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Jugendschutz: "Kinder sind im Internet Freiwild"

Das Internet - für Kinder kein Segen, sondern ein Fluch. Das meint Beate Krafft-Schöning, Expertin für Jugendschutz im Netz. Im stern.de-Interview verrät sie, welche Chats besonders zu meiden sind und was Eltern für ein halbwegs sicheres Surfverhalten ihrer Kinder tun können.

Frau Krafft-Schöning, stern.de hat im Internet-Portal SchülerVZ rechtsradikales Gedankengut und Sex-Bilder gefunden. Die Betreiber geloben Besserung. Ist das nur ein Einzellfall?

Nein, überhaupt nicht. SchülerVZ ist nur ein Teil dieses riesigen Eisberges. Es geht noch viel schlimmer. Es gibt unzählige Angebote im Internet, bei denen Kinder und Jugendlichen an Pornografie, Selbstmordtipps oder Anleitungen zum Anbau von Drogen kommen.

Welches sind denn die schlimmsten Seiten?

Generell ist jedes auf Dating ausgerichtete kommerzielle Chat-Angebot für Kinder gefährlich. Es gibt nur wenige Ausnahmen. Eines davon ist tivi.de vom ZDF. Dieser Chat wird zwar ständig überwacht, ist aber nur einige Stunden am Tag geöffnet. Einige der schlimmsten Chats wurden zwar schon dichtgemacht. Aber es gibt noch viele. Im Moment sind sicher Knuddels.de, chatcity.de oder cyberzwerge.de zu nennen. Letzgenanntes ist besonders problematisch. Auf den ersten Blick mag dieser von Werbung freie Kinderchat völlig harmlos wirken und wird leider auch bis heute von der staatlichen Jugendschutz-Kontroll-Institution Jugendschutz.net als "völlig kindersicher und empfehlenswert" beworben.

Aber was ist so problematisch an dem Chat?

Die Betreiber treten als Privatinitiative auf, als ein Sammelsurium von "Gutmenschen". Aber sobald man ein bisschen genauer recherchiert, merkt man, dass da etwas nicht stimmen kann. Es gibt auf der Seite über 4000 Kinder-Bilder von irgendwelchen Jugendfreizeiten, die dieser Chat anbietet. Das Bildmaterial ist heute - eigentlich gegen die Auffassung des Chef-Zwergs - nur noch "bereinigt" zu sehen. Bis vor gar nicht langer Zeit fanden sich hier kleine Bikini-Mädchen, die sich jeder ansehen konnte. Zudem bietet man eine dubiose "Lebensberatung für Kinder" an. So etwas macht kein normaler Kinder-Chat. Die interne Organisation gleicht dem Nazi-Reich in klein. So gibt es unterschiedliche Hierarchien. Also "normaler User" kann man allenfalls "Teamie", also einfacher Bewacher werden - ob Kind oder Erwachsener. Ins sogenannte Leitungsteam vorzudringen ist fast unmöglich, denn die Macher lassen sich anscheinend nicht gern in die Karten schauen. Der Chef dieses Chats brüstet sich überall damit, Pädophile konsequent auszuschließen und anzuzeigen. Aber nicht ohne Grund wird heute gegen den Betreiber der Cyberzwerge wegen Kindesmissbrauchs ermittelt.

Sind diese Chats generell für Pädophile attraktiv?

Ja und nein. Wir müssen festhalten, dass nicht alle, die im Internet nach Kindern suchen, auch pädophil sind. Es gibt ausreichend viele Menschen - Männer wie Frauen - die just "for fun" auf "Kinderjagd" gehen. Genauso muss man mit dem "Gerücht" aufräumen, dass alle Pädophilen auch gleichzeitig Sammler von Kinderpornographie sind. Das Bild aus dem normalen Alltagsleben eines Kindes ist für manchen viel interessanter. Teilweise legen diese Leute ganze Bildersammlungen zu bestimmten Kindertypen an. Da sind so Seiten wie cyberzwerge.de, lizzy.net oder auch SchülerVZ mit ihren genauen Informationen über die Kinder und den vielen Fotos ideal.

Sie greifen die Chat-Betreiber mit scharfen Worten an.

