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Schlauer als andere Vögel: Raben sind ganz schöne Überflieger

Raben tricksen, sind sozial und verstehen sogar etwas von Physik. Forscher entdecken immer mehr, wie intelligent die Vögel sind. Dabei haben Raben schon manche Nuss geknackt - und das nicht nur sprichwörtlich.

Von Veronika Simon

Raben beobachten ihre Umwelt sehr genau - das half den Tieren dabei, ihre verblüffende Intelligenz zu entwickeln.

Raben beobachten ihre Umwelt sehr genau - das half den Tieren dabei, ihre verblüffende Intelligenz zu entwickeln.

Seit jeher ziehen Raben das Interesse der Menschen auf sich. Mit ihrem schwarz-glänzenden Gefieder wirken sie ein wenig unheimlich, im Mittelalter galten sie als böses Omen. In der nordischen Mythologie hingegen begleitet ein Rabe den Gott Odin und gilt als ein Symbol der Weisheit. Heute beschäftigen sich Forscher vor allem mit einer Eigenschaft der Vögel: ihrer Intelligenz.

Einer davon ist Jorg Massen. Der Verhaltensbiologe untersucht an der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Österreich unter anderem wie Raben zusammenarbeiten. 

Früher hat Massen Primaten erforscht. Das sind intelligente Tiere mit teils komplexem Sozialverhalten, zu denen auch die Menschenaffen zählen. Ihr Verhalten ist vielschichtig und verrät einiges über den Menschen - wieso wechselt man da zu Raben? "Für mich war es sehr interessant zu sehen, wie ähnlich sich Primaten und Raben sind. Nicht vom Aussehen her, aber von den kognitiven Fähigkeiten und dem Verhalten." Besonders faszinierte Massen eine Fähigkeit: Raben erkennen andere Vögel. Sie wissen genau, was ihr Gegenüber kann und wo er in der Rangordnung steht. 

Raben merken sich auch, wer nett zu ihnen ist und wer sie übers Ohr haut. Das zeigte Massen in einem Versuch:  Um zwei Stücke Käse - eine echte Leckerei für Raben - zu ergattern, mussten die Vögel zusammenarbeiten. Das lief nicht immer gleich gut: Die Vögel hatten Lieblingspartner, und mit diesen kooperierten sie besonders gerne. Aber nicht nur ihre Beziehung zueinander war ausschlaggebend. Ob sie eine Kooperation wiederholten, hing stark von dem Verhalten beim ersten Mal ab. Mit einem Tier, das beide Stücke des gemeinsam eingeholten Käses alleine fraß, wollten die Raben kein zweites Mal zusammenarbeiten. Sie merkten sich den Betrüger und mieden ihn von da an.

Dies ist nur ein Beispiel für die enorme Intelligenz der Tiere. Doch auch viele andere Experimente zeigen: Raben sind ganz schön schlau - und stehen in manchen Fähigkeiten Menschen kaum etwas nach.

Fähigkeit eins: Die Umwelt begreifen

Für eine komplexe soziale Struktur ist es notwendig, erfolgreich zu kooperieren. Kinder lernen früh mit ihren Eltern zu interagieren. Sie begreifen rasch, dass sie für manche Aufgaben einen Partner brauchen. Bei Raben ist das genauso. Doch nicht nur die Rolle ihrer Gruppenmitglieder verstehen die Vögel: Sie begreifen auch die nicht-belebte Natur, die sie umgibt. Einige Studien bescheinigen ihnen sogar ein Verständnis für Physik. Nachweisen konnten sie das mit einem Versuch zur Wasserverdrängung.

Der Versuchsaufbau war wie folgt: Eine Steele ist mit Wasser gefüllt, daneben liegen Steine. Deren Gewicht ist jedoch nicht gleich, manche sind leicht, die anderen schwer. Auf dem Wasser schwimmt eine Leckerei, allerdings nicht in Reichweite. Wie kommt man jetzt am schnellsten an die Süßigkeit? Um diese Aufgabe zu lösen, muss man zwei Dinge begreifen: 1.) Wenn ich einen Stein ins Wasser werfe, steigt die Wasseroberfläche und die schwimmende Süßigkeit kommt näher. Und 2.) Wenn ich schwerere Steine in das Wasser werfe, steigt der Wasserspiegel schneller an als bei leichteren. Das ist ein ganz schön komplexer Gedanke. Vor allem für einen Vogel. 

