) : 1 (im Notfall).

Kutteln, Kalbsbries, saures Lüngerl. 1 Norddeutsche (widerlich) : 3 Süddeutsche (köstlich).

Verschüttetes in der Küche mit den besockten Füßen aufwischen. 2 (echt nicht!) : 2 (Männer).

"Sommerhaus der Stars" auf RTL gucken: 2 ("Brechreiz") : 2 ("Angstlust").

Individuelle Ekelschwellen sind faszinierend mannigfaltig. Die Pommes-vom-fremden-Teller-Esserin zum Beispiel würde niemals ohne Desinfektionstücher eine öffentliche Toilette benutzen. Sie findet Schlangen absolut grauenhaft, Mäuse hingegen süß. Ich finde Nacktschnecken widerlich, Gehäuseschnecken niedlich. Ich liege mit meinem Hund auf dem Sofa, lasse ihn aber keinesfalls ins Bett. Logisch ist das nicht. Andererseits: Logisch ist fast nichts bei diesem Thema. Die Sache mit der Zahnbürste vom Partner zum Beispiel. Man muss gar nicht alle sexuellen Praktiken durchdeklinieren, um sich zu fragen: Und ausgerechnet die Zahnbürste soll man nicht in den Mund stecken wollen?

Oft ist beim Ekeln ja der Verstand ausgehebelt

Es ist also kompliziert mit dem Widerwärtigen. Die Ekelforschung (natürlich gibt es die, was dachten Sie denn?) versucht seit Jahrzehnten, ein bisschen Systematik in die Sache zu bekommen: Schleimiges und Verfaultes werden global als eklig empfunden, ein archaischer Schutzmechanismus gegen potenzielle Krankheitserreger. Oft ist beim Ekeln ja auch der Verstand ausgehebelt, man wird zum puren Reflex. Einmal verdorbene Scampi gegessen und mit einer Lebensmittelvergiftung flachgelegen, und man läuft ein Leben lang schon beim Gedanken an eine Shrimpspfanne grün an.

Eine andere Art von Ekel ist gelernt. Ein Kleinkind steckt sich noch interessiert Regenwürmer in den Mund, bis die Eltern es ihm madig machen. Diese Art von Ekel lässt sich auch wieder verlernen: Nach zehn Staffeln "Dschungelcamp" findet man Kakerlaken und Känguruhoden nur noch zum Gähnen, ebenso wie Raucher den Anblick von Lungenkarzinomen und verfaulten Zähnen auf Zigarettenpackungen relativ ungerührt zur Kenntnis nehmen. Und dass sich gesellschaftliche Übereinkünfte darüber, was igitt ist, innerhalb einer Generation um 180 Grad drehen können, erleben wir immer wieder. Meine Mutter findet die Idee, rohen Fisch zu essen, absolut befremdlich und versteht andererseits nicht, wozu man sich die Haare vom Körper schaben sollte.

Wir kamen zu keinem Ergebnis an diesem Abend. Ich ging nach Hause, ich legte mich aufs Sofa. Neben den Hund. Und steckte mir ohne nachzudenken ein in der Sofaritze gefundenes, leicht angefusseltes Gummibärchen in den Mund. Bäh! Eklig! Aber es weiß ja keiner.

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