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Parapsychologe von Lucadou: Der echte Geisterjäger

Halloween ist Spuk mit Ankündigung. Manchmal aber passieren Dinge, für die niemand eine Erklärung hat. Im Interview mit stern.de spricht der Parapsychologe Walter von Lucadou über Stimmen im Teekessel und anderem Spuk, der sein Beruf als "Geisterjäger" mit sich bringt.

Herr von Lucadou, wie kann man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Als Experten für ungewöhnliche Fälle sind wir verbraucherberatend tätig. Weil wir das Wort "parapsychologisch" im Titel tragen, wissen Betroffene, dass sie uns wirklich alles erzählen können - und nicht als verrückt abgestempelt werden. Auf der anderen Seite betreiben wir Forschung: Wir untersuchen, was hinter unüblichen Vorkommnissen steckt. Das ist alles sehr schwierig und teuer. Vom Land Baden-Württemberg werden wir jährlich mit 20.000 Euro unterstützt. Was aber zu wenig ist, weshalb wir auch auf Spenden angewiesen sind.

Gibt es dermaßen viele Geister in Deutschland?

Spukfälle sind viel häufiger als man meinen könnte. Aber das ist nicht so sensationell wie in Filmen, wo Parapsychologen in ein Haus gehen, eine Kamera aufstellen und bizarre Dinge sehen. Oft erzählen Betroffene einfach nur: Bei mir im Haus lag auf einmal etwas, was vorher nicht dort war. Oder, dass etwas verschwunden ist. Wir können keine spektakulären Thesen aufstellen, sondern oft höchstens feststellen: So wie es aussieht, haben Sie sich das nicht alles eingebildet. Zusammengefasst sind die meisten paranormale Phänomene keine Geschichte mit einem tollen Plot. Sondern irritierende Beobachtungen, die man schlecht einordnen kann - und die den Betroffenen dann entsprechende Bauchschmerzen bereiten.

Wieviele Betroffene gibt es?

Wir haben pro Jahr etwa 3000 Anfragen, teils sogar aus dem europäischen Ausland. Wir sind ständig überlastet und können viele Einzelfälle gar nicht so intensiv bearbeiten, wie es notwendig wäre. Ein weiteres Problem: Nach Umfragen haben ungefähr zwei Drittel der Bevölkerung schon "ungewöhnliche" Erfahrungen gehabt. Dennoch gibt es keine Lehrbücher der Psychologie, in denen ausführlicher auf diese Problematik eingegangen wird. Das finde ich beinahe bizarrer als die Erlebnisse, mit denen die Menschen zu uns kommen.

Mit was für Problemen kommen die Menschen zu Ihnen?

Ein Beispiel: Ein Mensch sieht plötzlich irgendwo ein Familienmitglied - das aber vor kurzem verstorben ist. Das lässt sich psychologisch gut erklären. Es nennt sich projektive Wahrnehmung. Auch wenn man frisch verliebt ist, kann es ja vorkommen, dass man plötzlich die Geliebte auf der Straße sieht. Dann schaut man nochmal genauer hin und merkt, dass man sich getäuscht hat. Man projeziert etwas. Unsere Wahrnehmung ist also von unserer Vorstellung nicht unabhängig. Wenn jemand stirbt, der ständig um einen herum war - die Geliebte, der Ehemann, die Eltern -, hat man dieses Bild auch noch weiter im Kopf. Läuft dann in der Straßenbahn ein Mensch vorbei, der dem Verstorbenen auch nur im Entferntesten ähnelt, glaubt man, diesen zu sehen.

Man sieht also Gespenster, wo keine sind.

Richtig. Wir haben aber auch Menschen, die sagen: Bei mir im Haus passieren ungewöhnliche Dinge, da spukt es. Wir schauen, was dahinter stecken könnte. Ist es ein psychologisches Problem, hat der Betroffene also Halluzinationen? Oder spielen Nachbarn dem Betroffenen einen Schabernack? Sind es vielleicht physikalische Phänomene, die die Leute nicht erklären können? Das kommt alles vor.

Was wäre eine Geistererscheinung physikalischer Natur?

Ein Mann erzählte mir mal, er höre immer eine leise Stimme, die aus seinem Teekessel käme. Da denkt natürlich jeder: Der spinnt doch. Doch es stimmte - war aber ein rein physikalischer Effekt. Der Mann wohnte in der Nähe eines starken Mittelwellensenders. Jedes Mal, wenn er seinen Teekessel auf die Herdplatte stellte, konnte er Radio hören. Wir haben das ausprobiert. Ein anderer Fall: Eine psychisch kranke Frau erzählte mir, dass in ihrer Wäsche immer fremde Kleidungsstücke seien. Ihr Arzt hat natürlich sofort die Psychopharmaka erhöht. Aber was war? Die Frau hat ihre Kleidung in einer Gemeinschaftswaschmaschine gewaschen. Und der Nachbar hat die Maschine einfach nicht richtig ausgeräumt. Eine ganz simple Erklärung. Es ist also wichtig, die Aussagen der Leute wirklich zu überprüfen. Nicht alles, was ein Psychotiker beobachtet, ist falsch.

