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Pro und Contra Kälte: Gehört die Kälte abgeschafft?

Sicher, extreme Minusgrade gehören zum Winter wie die Reifen zum Auto. Aber ist das schön? Und muss man sich damit abfinden? Hier streiten zwei stern.de-Redakteure.

Von Jörg Hermes und Florian Güßgen

Ja, ja. Man kennt diese Leute. Jene Stoßlüfter, die jetzt natürlich das Hohelied der krispen, hellblauklaren Kälte singen, der Minuszwanziggrade, des Frierens als höchster Form des Winters, quasi als Akt der Geist- und Seelenreinigung. Es sind die gleichen Menschen, die jetzt - ach, heeeeerlich! - draußen joggen, eine kalte Dusche als Erfrischung empfinden, die raue, kleine Handtücher mögen und nach dem zweiten Glas Wein erst Mal einen koffeinfreien Espresso bestellen. Sans sucre, bien sûr.

Kiloweise Daunen. Ist das menschenwürdig?

Aber, gemach, es geht in dieser Auseinandersetzung ja nicht um Menschen oder Misantrophie. Es geht um ein angeblich naturgegebenes Faktum: die Kälte - und wie wir, wie man, wie am Ende ich damit umgehen kann, soll, muss. Ich, um damit zu beginnen, verachte sie, die Kälte. Es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur schlechte Kleidung? Ja, ja, schon recht. Unsinn! Es ist widernatürlich, wenn ich mich in Kilos von Daunen packen muss, um Minuten unter freiem Himmel auch nur halbwegs überleben zu können, wenn ich schweres Schuhwerk brauche, um mich beim Abenteuertrip zur U-Bahn nicht auf die Nase zu legen.

Es ist ein Gräuel, wenn die Kinder auf dem Weg zur Kita eine halbe Stunde an-, dann wieder eine halbe Stunde ausgezogen werden müssen. Haben Sie schon mal versucht, einer Zweijährigen Fingerhandschuhe überzustreifen, die sie, zehn Sekunden, nachdem das Kunstwerk vollbracht ist, mit dem Hinweis, dass sie jetzt doch lieber ihren Lillifee-Lippenstift bedienen möchte, fröhlich wieder abstreift? Ich lechze nach Frühjahr, nach dem Sommer, leichter Kleidung, Flipflops, einer halbwegs schnupfenfreien Phase.

Naturgegeben? Pah!

Jene, die sich der Kälte-und-Winter-Romantik hingeben, machen nichts anderes, als sich die Welt schön zu reden. Und damit wären wir doch dabei, wie wir der Kälte politisch und gesellschaftlich begegnen. Naturgegeben? Pah! Wie passiv, demütig, politikverdrossen ist diese Haltung? Die Inderkälteläufer wagen es schlicht nicht einmal, von einer besseren Welt mit, sagen wir, trockenen 25 Grad Dauertemperatur zu träumen, geschweige denn, sich an deren Umsetzung zu machen. Die Kälte als Gratiswellness zu verteidigen ist in etwa so wie Banker als Hüter der Verteilungsgerechtigkeit zu bezeichnen. Ich finde, dass wir uns von dieser Einstellung endgültig lösen, aufstehen müssen wider diese unerträgliche Kälte, ach was, gegen den Winter. Occupy Kälte! It's time for a German spring! Allein dieser Gedanke wärmt mir das Herz.

Wir sind schon ein komisches Volk. Kaum fallen die Temperaturen deutlich unter die Nullgradmarke, geht das Gejammer los: Viel zu kalt! Mir frieren die Füße weg! Meine Lippen sind so spröde! Wann wird's endlich Frühling?! Auch bei mir daheim fällt die Stimmung auf den Tiefpunkt, sobald das Thermometer ins Minus dreht, und meine Frau konfrontiert mich regelmäßig mit Auswanderungsgedanken.

Wollt Ihr lieber den Novemberblues?

Klar, die Kinder winterfest anzuziehen - ich sage nur Zwiebelprinzip - kann in schweißtreibende Schwerstarbeit ausarten. Und, ja, weht einem der eiskalte Ostwind ins Gesicht, ist das kein Vergnügen. Aber für mich gehören Frost und Schnee nun einmal zum Winter wie der Tannenbaum zu Weihnachten. Es ist noch gar nicht so lange her, da haben zumindest wir hier in Norddeutschland Jahr um Jahr auf einen richtigen Winter gewartet. Doch statt Winterwunderland gab es stets nur den Novemberblues, Schlitten und Schlittschuh blieben eingemottet und fristeten ein trostloses Kellerdasein.

Meine größte Befürchtung damals: Das ist der Klimawandel, Winter für immer adé! Doch, oh Wunder, zum vierten Mal in Folge macht die kalte Jahreszeit ihrem Namen alle Ehre: Dauerfrost im ganzen Land, dazu Schnee satt. Die Hamburger Alster ist bereits zugefroren und lädt zum Flanieren auf dem Eis ein - herrlich! Wer einmal einen Spaziergang über Hamburgs größten Binnensee gemacht hat und die ungewöhnliche Perspektive auf den Jungfernstieg genossen hat, weiß wovon ich spreche.

Nehmt euch ein Beispiel an den Kindern!

Was mich besonders erstaunt: Es sind vornehmlich Erwachsene, die stöhnen und sich beschweren. Kinder hingegen nehmen es, wie es kommt. Das Wochenende habe ich mit meinen beiden Kleinen hauptsächlich auf einem zugefrorenen Dorfteich verbracht. Beide standen erstmals auf Schlittschuhen bzw. Gleitschuhen - und hatten den Spaß ihres Lebens. Selbst meine Frau, die an chronischer Frierietis leidet, reichte dieser Anblick, und ihr wurde warm ums Herz.

Deshalb an dieser Stelle eine Bitte an alle Nörgler und Warmduscher: Behaltet euren frostigen Frust für euch!

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