Sahara-Touristen Unerträgliche Ungewissheit


Ob in Algier, Berlin oder Bern - wer etwas dazu sagen könnte, der schweigt sich aus. Wer darauf gehofft hatte, auch die übrigen 15 entführten Touristen - darunter 10 Deutsche - würden bald befreit, der wurde bitter enttäuscht.

Die Befreiungsaktion im Morgengrauen galt einer ersten Gruppe von Sahara-Geiseln. Vor einem Monat ging das wochenlange Entführungsdrama tief im algerischen Süden für 17 der europäischen Wüstenurlauber glücklich zu Ende. Wer darauf gehofft hatte, dass auch die übrigen 15 entführten Touristen - 10 Deutsche, 4 Schweizer sowie 1 Niederländer - schon bald danach aus der Gewalt mutmaßlicher Extremisten befreit würden, der wurde bitter enttäuscht.

Unerträgliche Ungewissheit herrscht. Kaum jemand weiß Genaues - und wer etwas dazu sagen könnte, ob in Algier, Berlin oder Bern, der schweigt sich aus. Über der algerischen Sahara, dort, wo die 15 vermutet werden, liegt unterdessen eine Gluthitze. Die Temperaturen klettern tagsüber auf - ebenfalls unerträgliche - 40 bis 50 Grad.

Blühende Spekulationen

Rund um die Aktion von Mitte Mai blühten noch die Spekulationen. Fünf Tage später hieß es fälschlicherweise, Fallschirmspringer hätten einen zweiten Schlag gegen die Entführer geführt, die Geiseln seien frei. Am Abend folgte das nüchterne Dementi des Generalstabs in der Hauptstadt Algier. Seitdem herrscht eine weitgehende Funkstille, die wenig Hoffnung aufkeimen lässt. Als "sehr schwierig" wird die Lage in Algier vor allem deshalb eingeschätzt, weil die 15 in mehrere Gruppen aufgeteilt worden sein sollen. Das macht eine neuerliche gewaltsame Aktion wie Mitte Mai wohl nur noch riskanter. Zumal es diesmal kein Überraschungscoup in der schroffen Bergregion von Tamelrik mehr wäre.

Er wisse nur, dass nichts voran gehe, sagt der Augsburger Andreas Mitko, dessen Vater mit seiner Freundin und einem weiteren Ehepaar noch als Geiseln gehalten werden. Zwar könne sich jede Minute etwas ändern. Im Augenblick sieht auch Mitko jedoch keine Bewegung in der Sache.

Kritik und Warnungen nach Befreiungsaktion

Nach der ersten Befreiungsaktion hatte es Kritik und Warnungen gegeben, weil ehemalige Verschleppte plauderten und Informationen in Deutschland bekannt wurden, die die Lage der noch Entführten schwerer gemacht haben könnten. Eine ehemalige österreichische Geisel wandte sich über Radio France Internationale an die Entführer mit der Bitte, die 15 jetzt freizulassen. Doch auch das ist schon wieder Wochen her.

Das verheerende Erdbeben vom 21. Mai im algerischen Norden hatte das Geiseldrama für eine Woche aus den Medien verdrängt und den Blick auf eingestürzte Wohnblocks, in heillose Panik versetzte Menschen und die nahezu 2300 Todesopfer gelenkt. Dann wurden die ungeduldigen Fragen zum Schicksal der 15 wieder lauter. Präsident Abdelaziz Bouteflika versprach in Straßburg, alles für die Geiseln zu tun: "Sollten sie die Geiseln frei lassen, wären wir sogar bereit, die Entführer laufen zu lassen." Doch sein Außenminister Abdelaziz Belkhadem bekräftigte, es gebe keinerlei Verhandlungen. Was wollen die Entführer überhaupt?

Setzt man auf Fehler der Entführer?

Unklar ist, ob Algier wirklich auf Zeit spielt oder einfach nicht mehr weiter weiß. Eine militärische Aktion so wie im Mai schließen Kenner der unzugänglichen Bergregion von Tamelrik, in der sich die Entführer verschanzt haben sollen, bereits seit einiger Zeit als zu gefährlich aus. Wartet Algier darauf, dass das Spionageflugzeug der Armee repariert ist, um die Gruppen der Verschleppten auszumachen? Oder setzt man eher auf einen Fehler der Entführer, wenn diese etwa Nahrungsnachschub oder auch frisches Trinkwasser brauchen sollten? Um ihnen dabei einen "Ausweg" nahe zu legen, soll die Zahl der Soldaten in der Region verringert worden sein. So wie von Anfang an führt das mysteriöse Geiseldrama damit zurück zu Mutmaßungen und Spekulationen.

Hanns-Jochen Kaffsack DPA

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