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SchülerVZ: Sexbilder auf Schülerportal

Pornobilder, Drogenanleitungen und rechtes Gedankengut: Im Online-Netzwerk "SchülerVZ" sind jugendgefährdende Inhalte aufgetaucht. Durch die stern.de-Recherchen alarmiert, hat die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia SchülerVZ ermahnt. Die Betreiber haben daraufhin begonnen, Gruppen und Einträge zu löschen. Doch Experten und Eltern ist dies viel zu wenig.

Von Malte Arnsperger

"Anal, aber egal", "SmPuffHuren", "Beim Sex muss es richtig klatschen" oder "Hitler ist schon ok, nur das mit den Autobahnen war echt daneben": Das sind nicht etwa Titel von schlechten Pornofilmen oder die Songs von rechten Hinterhofbands. Nein, das sind vier von vielen Hunderten Gruppennamen auf der Seite SchuelerVZ.net, die einen eindeutig pornografischen oder rechtsradikalen Anstrich haben.

SchülerVZ ist ein Online-Netzwerk, das sich explizit an Schüler ab zwölf Jahren richtet. Es soll Kindern und Jugendlichen dazu dienen, sich im Internet zu treffen und auszutauschen. Dazu können sie eigene Profile mit Namen, Alter und Schule erstellen und Diskussionsgruppen gründen. Der Betreiber wirbt mit harmlosen Worten für die Seite: "Mit dem Schülerverzeichnis bleibst Du auf dem Laufenden, was an Deiner Schule abgeht. Wer ist in meiner HipHop-AG? Wer interessiert sich noch für Raketentechnologie?"

So weit die Theorie. Doch die dunkle Praxis sieht oft anders aus. Innerhalb vieler Gruppen geht es überhaupt nicht jugendfrei zu. Im Gegenteil: Die jungen User nutzen die grenzenlose Freiheit des Internets dazu aus, ihren (vor)pubertären Gedanken freien Lauf zu lassen. Da schreibt ein junger User, Frauen müssten "auf jeden Fall jeden Tag bei dir den Schwanz lecken". Ein anderer breitet seine Erfahrungen mit den Pornos von Gina Wild aus - inklusive Tipps, wie man sie bekommen kann. Der nächste erzählt von seinem letzten Drogentrip und gibt Ratschläge, welche Schlafmittel mit welchen Hustenpastillen für einen guten Rausch zu mischen seien. Doch damit nicht genug. Es werden pornografische Bilder veröffentlicht, die jungen Besucher verweisen auf Hardcore-Porno-Seiten oder auf die Internetauftritte von Punkbands mit explizit pornografischen Texten.

Sorgen eines Vaters

Ralf Singer ist Vater. Eigentlich ist der 40-Jährige kein prüder Mensch. Er weiß, dass die Teenie-Bibel "Bravo" mit Fotos von Halbnackten oder Erfahrungsberichten über den ersten Zungenkuss bei der Jugend von heute größtenteils Gähnen erntet. Doch seitdem er durch Zufall erfahren hat, dass seine 13-jährige Tochter Bikini-Fotos von sich auf SchülerVZ veröffentlicht hat, ist sein väterlicher Schutzinstinkt in Dauer-Alarmzustand. Denn nach nur wenigen Stunden Recherche auf der Seite ist für Singer klar: Wenn das so bleibt, hat seine Tochter hier nichts verloren. "Ich bin entsetzt und schockiert", sagt der Ingenieur stern.de. "Es soll doch eine Seite für Minderjährige sein. Aber was man da zu sehen bekommt, schreit zum Himmel. Zudem ist dieses Portal der ideale Frischfleischmarkt für Pädophile."

Jugendschützer teilen seine Sorgen. "Für Pädophile ist eine solche Seite super. Sie bekommen Informationen über das Alter, die Schule und meistens auch noch ein Foto der Kinder. Sie müssen sich nur die Opfer aussuchen und vor der Schule warten. Es ist ein Paradies für die Pädophilen-Szene." Das sagt Beate Krafft-Schöning, Expertin für Jugendschutz im Internet und Autorin des Buches "Nur ein Mausklick zum Grauen - Jugend und Medien". Seit Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit den dunklen Seiten des Internets, kennt die einschlägigen Kinder-Chats. Auch sie ist entsetzt und kritisiert die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen bei SchülerVZ. "Das ist mangelnder Jugendschutz."

Überrascht und verwundert reagiert auch der Kinderschutzverein "carechild". "Bei dem Besuch von SchülerVZ schlackert man schon mit den Ohren. Es ist eine sehr sexualisierte Seite", sagt Sprecher Michael Kappe. "Da müssen Eltern aufpassen, die Hälfte der Gruppen müsste sofort rausfliegen."