Aber genau diese Aufgabe meisterte eine Krähe in einem Versuch von Sarah Jelbert von der Universität von Auckland. Sie ergatterte sich ihre Belohnung, indem sie die Steine in das Wasser warf. Das alleine ist ja schon clever, aber darüber hinaus nahm sie fast nur die schwereren Gewichte.


In einer ganzen Reihe solcher Experimente erforschte Jelbert den Umgang von Krähen mit schwimmenden Leckereien und folgerte: Auch wenn sie bei einigen schwierigeren Aufgaben scheiterten, haben Krähen ein durchaus ausgereiftes Verständnis der kausalen Zusammenhänge von Wasserverdrängung. Sprich: Sie nehmen ganz bewusst den schweren Stein, weil sie verstehen, dass dann das Wasser schneller steigt. Das ist verblüffend, entspricht es doch den Fähigkeiten und Kenntnissen von fünf- bis siebenjährigen Kindern.

Flexibilität zahlt sich aus

Das Beispiel zeigt: Rabenvögel beobachten ihre Umwelt und ziehen Schlüsse daraus. Zwar ist längst bekannt, dass sie cleverer als andere Vögel sind und bei Intelligenztests manchem Affen Konkurrenz machen. Dennoch erstaunen uns Forscher immer wieder mit neuen Erkenntnissen über die schwarzen Vögel, die wir niemals für möglich gehalten hätten.

Aber warum eigentlich? Warum trauen wir Raben so wenig zu? "Ich glaube, wir sind über ihre Intelligenz so überrascht, weil sie uns nicht ähnlich sind", sagt Jorg Massen. Und das liege nicht nur daran, dass sie so anders aussehen, sondern daran, "dass es Vögel sind und diese in der Evolution so weit von den Menschen entfernt sind", vermutet er. "Aber es ist sehr interessant, dass bei Arten, die so wenig verwandt sind, die gleiche Sache entstanden ist: Intelligenz. Das zeigt: Unter ähnlichen Bedingungen können sich dieselben Fähigkeiten entwickeln. Auch bei unterschiedlichen Arten."

Doch welche Umweltbedingungen teilen wir mit Raben? Man könnte meinen, die Welt aus Rabensicht sähe ganz anders aus, oder? Gar nicht so sehr. Wenn man sich die Lebensweise der Vögel genauer anschaut, kommen verblüffende Ähnlichkeiten zum Vorschein.

An sich leben Raben monogam. Sie brauchen allerdings ein großes Territorium, um eine Familie gründen zu können. Da das nicht für alle möglich ist, leben die Jungvögel ohne Revier in großen Verbänden zusammen. Teilweise können es mehrere Hundert oder sogar Tausend Vögel sein. In diesen Gruppen gibt es ein komplexes soziales Gefüge: Rivalitäten und Bündnisse, Täuschung und Manipulation sind an der Tagesordnung. Da ist es von Vorteil, wenn man flexibel ist, sein Gegenüber beobachten und einschätzen kann. Außerdem ernähren sich Raben von Aas: Um erfolgreich zu sein, muss man zum Beispiel einschätzen können, wie weit man in Gegenwart eines Raubtiers gehen kann.

Auch der Mensch musste in seiner Entwicklung lernen, mit großen Räubern umzugehen, denen er körperlich klar unterlegen war und die er nur durch Cleverness besiegen konnte. Solche Situationen fördern die Entwicklung von Intelligenz. Beim Raben und bei Menschen gab es also ähnliche Herausforderungen, die gemeistert werden mussten, um zu überleben.

Fähigkeit zwei: Handwerkliches Geschick ist gefragt

Bei der reinen Beobachtung der Welt beließ es der Mensch jedoch nicht - für seine Erfolgsgeschichte war es von großer Bedeutung, dass er lernte, Materialien zu modifizieren und Werkzeuge zu bauen. Er ging sogar noch einen Schritt weiter: Werkzeuge werden genutzt, um andere zu verbessern. "Das ist so komplex, das können nur Menschen!", war lange die vorherrschende Meinung. Dass man dieses Verhalten schließlich auch bei Primaten beobachten konnte, war schon verblüffend. Aber bei Vögeln?  

