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Natascha Kampusch mit eigener Talk-Show: Therapie durch Öffentlichkeit

Acht Jahre lang wurde sie von ihrem Peiniger in einem Keller festgehalten. Seitdem war sie das Zielobjekt der Medienwelt. Jetzt geht Natascha Kampusch in die Offensive und moderiert eine eigene Talk-Show. Dass Kampusch die öffentlichen Auftritte auch Überwindung kosten, gibt sie freimütig zu.

Der Fernseher war in den langen Jahren ihrer Gefangenschaft Natascha Kampuschs einziges Fenster zur Außenwelt. Kaum zwei Jahre nach ihrer Befreiung tritt sie nun selbst im österreichischen TV als Gastgeberin auf: Ab Sonntag moderiert sie ihre eigene Talk-Show, die "Natascha Kampusch trifft..." heißt.

Eine rasante Karriere für eine 20-Jährige, die noch darum kämpft, sich wieder ein normales Leben aufzubauen. "Über mich wurde schon so viel berichtet. Da will man wissen, wie es auf der anderen Seite ist", sagt Kampusch zu ihren Beweggründen. Dabei räumt sie freimütig ein, als TV-Moderatorin eine eher ungewöhnliche Wahl zu sein. Sie sei selbst noch damit beschäftigt, alles auf die Reihe zu kriegen. Doch nur solange man sich überwinde, komme man auch weiter, erklärte Kampusch, die derzeit auch ihr Abitur nachholt. Nun also gewissermaßen Therapie durch Öffentlichkeit.

Lauda hatte selbst Bedenken

Die Formel-1-Legende Niki Lauda wird am Sonntagabend zur besten Sendezeit ihr erster Gast sein. Er habe zunächst Bedenken gehabt, sagt Lauda. Deshalb habe er Kampusch zuerst ein Mal vor der eigentlichen Sendung zum Gespräch treffen wollen. "Um ein Gefühl dafür zu kriegen, warum sie das überhaupt machen will", sagte Lauda. "Sie hat das aber sehr professionell gemacht." Der erfahrene Talkshow-Gast zeigte sich beeindruckt. "Sie hat mir teilweise Fragen gestellt, die ich noch nie gefragt worden bin."

Im März 1998 wurde die damals Zehnjährige in Wien auf dem Weg zur Schule entführt, von ihr fehlte jede Spur, die Ermittler tappten völlig im Dunkeln. Rund achteinhalb Jahre hielt sie ihr Peiniger Wolfgang Priklopil als Gefangene im Keller fest. Nur Radio, Bücher und das Fernsehen verbanden sie mit der Außenwelt. Als Priklopil durch einen Anruf abgelenkt war gelang ihr schließlich im August 2006 die Flucht - vom Sonnenlicht geblendet, blass und schwach, aber endlich frei. Priklopil nahm sich wenige Stunden später das Leben.

Bedrohte Privatsphäre

Der kurze Werbefilm zur Sendung zeigt Kampusch mit langen blonden Haaren, sie trägt einen lila Pullover und einen blumenbestickten Rock. Ganz in Journalistinnenpose tippt sie geschäftig auf einem Notebook und lächelt, als die Maske ihr das letzte Make-up verpasst. Bei der Talkshow wolle sie vor allem wissen, "wie meine Gäste ihr aktuelles Leben sehen, ihre berufliche Tätigkeit, den Freundeskreis. Sind sie zufrieden? Was sind ihre Träume?", so Kampusch. Sie werde sich mit ihren Gesprächspartnern "sehr offen" vor der Kamera unterhalten, und dabei auch einiges von sich selbst preisgeben.

Seit zwei Jahren bewegt sie sich auf einem schmalen Grat: Schon zwei Wochen nach ihrer Befreiung sprach sie erstaunlich eloquent mit dem österreichischen Fernsehen. Als Paparazzi jedoch anfingen, ihr bis in Diskotheken zu folgen, wehrte sie sich. Sie verteidigte ihr Recht auf Privatsphäre. Nun wird sich die Frage jedoch neu stellen: Als TV-Moderatorin wird sie willentlich zur öffentlichen Person, Fotografen könnten nun schwieriger abzuschütteln sein.

Einmal im Monat soll ihre 50-minütige Sendung zu sehen sein. Wie viel der Sender dafür zahlt, wurde nicht verraten.

"Man wird mich immer aus diesem Blickwinkel sehen".

Die Vergangenheit hat sich Kampusch vor wenigen Wochen drastisch in Erinnerung gerufen: Als der Inzest-Fall von Amstetten bekannt wurde, bei der ein Vater seine jetzt 42-jährige Tochter offenbar seit 24 Jahren in einem Kellerverlies gefangen hielt und mit ihr sieben Kinder gezeugt haben soll, war sie erschüttert. Irgendwie sei ihre ganze Vergangenheit auf sie eingestürzt, sagte Kampusch. Sie habe den Fernseher abschalten müssen.

Kampusch hat der Familie finanzielle Hilfe angeboten und will mit der missbrauchten Tochter zusammentreffen. Gegenüber RTL äußerte sie sich skeptisch, ob die Amstetten-Opfer überhaupt den Weg in ein normales Leben zurückfinden könnten. "Ich weiß nicht, ob die jemals ein normales Leben führen können. Ich bin mir bei mir selbst auch noch nicht sicher, man wird mich immer aus diesem Blickwinkel sehen."

AP / AP
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