Lässt sich alles erklären?

Nein. Es kommt auch vor, dass wir Dinge Betroffenen nur sagen können: Das haben auch andere schon erlebt. Wichtig ist mir aber: Nur weil etwas noch nicht erklärbar ist, muss es etwas "Übersinnliches" sein. Wenn es Geister gäbe - und es würde mir jemand ein hieb- und stichfestes Foto davon bringen -, wäre es nicht irrational zu sagen, dass das eben "Geister" sind. Ein Geist ist ein Modell, und es nicht irrational, sich ein Modell zu machen. Es kann aber das falsche Modell sein. Obwohl ich an den jeweiligen Fall aber naturwissenschaftlich und psychologisch herangehe, bin ich keiner der Wissenschaftler, der glaubt, dass es in der Natur nichts mehr gibt, was wir nicht schon verstehen. Ich rechne damit, dass es eben auch Sachen gibt, die wir noch nicht verstehen.

Haben Sie ein Beispiel?

Ich bin ja bei Spukfällen dabei gewesen. Es gab einen Fall, als uns erzählt wurde, dass in einer Wohnung Steine herum fliegen würden. Es war tatsächlich so: Dass Steine teilweise sogar durch die Fenster folgen. Das mussten wir erst einmal zur Kenntnis nehmen.

Da hat halt jemand mit Steinen geworfen, oder?

Nein. Wir haben aber heraus gefunden, worin das Problem bestand. Es gab eine sogenannte Fokus-Person. Das ist die Person, in deren Nähe solche Dinge immer passieren. Wir haben ihr genau auf die Finger geschaut, sie aber nie beim Werfen erwischt. Unser rational-wissenschaftliches Modell sah dann so aus: Dieser Spuk hat die Funktion einer psychosomatischen Reaktion. Wie das im Einzelnen funktioniert, weiß man heute noch nicht.

Das heißt, dass ein Mensch etwas sehr Massives ausstrahlen kann...

... also "können" tut er es nicht. Es passiert halt.

Durch eine Art von Aura werden Dinge in Bewegung gesetzt?

Ich würde es anders beschreiben: So wie der Körper eines Menschen wegen eines psychologischen Problems "spinnen" kann, kann bei einem psychosomatischen Problem die Umgebung spinnen. Das betrifft oft Menschen mit ganz bestimmten Persönlichkeitsstrukturen. Für uns ist das kein übernatürliches, sondern ein natürliches Phänomen. Selbst wenn wir die Mechanismen nicht kennen.

Es gibt viele Menschen, die sagen: Ein Verwandter von mir starb - und die Uhr blieb stehen. Was hat es damit auf sich?

Das sind sogenannte Ankündigungserlebnisse. Solche Erzählungen gibt es häufig, sie sind durchaus glaubwürdig. Die Frage ist aber dennoch, ob es nicht ein Zufall gewesen sein könnte. Betroffenen fällt es halt besonders auf, wenn die Uhr genau um den Tod eines Verwandten herum stehen bleibt. Letzten Endes lässt sich nicht entscheiden, ob es ein Zufall war oder nicht.

Warum gibt es so viele Spukschlösser in Großbritannien?

Die Engländer haben - zum Glück - ein Faible für skurrile Sachen. Das finde ich gar nicht schlecht. Es ist ein Zeichen von Toleranz. Bei uns dagegen besteht die Tendenz, lieber nicht darüber zu sprechen - aus Angst, für verrückt erklärt zu werden.

Sie wirken wie das genaue Gegenteil von Parapsychologen, wie sie in Hollywood-Filmen vorkommen. Würden Sie zustimmen?

Ein Parapsychologe sollte kein Spinner sein, der selbst an Gespenster glaubt. Das sind Zerrbilder, Klischees, die bedient werden. Ein Parapsychologe sollte ein nüchterner Wissenschaftler sein, der menschliche Berichte ernst nimmt. Und nicht auf Grund von scientistischen Vorurteilen - das ist nämlich auch eine Weltanschauung - Dinge ablehnt, nur weil er sie nicht versteht. Die Grundvoraussetzung bei jedem Wissenschaftler ist, dass er akzeptiert, das er sich auch irren kann. Von daher sind besonders amerikanische Filme extrem unrealistisch, weil sie mit dem, was bei einem Spukfall passiert, so gut wie gar nichts zu tun haben. Filme wie "Zimmer 1408" oder "Poltergeist" sind gruselig und spannend gemacht, aber reine Phantasie. Auch die spiritistischen Elemente in solchen Filmen sind Blödsinn. Es gibt einen alten Spukfilm namens "The Haunting" vom Regisseur Robert Wise - mit dem schrecklichen deutschen Titel "Bis das Blut gefriert". Der ist gut gemacht, da finden die Vorkommnisse eher zwischen den Zeilen statt. Aber das Remake "Das Geisterschloss" ist total schlecht.

Interview: Jörg Isert
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