Panorama Alkohol, Übermut und Katastrophen

Schon 300 Menschen sind dieses Jahr ertrunken; die Zahl von Menschen, die eine Querschnittslähmungen erleiden, steigt weiter an. Der Grund: An den Badeseen herrscht zuviel Übermut.

Quietschvergnügt tummeln sich Scharen von Urlaubern an Sonnen beschienenen Badeseen und Küsten. In der ausgelassenen Stimmung wächst aber auch der Leichtsinn: Sich mit einem übermütigen Kopfsprung ins Wasser zu stürzen, kann tragisch enden. Allein am Wochenende seien rund ein Dutzend Menschen - darunter auch Kinder - beim Baden ertrunken, berichtet die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). Sie rechnet mit einer höheren Zahl von Badetoten als im kühleren Sommer 2005.

In Schleswig-Holstein ertranken am Sonnabend ein Fünfjähriger und ein 47 Jahre alter Mann. Bereits am Freitag war eine 81-Jährige nach einem Badeunfall gestorben.

Allein im Juli mussten in der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) acht Menschen mit Verletzungen der Halswirbelsäule behandelt werden. Das sind so viele wie in den Jahren 2001 bis 2005 zusammen. "Der Leichtsinn der meist jungen Männer ist kaum noch zu überbieten", sagte Chefarzt Prof. Christian Krettek. "Derart schwere Verletzungen der Halswirbelsäule ziehen zumeist eine Querschnittslähmung und ein Leben im Rollstuhl nach sich." Bis Ende Juni dieses Jahres ertranken nach vorläufigen DLRG- Zahlen rund 300 Menschen in Deutschland, im Vergleichszeitraum des Vorjahres waren es 233.

Bademeister sind zu teuer

Mitten in der Hochsaison besuchten am Montag Bundespräsident Horst Köhler und seine Frau Eva die DLRG-Rettungsschwimmer auf der Nordseeinsel Norderney. Dabei kritisierte DLRG-Präsident Klaus Wilkens, Kommunen vernachlässigten die Sicherheit von Badestellen. Außerdem soll es bei der Schwimmausbildung Defizite geben, unter anderem durch die Schließung von Bädern. Wilkens klagte: "Die lokale, nur an der Haushaltslage der Kommunen ausgerichtete Bäderpolitik verhindert eine regional abgestimmte Sportstättenentwicklung." Schulen und Verbänden, die sich um Schwimmausbildung kümmerten, werde die Arbeit erschwert.

Im vergangenen Jahr waren in Deutschland laut DLRG 477 Menschen ertrunken. Im extrem heißen Sommer 2003 hatte es 644 Badetote gegeben. Die größten Gefahren lauern dabei in unbewachten Gewässern wie Flüssen und Baggerseen. Dabei haben sich die Menschen gerade auch die Flüsse wie Elbe und Rhein auf Grund der besseren Wasserqualität zurückerobert. Dabei werden die teils sehr hohe Fließgeschwindigkeit und die Strömungen oft nicht richtig eingeschätzt, sagte der Sprecher der DLRG, Martin Janssen.

Nichtschwimmer und Alleskönner

Außerdem können zunehmend mehr Kinder gar nicht schwimmen - heute sind es laut DLRG fast zwei Drittel der Fünf- bis Zehnjährigen. Vor allem bei der Zahl der ertrunkenen Kinder und Jugendlichen hatte es im vergangenen Jahr einen Anstieg um mehr als 50 Prozent gegeben. Bundesweit kamen 63 Menschen zwischen 6 und 20 Jahren ums Leben. Auch in der Gluthitze der vergangenen Tagen endeten zahlreiche Badeausflüge von Kindern dramatisch: In der Ostsee vor Schleswig- Holstein und in einem Badesee ertranken zwei fünfjährige Jungen.

Ältere Menschen hätten vor allem mit Kreislaufproblemen zu kämpfen. Sie überschätzten mitunter ihre Leistungsfähigkeit, sagte Janssen. "Wenn dann noch Herz-Kreislauf-Schädigungen dazukommen, wird das zu einem gefährlichen Cocktail." Die Körpertemperatur sollte immer langsam ans kühlere Wasser angepasst werden.

Jüngere Leute, die oft in Cliquen an Badeseen feierten, werfen aber schon mal alle Vorsicht über Bord und springen kopfüber ins flache Wasser. Häufig sei Alkohol im Spiel, der die Hemmschwelle für waghalsige Aktionen sinken lasse, sagt der Direktor der Unfallchirurgie an der MHH, Prof. Krettek. Allein am vergangenen Wochenende waren nach Bade-Unfällen vier junge Männer mit Halswirbel- Verletzungen dort eingeliefert worden.

Monika Wendel/DPA DPA

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