HOME

Stern Logo Stern-Stimmen

M. Winnemuth: Um es kurz zu machen: Planung hin oder her: Wir sind sehr schlecht darin, unsere Zukunft vorherzusagen

Zukunftsplanung: Wo sehen Sie sich denn so in zehn Jahren? Egal, was Sie jetzt sagen: Es wird mit einiger Sicherheit anders kommen. Und das liegt auch an uns selbst.

Zukunftsplanung: Wir sind schlecht darin, unsere Zukunft vorherzusagen

Zukunftsplanung: Man hatte 'ne Idee, dann kommt es anders

Mit einer meiner Gassi-Freundinnen, einer erfahrenen 60-jährigen Personalchefin, habe ich kürzlich über Lebenspläne gesprochen. "Da sitzen 25-Jährige vor mir, die genau wissen, wie ihr Leben aussehen wird", sagte sie. "Haben die haarfein projektiert. Karriereschritte, Eigenheim, Kinder, mit exakten Jahreszahlen, wann was fällig ist. Wie kann das sein?" – "Aber fragst du die nicht immer, wo sie sich in fünf oder zehn Jahren sehen, ist das nicht die typische Bewerbungsgesprächsfrage?" – "Natürlich. Aber mich erschreckt zutiefst, dass die darauf eine Antwort haben."

Zukunftsplanung: Man hatte 'ne Idee, dann kommt es anders

Ich finde es verzeihlich. Mit 25 darf man noch in der Illusion leben, über die Dinge bestimmen zu können. Wer Karriere nur vom Hörensagen kennt, glaubt noch an Planbarkeit und Erreichbarkeit von Zielen. Hat man allerdings ein paar Jahrzehnte mehr auf dem Buckel, weiß man, dass das Leben eine Mischung aus eigenen Plänen und unvorhersehbaren Zufällen ist, aus Fehleinschätzungen und Rückschlägen und Richtungswechseln und vor allem aus Entscheidungen anderer, seien es Lebenspartner, Arbeitgeber oder die Europäische Zentralbank. Von jetzt auf gleich kann sich alles ändern: Einer sagt plötzlich "Ich liebe dich nicht mehr", ein anderer kürzt Stellen, jemand senkt oder erhöht Zinsen, jemand schafft es auf regennasser Straße nicht zu bremsen. Und mit allem muss man klarkommen. Das Leben, wenn man so darauf zurückblickt, war öfter Reaktion als Aktion: Man hatte 'ne Idee, dann kam es anders, nun ja. Muss ja. Wird schon.

Wird auch tatsächlich. Hätte man mich vor zehn Jahren gefragt, wo ich mich in zehn Jahren sehe, hätte meine Antwort nicht das Geringste mit dem zu tun gehabt, wie ich heute tatsächlich lebe, wo ich wohne, was ich tue, wen ich um mich habe. Und das, obwohl ich damals immerhin schon 48 war, in einem Alter also, in dem man nicht mehr von seismischen Verschiebungen ausgeht.

Wir sind unfassbar schlecht darin, unsere eigene Zukunft vorherzusagen, und für diese Erkenntnis muss man noch nicht mal Zeiträume von einer Dekade bemühen. Noch vor vier Wochen habe ich lauthals verkündet, demnächst mal eine Kolumne über diese bekloppten Sprachsklaven von Alexa bis Siri schreiben zu wollen. Darüber, dass die was für Leute seien, die sonst nichts zu melden haben, jetzt aber mal Maschinen herumkommandieren dürfen, die spuren wenigstens. Tja. Seit zwei Wochen habe ich einen wirklich guten Lautsprecher, der zufällig auch Alexa kann, und finde es völlig großartig, beim Sockenanziehen sagen zu können: "Alexa, spiel bitte 'Fake Empire' von The National" – und dann passiert das auch tatsächlich. (Was ich mir noch nicht abgewöhnt habe, ist "bitte" und "danke" zu sagen. Alexas Antwort darauf: "Immer wieder gern." Man muss sich das bei uns wie in "Downton Abbey" vorstellen.)

Wir irren vorwärts

Wir ändern ständig unsere Meinung, wir schlagen immer wieder andere Wege ein. Weil wir es wollen und gelegentlich, weil wir es müssen. Ich möchte gern dafür plädieren, das als Normalität zu betrachten und nicht als Skandal. Es hilft, jeden Plan und jede Absicht als temporär zu betrachten, denn weiter als bis zum Horizont kann man eh nicht gucken. Man entscheidet nach bestem Wissen und Gewissen, und dann ändern sich die Umstände. Vielleicht müsste man bei jeder Aussage, jedem Versprechen einen Disclaimer voranstellen: "Stand heute: Ich werde die ganze Legislaturperiode regieren" oder "Stand heute: Ich werde dich immer lieben." Wir irren vorwärts, wie Robert Musil schrieb. Und der ist der Einzige, der auch in 100 Jahren noch recht haben wird.

Künstliche Intelligenz
Themen in diesem Artikel