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Kolumne Winnemuth: Das wahre Gesicht

Wer in eine Blitzfalle gerät, erleidet einen Doppelschock: Es wird meist teuer, und man macht auf unschöne Weise Bekanntschaft mit sich selbst.

Von Meike Winnemuth

Meike Winnemuth: Das wahre Gesicht zeigt sich auf einem Blitzerfoto

Das Blitzfallenfoto ist eine der effektivsten Formen, mit sich selbst Bekanntschaft zu machen. Das Blitzfallenfoto zeigt uns in einem Augenblick, in dem wir nicht damit rechnen, gesehen zu werden

Eine Nachbarin kommt mir joggend entgegen, grüßt, stoppt jäh, guckt mich eindringlich an und fragt: "Alles gut bei Ihnen?" Ich: "Ähm. Ja, danke. Wieso fragen Sie?" Sie: "Sie sehen so bedröppelt aus." – "Nee, alles okay, echt", stammele ich, angestrengt nach einer Erklärung für meine offensichtliche Bedröppeltheit suchend. "Bisschen müde vielleicht." Denn ich bin nicht bedröppelt, wirklich nicht. Ich fühle mich zumindest nicht so. Wieso sehe ich dann so aus?

Die Antwort folgt am Nachmittag in Form eines Schreibens vom Landratsamt. Geschwindigkeitsübertretung außerorts am soundsovielten um soundsoviel Uhr, nach Toleranzabzug soundsoviel zu schnell, Bußgeldbescheid – blöd. Aber am blödesten das Beweisfoto.

Das Blitzfallenfoto zeigt uns, wie wir zu 90 Prozent der Zeit tatsächlich aussehen

Es zeigte ein leeres, mattes – man könnte sagen: bedröppelt wirkendes – Gesicht hinterm Steuer bei Nacht, die Lider auf Halbmast, die Mundwinkel auch, den Blick im Nichts, mit dem Ausdruck eines zu Wartungszwecken abgeschalteten Androiden aus einem Science-Fiction-Film. Humanoid ist, glaube ich, der Fachbegriff. Menschenähnlich. In meinem Fall: entfernt menschenähnlich.

Das Blitzfallenfoto ist eine der effektivsten Formen, mit sich selbst Bekanntschaft zu machen. Das Blitzfallenfoto zeigt uns in einem Augenblick, in dem wir nicht damit rechnen, gesehen zu werden. Mit anderen Worten: genau so, wie wir zu 90 Prozent der Zeit tatsächlich aussehen.

Wenn mich jetzt jemand hier am Laptop fotografieren würde, hätte ich auch so ein Blitzfallengesicht. Ebenso beim Teekochen, beim Sockenanziehen, vor dem Fernseher, in der U-Bahn: Diese tranige Halbanwesenheit, diese Inmichgekehrtheit ist meine Betriebseinstellung, so bin ich ab Werk geliefert worden.

Um sein wahres Gesicht zu sehen, muss man übrigens nicht mal eine Ordnungswidrigkeit begehen. Es genügt, arglos die Kamera-App im Handy zu öffnen, die zufällig im Selfie-Modus eingestellt war. Gute Güte, was für ein Schock, wenn man unvorbereitet auf das eigene Gesicht stößt, und dann auch noch von schräg unten! Man weiß ja, was Bindegewebsschwäche vereint mit der Erdanziehungskraft anrichten kann, aber genau hinschauen will man trotzdem nicht.

Wir haben's nicht im Griff, und das ist auch gut so

Dabei ist eines klar: So wie im Spiegel sehen wir praktisch nur aus, wenn wir vor dem Spiegel stehen. Mit geöffneten Augen, halbwegs konzentriert und mit einigermaßen freundlichem Ausdruck (denn wir stehen ja jemand Sympathischem gegenüber) – nennen wir es das Passfotogesicht. Ein sortiertes, aufgeräumtes Gesicht, das wir auf die Öffentlichkeit loslassen wollen, ein Gesicht, von dem wir finden, dass es uns ähnelt.

So ein Gesicht kriegt niemand auf Dauer hin, nicht mal Leute, die zu den meistbeobachteten Menschen der Welt gehören. Angela Merkel sagte jüngst in einem "Brigitte"-Interview: "Worunter ich manchmal sehr leide: Wenn ich nicht spreche, gucke ich schnell gelangweilt. Ich träume noch davon, dass ich das schaffe, wenn ich schweige, auch ganz interessiert auszusehen."

Träum weiter, Baby. Wir haben's nicht im Griff, und das ist auch gut so. Die schiere Masse an verzweifelt gut gelaunten Selfie-Gesichtern, die einem täglich aus der Gesichtsfabrik Facebook entgegenblicken, kann kaum darüber hinwegtäuschen, dass bei der Produktion von Gesichtern überwiegend Ausschussware anfällt – entgleiste, misslungene, wunderbar wahre Gesichter.

Das Gesicht ist der Spiegel der Seele? Ja. Aber gottlob meistens der Spiegel der kleinen, verschlossenen, verzagten, verlorenen Blitzfallenseele, die in uns allen zu Hause ist.

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