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Rupert Murdoch vor dem britischen Parlament: Ausgezogen bis aufs Feinripp-Hemd

Es war ein Showdown angekündigt – und was zäh begann, eskalierte in einer Schaumschlacht: Nachdem Rupert Murdoch mauerte statt Rede und Antwort zu stehen, griff ein Comedian an.

Von Markus Götting

Am Ende haben sie ihn gewissermaßen bis aufs Unterhemd ausgezogen. Dieses Bild wird für immer bleiben von Rupert Murdoch. Quasi ikonografisch. Da sitzt er auf dem Büßerbänkchen vor dem Medienausschuss des britischen Unterhauses, und unter seinem weißen Hemd schimmert ein olles Feinripp hindurch. Der mächtigste Medienmogul der Welt sieht in diesem Moment völlig zerrupft aus. 80 Jahre, ein alter Mann, ein wenig Mitleid erregend - allerdings, ohne dass er jemals Mitleid verdient hätte. In seinem ganzen Leben, sagt er, habe er sich noch nicht so demütig gefühlt habe wie an diesem Tag. Er sagt es bereits zum zweiten Mal an diesem Nachmittag.

Zweieinhalb Stunden lang hatten die Parlamentarier ihn und seinen Sohn James gegrillt, die Flamme mal höher, mal niedriger. Und gerade, als die Anhörung auf ihr Finale zusteuert und die konservative Abgeordnete Louise Mensch zu Fragen von der Qualität eines Zahnarztbohrers ansetzt, wandelt sich das lang erwartete Spektakel in eine Farce. Ein Mann im Holzfällerhemd stürzt auf Murdoch zu, in der Hand ein Tablett voller Rasierschaum, streng parfümiert, wie Anwesende später sagen, und er kippt es über dem Alten aus. Dessen blaues Jacket, sozusagen die corporate colour des Imperiums, ist besudelt an der rechten Schulter.

Wendis rechter Haken

In diesem Augenblick springt Wendi Deng, die 42-jährige Gattin des Moguls, auf. Den ganzen Nachmittag über hatte die gebürtige Chinesin hinter ihrem Mann gesessen, ihre Finger knetend, nervös. Jetzt ist der Punkt gekommen, ihn im wahrsten Wortsinn zu verteidigen. Wie eine klassische Tiger Mom: Sie haut dem Angreifer, einem Comedian namens Jonnie Marbles, geradewegs ins Gesicht. Mit einer Wucht, die sie sogar selbst zu Fall bringt und dem Labour-Mann Tom Watson eine versöhnliche Schlussbemerkung dieser Anhörung abnötigt: "Mr. Murdoch, eines muss man ihrer Frau lassen - sie hat einen guten rechten Haken."

Der Zwischenfall reflektiert, wenn auch auf irritierende Weise, die Stimmung in England. Das Publikum ist angewidert von Murdochs schmutzigen Boulevardblättern. Über Jahrzehnte haben sie die Menschen mit Skandalen köstlich unterhalten, doch seit öffentlich ist, dass sie die Mailbox eines 13-jährigen ermordeten Schulmädchens abgehört haben, hat sich dieses Vergnügen in weltweites Entsetzen verwandelt.

Es ist der größte Skandal der britischen Mediengeschichte, in den sämtliche Institutionen der englischen Gesellschaft verstrickt sind: Presse, Politik, Polizei (mehr dazu im am Donnerstag erscheinenden stern). Die parlamentarische Aufarbeitung dieser Affäre soll nun klären, ob die systematischen Brüche der Privatsphäre von öffentlichen, aber eben auch unbekannten Personen nur die kriminellen Machenschaften einzelner fauler Äpfel im Impressum der "News of the World" und ihrer Schwesterpostille "Sun" waren - oder doch eher Teil der Unternehmenskultur in Murdochs gefürchteter News Corporation.

Unterbrochen vom Papa

Genau diesen Eindruck wollen die Murdochs vermeiden. Deshalb sitzen sie hier. Aber man kann nicht sagen, dass sie substanziell zum Erkenntnisgewinnen beitragen. James Murdoch, 38, und bis vor drei Wochen noch der definitive Kronprinz der Dynastie, versucht, sich aus sämtliche Anwerfungen herauszuschwurbeln. Die übelsten Gesetzesverstöße, sagt er immer wieder, seien geschehen, bevor er als Europa-Chef der News Corp. die Verantwortung hatte. Fragen zu Details beantwortet er mäßig variantenreich: "Das kann ich Ihnen jetzt so genau nicht sagen." Oder: "Das ist entzieht sich meiner Kenntnis." Gern auch: "Nicht nach meinem Wissen."