Gruppen werden gelöscht

Genau dies will der besorgte und wütende Vater Ralf Singer erreichen. Er wendet sich mit Brandbriefen an Polizei, Politiker und Jugendschützer. Auch an den Betreiber der Seite. Die Antwort ist äußerst dürftig. Singer bekommt eine Standard-E-Mail - mit falscher Anrede - des Sozialpädagogen von SchülerVZ, der auf den "intensiven Jugendschutz" der Seite verweist.

Doch nur wenige Tage später der erzwungene Sinneswandel: Von stern.de auf die fragwürdigen Inhalte bei SchülerVZ angesprochen, verwarnt die Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Dienstanbieter (FSM) den Betreiber. "Nachdem wir die Information erhalten haben, haben wir umgehend die beanstandeten Inhalte gesichtet und sehen einen Verstoß gegen die geltenden Jugendmedienschutzgesetze als gegeben an", sagte FSM-Geschäftsführerin Sabine Frank zu stern.de. "Wir haben unser Mitglied hierüber in Kenntnis gesetzt und seitens SchülerVZ die Zusicherung erhalten, die vorliegenden Verstöße umgehend zu beheben und für die Zukunft Maßnahmen einzuleiten, die derartigen Verstößen entgegenwirken."

Nun reagieren die Betreiber. Fünf Mitarbeiter seien als Adhoc-Maßnahme eingestellt worden, um Gruppen zu löschen, sagt Phillippe Gröschel von SchülerVZ zu stern.de. Rund 100 Gruppen - von insgesamt 450.000 - seien inzwischen schon von der Seite verbannt worden. Zudem sei ein Filter installiert worden, damit nicht mehr nach Ausdrücken wie "Ficken" oder "Hure" gesucht werden kann. "Wir selbst sehen großen Handlungsbedarf", gibt Gröschel zu.

890.000 Nutzer auf SchülerVZ

Doch scheinbar wurde das Ausmaß der Jugendschutzverstöße auf SchülerVZ auch von offiziellen Stellen unterschätzt und die Betreiber an der zu langen Leine gelassen. So etwa von Jugendschutz.net, der verantwortlichen Internet-Kinderschutzinstitution der Bundesländer. Zwar habe man schon im Mai mit SchülerVZ über unzulässige Inhalte gesprochen, die dann auch sofort gelöscht worden seien, versichert Thomas Günther von Jugendschutz.net im Gespräch mit stern.de. Trotzdem gebe es auf der Seite immer noch Verstöße gegen den Jugendschutz. Es sei "ein großes Problem", gibt Günther zu.

SchülerVZ ist ein Ableger von StudiVZ, einem Portal, das sich an Studierende richtet. Erst im Februar gestartet, hat SchülerVZ mittlerweile schon 890.000 Nutzer und ist mit 30 Millionen sogenannter Page-Impressions nach Betreiberangaben die beliebteste Schüler-Seite in Deutschland. Und diesen Erfolg will man bei SchülerVZ nicht gefährden. So bleibt auch das größte Problem der Seite weiterhin bestehen: Das Alter wird bei der Anmeldung zwar abgefragt, ein Beweis dafür ist jedoch nicht nötig. So können sich auch Neunjährige ganz einfach ein paar Jahre älter machen. Von neuen Mitgliedern etwa die Einwilligung der Eltern zu verlangen, "sei umständlich und würde unser Wachstum bremsen", sagt Phillippe Gröschel von SchülerVZ. Für Vater Ralf Singer wäre das aber ein unbedingt notwendiger Schritt.

Bei SchülerVZ sieht man das anders. Man wolle den Jugendlichen in der sexuellen Selbstfindungsphase weiterhin einen abgeschlossenen Raum anbieten. Der Erfolg der Seite sei auch darauf begründet, dass sie "sehr nahe am realen Leben ist", meint Gröschel.

"SchülerVZ ist nur die Spitze des Eisbergs"

Ähnlich hört sich die Argumentation des Besitzers von SchülerVZ an, dem Medienunternehmen Holtzbrinck. Der Erfolg sei "phänomenal", sagt Konstantin Urban, Geschäftsführer von Holtzbrinck-Networks. Sein Unternehmen hat StudiVZ Ende 2006 für angeblich rund 85 Millionen Euro gekauft. Finanziert wird diese Seite über Werbung, dies soll es bald auch bei der kleinen Schwester SchülerVZ geben. Aber, sagt Urban, bei so vielen Nutzern könne man nicht alles verhindern, ansonsten könne man nie in ein solches Unternehmen investieren. Und er versichert: "Wenn es den Rahmen verlässt, muss man sicherstellen, dass darauf reagiert wird."

Solche Bekenntnisse sind der Expertin Krafft-Schöning zu dünn. Sie fordert verbindliche Standards für Seiten, die sich an Kinder und Jugendliche richten. Aber sie weiß auch: "SchülerVZ ist lediglich die Spitze des Eisbergs. Und eigentlich sind solche Internet-Chats grundsätzlich nichts für Kinder unter 16 Jahren."