Eine Forschergruppe von der Universität Oxford um Alex Kacelnik zeigte genau das: Krähen nutzen Materialien, um sich andere Werkzeuge zu eigen zu machen. Im konkreten Fall nehmen sie einen kurzen Stock, um an einen längeren zu gelangen. Mit dem angelten sie wiederum nach Futter. Zwar sind Raben noch weit davon entfernt, einen Computer zu bauen. Dennoch sind ihre Fähigkeiten erstaunlich, wie zahllose Beispiele zeigen: Sie werfen Nüsse auf Straßen, lassen sie von den drüberfahrenden Autos knacken und warten auf eine rote Ampel, um sich ihr Futter abzuholen. Sie nutzten ihren Schnabel, um zu gestikulieren und ihren Partner zur Kooperation aufzufordern. Sie kennen sich extrem gut in der weiteren Umgebung aus und wissen genau, wo es Futterquellen geben könnte.

Je mehr Forscher über die Intelligenz der Raben herausfinden, desto stärker stellt sich die Frage: Was kommt da noch alles? Sind die Vögel am Ende schlauer als Delfine oder gar einige Primaten? "Intelligenz zwischen unterschiedlichen Arten ist schwer zu vergleichen", erklärt Massen. "Man müsste dieselben Tests unter den gleichen Bedingungen machen. Aber es ist bekannt, dass Raben und Krähen zu den intelligenten Tieren gehören." Dass sich die Vögel kaum hinter Affen oder Delfinen verstecken müssen, wird dabei immer klarer.

Fähigkeit drei: Die Zukunft erahnen und besonnen handeln

Neben dem Beobachten und Modifizieren gehen Raben aber noch einen Schritt weiter - und planen ihre Zukunft.  In dem sogenannten Frühstückszimmer-Experiment  der Psychologin Nicola Clyten und des Primatenforschers Nathan Emery verbrachten Krähen immer abwechselnd einen Tag in einem Raum mit vielfältigem Nahrungsangebot, dem Frühstückszimmer, und einen Tag in einem trostlosen Zimmer ohne Futter. Nach mehreren Wiederholungen bekamen die Krähen freien Zugang zu beiden Räumen. Wie zu erwarten stürmten die Vögel direkt zu dem Futter. Jedoch nicht, um sich den Bauch vollzuschlagen: Die Krähen transportierten das Futter in den leeren Raum und verbuddelten es. Sie sorgten vor für schlechtere Zeiten, schließlich wussten sie, dass diese zu erwarten waren. Ob Menschen in einer ähnlichen Situation so besonnen reagieren würden, sei dahingestellt.

Fähigkeiten sind toll, aber: Ein bisschen Spaß muss auch sein!

Doch neben all dieser Cleverness und ihrer mystischen Ausstrahlung haben Raben noch eine weitere Eigenschaft, die die Menschen fasziniert: Sie haben ihren eigenen Kopf, sind frech - und sie spielen.

Im "Tower of London" leben - laut Aberglaube zum Schutz des Empires - seit Jahrhunderten Raben. Sie sind offiziell bei der Queen angestellt und werden gehegt und gepflegt. Die Touristen lieben die mystischen Tiere, auch wenn sie manchen Schabernack mit ihnen treiben. Mal berichten Besucher von gestohlenen Chips-Tüten, deren Inhalt dann in der Vogeltränke gewaschen und unter den Kumpanen verteilt wird. Mal stellt sich ein Tier tot und springt scheinbar feixend wieder auf, wenn besorgte Besucher den "Raven Master" geholt haben.

Die Beobachtung, dass Raben Dinge einfach nur so und scheinbar zum Spaß machen, machen Forscher jedoch nicht nur bei den königlichen Exemplaren. Ob Schlittenfahren auf verschneiten Dächern, Loopings auf dem Heimweg oder als blinder Passagier auf Scheibenwischern - die schwarzen Vögel haben richtig Spaß an Unfug. "Bestimmte Spiele haben natürlich eine Funktion in der Entwicklung der Rabenkinder, damit sie etwas lernen", erklärt Massen. "Aber es ist ja nicht so, dass erwachsene Tiere das nicht mehr machen. Sie spielen einfach um Spaß zu haben - genau wie wir!"