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Kolumne Winnemuth: Lob der Alternative

Mag sein, dass man energischer an Plan A geht, wenn man keinen Plan B hat. Dass es trotzdem gut ist, ein Back-up zu haben, sehen Sie hier.

Von Meike Winnemuth

Meike Winnemuth: Warum es gut ist, immer eine Alternative zu haben

Winnemuth: "Nehmen wir den schönen Plan A "Bis dass der Tod uns scheidet": Wenn nur die eine Hälfte des Paars diesen Plan durchzieht, nützt die beste Zielfixierung nix."

Wenn Sie diese Kolumne lesen, ist irgendetwas Blödes passiert. Vielleicht bin ich vor einen Bus gelaufen (falls ja, war es vermutlich der 6er Richtung Borgweg) oder ich hänge auf einer fernen Insel ohne Internetanschluss fest oder ich habe eine massive Schreibblockade oder oder oder. Was schiefgeht, ahnt man vorher nie – das macht das Leben ja so unterhaltsam –, nur dass es irgendwann schiefgeht, unweigerlich schiefgehen muss, das weiß man. Wie mein -Guru Jacob mal so weise sagte, als es um das Thema Daten-Back-up ging: "Es ist keine Frage, ob deine Festplatte abschmiert, sondern wann." Dies ist also die Back-up-Kolumne, die mir die langmütigen stern-Ressortleiter über Jahre aus den Rippen zu leiern versuchten, und dass Sie sie lesen, bedeutet zweierlei: Erstens habe ich irgendwann nachgegeben und zweitens lief irgendwas nicht nach Plan.

Der Plan-B-Typ hat stets ein Ass im Ärmel

Die Menschheit teilt sich in Plan-A- und Plan-B-Typen. Der Plan-A-Typ setzt alles auf eine Karte, zieht Dinge gnadenlos durch (oder auch, je nach Geschmack: konsequent, diszipliniert, verbissen, fanatisch) und brettert lieber mit Vollgas an die Wand als vorher abzubremsen oder gar abzubiegen. Um den großen Plan-A-Anhänger Udo Lindenberg zu zitieren: "Ich werde mich nicht ändern/werd kein anderer mehr sein/Ich habe tausend Pläne/ Doch 'n Plan B hab ich kein'".

Der Plan-B-Typ wiederum hat stets eine Alternative parat, ein Ass im Ärmel, ein Netz unterm Drahtseil, eine Nummer sicher, die auf der hinteren Herdplatte köchelt für den Fall, dass.

Welcher der beiden die schlauere Taktik fährt, darüber gibt es jede Menge selbstverständlich widersprüchliche Theorien. Eine lautet: Zielerreichung durch Zielfixierung. Bedeutet: Nur wer alle Energie in Plan A steckt, kann sein Ziel erreichen. Man muss es nur richtig, richtig, richtig wollen, dann klappt es auch. Dazu passt, dass einige der besten Segler der Welt nicht schwimmen können: Wer nicht kentern darf, kentert auch nicht, so die Überzeugung.

An der Idee ist natürlich was dran. Wenn man etwas nur halbherzig betreibt, neigt man leichter zum Handtuchwerfen. "Alternativpläne ändern die Art und Weise, wie wir unser Ziel verfolgen, auch wenn wir sie nicht nutzen", sagt Christopher Napolitano, Entwicklungspsychologe an der Universität Zürich – das reine Vorhandensein eines B-Plans senkt die Erfolgswahrscheinlichkeit von Plan A, wissenschaftlich bewiesen.

Wer A plant, muss auch B planen

Mag sein. Und mag auch sein, dass man nur mit Plan A zum Helden wird. Aber es hängt halt nicht alles nur von einem selbst ab. Nehmen wir den schönen Plan A "Bis dass der Tod uns scheidet": Wenn nur die eine Hälfte des Paars diesen Plan durchzieht, nützt die beste Zielfixierung nix.

Vielleicht musste ich nur alt genug werden, um den Sinn eines Back-ups einzusehen. Vielleicht musste ich mich einfach nur oft genug von der Wand abkratzen, gegen die ich gefahren bin, um zu verstehen, dass Plan B die Regel, nicht die Ausnahme ist: Wer A plant, muss auch B planen. In Wirklichkeit lernt man das ja schon als Kind, wenn man einen Superplan (ich werde Astronaut/Lokomotivführer/Topmodel/Popstar) zugunsten eines realistischeren überdenkt.

Plan B muss (anders als diese Kolumne) nicht mal fertig in der Schublade liegen, der muss in den Knochen stecken, in Form einer gewissen Gelenkigkeit im Umdenken. Plan A ist für Träume und Plan B dafür, Albträume zu verhindern.

Also: Plan B – schöne Sache. Plan A ist natürlich trotzdem schöner. Mögen Sie also diesen Text hier nie zu Gesicht bekommen.

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