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Pinguin-Gemetzel: "Überall war Blut"

In Australien gibt es an der Ostküste eine große Kolonie von Zwergpinguinen. Doch seit kurzem werden die putzigen kleinen Gesellen bei Melbourne Opfer brutaler Attacken: Sie werden erwürgt oder niedergestochen.

Von Michael Lenz, Sydney

Sie liegen faul am Strand, aalen sich in der Sonne, lieben Meeresfrüchte und kühlen sich ab und zu mit einem Bad im Meer ab. Was den Australiern billig, ist den Zwergpinguinen von Sydney und Melbourne schon lange recht.

Ja, es leben tatsächlich Pinguine in den beiden australischen Metropolen. Die "Happy Feet" in der Hafenbucht von Sydney und der Phillip-Bucht von Melbourne sind lustige kleine Gesellen aus der Gattung der Zwergpinguine. Viel schöner ist allerdings ihr englischer Name: Fairy Penguins. Die höchstens 30 Zentimeter großen Vögel leben ein beschauliches Leben. "Sie sind faul", lacht Zoe Hogg, Koordinatorin der Pinguinforschungsgruppe "Earthcare" in Melbournes Stadtteil St. Kilda. "Sie hängen den ganzen Tag herum und tun nichts außer zu fressen und Nachwuchs zu produzieren." Kaum einer der über 500 Zwergpinguine von St. Kilda schwimmt mal eben um die Ecke zum Besuch der Verwandten auf der nahe gelegenen Phillip Island, dessen etwa 20.000 Tiere umfassende Pinguinkolonie eine der größten Touristenattraktionen Australiens ist.

Seit einigen Tagen aber ist es vorbei der Ruhe. Fünf der zauberhaften Fairy Penguins in St. Kilda, einer Hochburg des Melbourner Nachtlebens, sind am Tag vor Heiligabend in einer brutalen Attacke umgebracht worden. Einigen hatten die Täter den Hals umgedreht. Andere mit zahllosen Messerstichen ermordet. "Überall war Blut", erinnert sich Hogg. Wer zu einer solchen Tat fähig ist, kann sich Hogg nicht vorstellen. "Es gibt wohl einfach solche Menschen", seufzt Hogg und äußert den Verdacht, Betrunkene aus einer der Bars oder Discos von St. Kilda könnten sich an den Pinguinen vergriffen haben.

Pinguinhasser auch in Sydney

Kurz vor Weihnachten hatten Pinguinhasser auch in Sydney zugeschlagen. Vandalen zerschmetterten Eier der Pinguine und zerstörten Nester der Vögel. Die Sydneysider sind empört, und die Medien haben zur unerbittlichen Jagd auf die Täter aufgerufen. "Diese Pinguinpopulation ist extrem klein und sehr gefährdet, deshalb genießt dieses Brutgebiet höchsten Schutz", sagt Tania Duratovic vom "Little Penguin Recovery Team", in dem Sydneys Stadtverwaltung, Regierungsstellen, Experten von Sydneys Taronga Zoo und Universitäten zusammenarbeiten.

Die höchstens ein Kilo schweren Zwergpinguine sind weltweit die kleinsten ihrer Gattung und ausschließlich in Neuseeland und Australien zu finden. Die mit etwa 60 Tieren kleine Kolonie am Strand von Sydneys Badeort Manly ist jedoch die nördlichste überhaupt. Die flugunfähigen Vögel sind exzellente Schwimmer. "Normalerweise schwimmen sie mit einer gemächlichen Geschwindigkeit von fünf Stundenkilometern, aber sie können auch auf 8,5 Stundenkilometer beschleunigen", weiß Duratovic. Das entspreche dem olympischen Niveau von Freistilschwimmern auf der 50-Meter-Bahn. Und tauchen können die Zwerge. Bis zu 30 Metern – im Extremfall gar 65 Meter - schaffen sie auf der Jagd nach Leckereien wie Tintenfische oder kleinen Sardinen.

Reiselustige kleine Gesellen

Anders als ihre Artgenossen in St. Kilda legen die Vögel aus Manly auch gewaltige Strecken zurück. Die Pinguinforscher vom Sydney Aquarium haben Tiere mit kleinen Sendegeräten bestückt und später dann Signale von der Granit Insel in Südaustralien empfangen - 1405 Kilometer von Sydney entfernt. Reiselustig werden die Pinguine außerhalb ihrer Brutzeit zwischen März und Mai. Zum Brüten kommen die Tiere, die ihren Partnern treu sind bis dass der Tod sie scheidet, aber immer wieder nach Manly zurück.

Die Hafenbucht von Sydney mit ihren vielen sanften Nebenbuchten haben sich die Zwergpinguine als Heimat ausgesucht, weil sie einen gewissen Schutz vor ihren ärgsten Feinden bietet: Haien. Dafür lauern aber andere Gefahren den Gestaden von Sydney und Manly. Pinguine gelten unter Füchsen und Hunden als Leckerbissen. Ihr mächtigster Feind aber ist der Mensch, der ihnen durch sein Siedlungsgebaren fast den ganzen Lebensraum genommen hat.

Fischmangel sorgt für Futterprobleme

In den 70er, 80er Jahren waren die Zwergpinguine in Sydney fast ausgestorben. Der Schutz der Tiere und das Zuchtprogramm des "Little Penguin Recovery Team" haben sich aber als erfolgreich erwiesen. "Der Bruterfolg in Manly ist höher als unter den berühmten Pinguinen von Phillip Island! Die Pinguine von Manly sind gar Doppelbrüter, das heißt, sie sie ziehen mehr als nur ein Paar Küken pro Saison auf”, heißt es auf der Pinguinwebseite der Regierung von New South Wales.

Die Pinguine von St. Kilda sind nicht bedroht, sieht man von den Angriffen der Pinguinterroristen ab. Und davon, dass es immer weniger Fische in der Phillip Bucht von Melbourne gibt und die Tiere somit weniger Futter finden. Allerdings wäre es um die Kolonie fast geschehen gewesen. Mitte der 80er Jahre nämlich hatte die Stadt Melbourne den Einfall, in die Phillip-Bucht einen Vergnügungspark zu bauen. "Was für eine bescheuerte Idee", graust es Hogg noch heute. Umweltaktivisten und Pinguinschützer haben den Stadtvätern aber einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht.

Bisher kein Täter gefasst

Weder in Sydney noch in Melbourne konnten die Pinguinattentäter bisher gefasst werden. Sydneys Happy Feetler haben jedoch inzwischen Nachwuchs bekommen. Fünf winzige Babyzwergpinguine sind in der vergangenen Woche in Manly in die freie Wildbahn entlassen worden. Die acht Wochen alten Küken sind von Hand aufgezogen worden, bis sie stark genug waren, ihr Leben aus eigener Kraft meistern zu können. Jetzt toben die Kleinen quietschvergnügt zwischen Manly und dem Opernhaus von Sydney und werden sich sicher am Sonntag mächtig erschrecken, wenn sie zum ersten Mal die Böllerei des Silvesterfeuerwerks über Sydneys Hafenbucht erleben.