Ja, denn die Betreiber haben gar kein Interesse am Jugendschutz. Fast alle verdienen an den Klicks auf ihrer Seite. Mehr Kontrolle heißt weniger Klicks. Und mehr Kontrolle und Sicherheit kostet auch viel Geld. Die Inhaber der Seiten stellen zwar Jugendschutzbeauftragte ein, aber oft ist das lediglich eine Sekretärin - also reine Kosmetik, um Eltern und Gesellschaft zu beruhigen. Dasselbe gilt übrigens für sämtliche "Freiwilligen-Selbstkontrollinstitutionen" der Industrie.

Tut denn der Staat genug?

Nein. Ich bin heftig enttäuscht und entsetzt, wie die Kontrollen ablaufen. Jugendschutz.net etwa, die Internet-Jugendschutzeinrichtung der Länder, tut viel zu wenig. Dabei wäre es so wichtig, dass staatliche Stellen kontrollieren, wie die Chat-Betreiber ihr Geld verdienen oder welche Motive sie verfolgen, wenn sie ein Chatangebot für Kinder ins Netz stellen. Das Problem ist oft nicht mal Personalmangel, sondern eher Inkompetenz. Anfangs setzte man hier Praktikanten ein, die die Recherche zu Kinderchats durchführten. Zudem muss man sicher einmal über die Prüfkriterien nachdenken, die hier erarbeitet wurden. Außerdem sollte auch über das Strafrecht und den aktuellen Jugendschutz nachgedacht werden, ob diese den heutigen Gegebenheiten noch entsprechen. Und was machen Bildungs- und Familienpolitiker? Nach meiner Auffassung haben hier sämtliche Institutionen ziemlich versagt.

Wie können die Chats sicher gemacht werden?

Ein Weg wäre es, die Eltern um ihr Einverständnis zu bitten. Doch es ist sehr schwierig, an die Eltern ranzukommen. Denn die Kinder und Jugendlichen wollen nicht in einer von den Eltern kontrollierten geschlossenen Gruppe chatten. Sie wollen sich frei bewegen und neue Leute kennenlernen. So wie man es damals über Brieffreundschaften getan hat. Sie wollen ihre Marktwert testen, aus ihrem Dorf ausbrechen. Einen komplett sicheren Chat werden deshalb nur die wenigsten Kinder nutzen.

Wie kann dieses Dilemma gelöst werden?

Ich glaube, wir müssen uns davon verabschieden zu sagen: Wer an der Bildung teilhaben will, muss ins Internet. Vielmehr hilft das Internet bei der Unbildung. Wer heute ins Internet geht, muss schon vorher eine sehr gute Bildung und eine gefestigte Persönlichkeit haben. Kinder haben noch keinen kritischen Blick auf die Welt und damit sind sie im Internet verloren. Sie sind Freiwild - für die Werbung und das Geschäft. Das Internet überfordert unter 16-Jährige. Ich vergleiche das Netz immer mit einem Park: Ich schicke doch mein minderjähriges Kind auch nicht im Dunklen allein dorthin, wo Pädophile, Kriminelle und Drogensüchtige rumhängen.

Sie sind also für ein Internet-Verbot für unter 16-Jährige. Aber was können Eltern tun, die ihren Kindern das Surfen nicht ganz verbieten wollen?

Sie müssen dabei sein, eigentlich immer. Sie müssen die Kontakte ihre Kinder überprüfen. Im richtigen Leben möchten sie doch auch wissen, mit welchen Leuten sich ihr Kind abgibt. Eltern sollten auch Sicherheitsprogramme und Filtersysteme installieren, die man sich im Internet runterladen kann. Ganz wichtig ist es aber, kompetenter als sein Kind zu sein. Die Eltern müssen sich selber eine große Medien- und Internetkompetenz aneignen, bevor sie ihr Kind ins Netz lassen. Aber noch kennen sich in vielen Familien die Kinder wesentlich besser aus.

Beim Blick auf die Chats fällt besonders die Sexualisierung auf. Sind die Kinder von heute sexuell reifer aber auch abgestumpfter?

Das muss man differenzieren. Durch die Flut an Sexualität in der Gesellschaft werden sie schneller auf Sex getrimmt. Sexy sein ist ein Wert geworden. Ein 16-Jähriger weiß heute genau, was Analsex ist und ist bestens informiert. Aber sie sind deshalb nicht reifer, im Gegenteil. Sie sind nicht aufgeklärt. Deshalb rate ich den Eltern dringend, mit ihren Kindern über Sex zu sprechen. Das würde ihnen auch beim Umgang mit dem Internet helfen.

Interview: Malte Arnsperger