Gelegentlich unterbricht ihn der alte Herr, er legt dann die rechte Hand zärtlich auf den Arm seines Sohnes. Wird er direkt angesprochen, antwortet er mit einem kurzen Satz, meist aber kurz und bündig: "Nö." Man sieht ihm sein Alter in diesen Tagen an. Furchen wie auf einem Kartoffelacker überziehen seine Stirn, mal wirkt er genervt, dann wieder nur noch müde. Er macht lange Pausen vor jeder Antwort, Stille im Saal, dann nuschelt er vor sich hin. Oder ist das alles bloß eine Pose? Man muss an den legendären Mafioso Vincent "the chin" Gigante denken, der in den Neunziger Jahren versucht hat, auf Tatter-Greis zu machen, um so dem Knast zu entgehen.

Hin und wieder erfassen Energieschübe Rupert Murdoch, bei denen er mit der Handkante auf den Tisch schlägt. Sein Sohn ist sichtlich genervt davon, aber der Patriarch ist dann wieder ganz bei sich: Der Mann, der immer noch täglich zehn bis zwölf Stunden arbeitet, der mehr als ein halbes Jahrhundert lang Regierungschefs auf der ganzen Welt wie Marionetten hat tanzen lassen und geschäftliche Rivalen eiskalt erledigt.

Schuld sind die Juristen

Seine Strategie ist simpel. Entweder sagt er gar nichts, oder, wenn er was sagen muss, schiebt er die Schuld für die systematische Vertuschung früherer Rechtsbrüche auf seine Juristen. Und kann er nicht mal die haftbar machen, dann wälzt er die Verantwortung auf ehemalige Mitarbeiter ab. Er fühle sich auch betrogen, klagt Rupert Murdoch. Dem Tribunal ringt er damit bisweilen nur ein müdes Lächeln ab.

Murdoch sagt, er habe 53.000 Mitarbeiter weltweit, er könne nicht wissen, was in einzelnen Firmen oder Abteilungen schief laufe. Sein Sohn James spricht für ihn weiter und sagt: "Gewisse Dinge werden auf die untere Managementebenen delegiert." Das mag schon sein, aber die Parlamentarier erinnern ihn daran, dass er der Vorsitzende dieser Firma ist. Und Rupert Murdoch hat den Ruf, sein Imperium wie einen Familienbetrieb zu führen. Jede Woche telefoniert er mit den Chefredakteuren seiner wichtigsten Zeitungen. Ein Abgeordneter fragt: "Und, wie läuft das? Sie fragen, was es Neues gibt?" Genau, sagt Rupert Murdoch. "Und dann kommt Ihr Chefredakteur nicht auf die Idee, Ihnen mitzuteilen, dass er gerade 700.000 Pfund für eine außergerichtliche Einigung gezahlt hat. Wollen Sie das sagen?"

"Ich bin der Richtige"

Die Murdochs werden gefragt, ob sie schon mal von dem Rechtsbegriff der willful blindness gehört haben, dem bewussten Hinwegschauen über kriminelle Machenschaften in einer Firma. Nein, sagt, Rupert Murdoch, der Begriff sage ihm nichts. Und nein, fügt er hinzu, dessen habe er sich nie schuldig gemacht.

Für Rupert Murdoch ist dies ein so genannter make-or-break-Tag, auch, was seine Zukunft als Vorsitzender seines Imperiums betrifft. Seit Beginn des Skandals ist der Börsenwert der News Corp. um mehr als 15 Prozent eingebrochen. Die Aktionäre werden die Anhörung aufmerksam verfolgen: Wenn diese beiden Herren so wenig mitbekommen haben wollen - haben die das Unternehmen überhaupt noch im Griff? Die Abgeordnete Louise Mensch, eine erfolgreiche Schriftstellerin, dürfte sich die gleiche Frage stellen, als sie den ultimativen Showdown-Dialog des Nachmittags einleitet: "Mr. Murdoch, erwägen sie zurück zu treten?" "Nein!" "Warum nicht?" Murdoch blitzt kampfeslustig durch seine Brille, er spürt, dass genau jetzt der Augenblick für die Schlusspointe gekommen ist: "Andere sollen dafür zahlen, was passiert ist." Er sagt: "Ich bin der Richtige, um hier aufzuräumen."

  • Markus Götting