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Winnemuth: Um es kurz zu machen: Gern geschehen, Blödmann – wie man mit der Unachtsamkeit anderer umgeht

Manche Menschen finden, für die Beseitigung ihres Lebensabfalls seien andere zuständig. Wer genau das ist: egal. Geht’s noch?

Meike Winnemuth schreibt über die respektlose Unachtsamkeit vieler Menschen

Meike Winnemuth schreibt über die respektlose Unachtsamkeit vieler Menschen

Derzeit arbeite ich aus Selbstdisziplinierungsgründen mal wieder für kurze Zeit in einem Bürojob – mit den üblichen Vor- und Nachteilen, mit unangenehm frühem Aufstehen, Neonlicht, Kantine, Kollegenschnack und faszinierenden Einblicken in die menschliche Natur.

Vorhin, ich stand in der Büroküche und wartete auf mein Teewasser, räumte ich nebenbei die herumstehenden benutzten Kaffeebecher in die leere Spülmaschine. Jeder Mensch braucht ja ein Hobby. Eine Kollegin aus einer anderen Abteilung kam, stellte mir einen benutzten Suppenteller hin und ging. Wundervoll. "Der kann auch einfach gleich mit in die Maschine", sagte ich mittelfreundlich hinter ihr her. "Nein, der ist aus der Kantine. Den sammeln die irgendwie wieder ein, glaube ich."

stern-Serie Achtsamkeit, Teil 6: Wie Ihnen Buddhismus Präsenz im Alltag schenkt

Okay. Tief durchatmen. "Die" sammeln ihn wieder ein? Namenlose Putzkräfte, die nicht dafür angeheuert sind, deinen Dreck zu beseitigen? Denen du einen Zusatzjob aufhalst, weil du zu faul bist, dein Geschirr in die Kantine zurückzubringen, von wo du es ekligerweise inklusive Suppe an deinen Schreibtisch transportiert hast?

Irgendjemand wird es schon wegräumen

Das Problem ist die verbreitete Anschauung, dass "die" – wer immer das auch ist, und das ist denen, die "die" sagen, komplett egal – sich schon drum kümmern werden. "Die" werden deine Kartons zerlegen, die du nicht etwa selbst zusammenfaltest, sondern so, wie sie sind, in die öffentliche Altpapiertonne stopfst oder, weil die Tonne ja schon mit anderen unzerlegten Kartons gefüllt ist, der Einfachheit halber danebenstellst. "Die" werden deinen stehen gelassenen Einkaufswagen aus dem Weg schieben und deinen Scheiß-E-Roller auch, "die" werden deine Chipstüte am Strand einsammeln, "die" werden hinter dir herräumen, hinter dir und deinem achtlosen Kinderkönigverhalten.

Die Sache ist, Freundchen: Ich bin "die". Die Chipstüte am Strand erbost mich derart, dass ich sie selbst aufhebe und zum nächsten Mülleimer mitnehme. Es genügt, wenn ich mich einmal darüber ärgere, auf ein zweites oder drittes Mal habe ich keine Lust. Und ich bin da schon einigermaßen schmerzfrei: Als Hundebesitzer ist man gewohnt, beherzt nach den Hinterlassenschaften anderer zu greifen.

Zudem habe ich in dieser Hinsicht leicht pathologische Tendenzen: Einmal bin ich auf einem Spaziergang in einer unberührten Tiroler Schneelandschaft 300 Meter den Weg zurückgegangen, weil ich ein gelbes Hustenbonbonpapier auf dem Boden gesehen hatte und es dann doch nicht aushielt, es in der weißen Pracht liegen zu lassen. Es hatte mich einfach zu sehr genervt, und dies war die einzige Methode, die Genervtheit aus meinem System zu kriegen.

Die Unachtsamkeit den Mitmenschen gegenüber

Sobald sie die Wohnung verlassen, verlieren viele Leute jede zivilisatorische Fähigkeit. Einen Kaffeebecher in die Spülmaschine zu stellen, das funktioniert zu Hause tadellos, in der Büroküche ist es vollständig unmöglich. Über die zunehmende Unzuständigkeit, die "Da wird sich schon einer drum kümmern"-Mentalität ist schon viel geschrieben worden, aber durch die breite Auslagerung vieler Alltagstätigkeiten an eine schlecht bezahlte Dienerschaft – Amazon-Lieferanten, Pizzaboten, Uber-Fahrer, Hotel Mama – scheint sich die Lage eher noch zu verschlimmern: Das macht schon jemand, ich jedenfalls nicht.

Eine Lösung habe ich nicht wirklich parat. Nur das stoische Weitermachen, Weiterbeseitigen, einen Dreckhaufen nach dem anderen. Wie gesagt, ich bin da hart im Nehmen: Kürzlich habe ich einem anderen Hundebesitzer das Häufchen seines Dalmatiners hinterhergetragen. Gern geschehen, Blödmann.


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