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Web 2.0: Holtzbrinck zahlt 85 Millionen für StudiVZ

Es ist, als hätte es den dotcom-Crash nie gegeben: Die Stuttgarter Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck hat für 85 Millionen Euro die Internet-Gemeinde StudiVZ.net übernommen - eine Plattform, die Verluste schreibt. Das Gebot von Springer für StudiVZ soll noch deutlich höher gelegen haben.

Von Stephan Radomsky und Isabell Hülsen

Die Stuttgarter sichern sich damit für viel Geld die Kontrolle bei der zuletzt in Verruf geratenen Kontaktbörse für Studenten. Die Bewertung für StudiVZ.net lag nach Informationen der FTD bei etwa 85 Millionen Euro. Die Internet-Beteiligungssparte Holtzbrinck Networks zahlt aber zunächst wesentlich weniger. 50 Millionen Euro gehen direkt an die Gründer, der Rest der Summe ist abhängig von bestimmten Zielen, die das Unternehmen erreichen muss.

Mit dem Angebot stach der Stuttgarter Konzern unter anderem den Rivalen Springer aus. Dem Vernehmen nach hatte der Berliner Verlag zunächst 90 Mio Euro geboten, Holtzbrinck habe aber über seine Beziehungen zu den Gründern die besseren Chancen gehabt. Springer habe den Preis dann zwar auf 120 Millionen Euro aufgestockt - da aber sei der Vertrag mit den Stuttgartern bereits unterschrieben gewesen, hieß es. Holtzbrinck besaß bereits zuvor 15 Prozent an Studi VZ.

Auch das US-Pendant Facebook hatte sich für das deutsche Portal interessiert und mit den Gründern auch verhandelt, wollte den Kaufpreis aber in Aktien bezahlen. Weil das Unternehmen jedoch noch nicht an der Börse ist, stieß das Angebot bei den StudiVZ-Gründern auf Ablehnung.

Datenschutz und schlechte Scherze

Das Verlagshaus hat mit dem Geschäft ein Forum erworben, in dem nach eigenen Angaben bereits mehr als die Hälfte der deutschen Studenten ein Profil angelegt hat. Durch die Beliebheit bei den Internet-Usern waren aber auch Probleme und zuletzt sehr schlechte Presse für StudiVZ an der Tagesordnung. Wegen Problemen mit dem Datenschutz musste die Seite zeitweise abgeschaltet werden. Nach Belästigung einzelner, meist weiblicher, User durch "massen-gruscheln" riefen einige Studenten-Vertreter sogar zum Boykott der Seite auf.

Ehssan Dariani, einer der Gründer von StudiVZ, handelte sich mit der Veröffentlichung zweifelhafter Videos von Berliner Frauen Ärger ein. Zudem wurde eine an die Aufmachung des Nazi-Organs "Völkischer Beobachter" angelehnte Geburtstagseinladung Darianis scharf kritisiert.

StudiVZ soll auch nach der Übernahme und die Eingliederung in die Internetbeteiligungs-Sparte von Holtzbrinck als eigenständige Einheit erhalten bleiben, teilte das Unternehmen mit. Nutzerdaten sollen ausschließlich bei der Homepage bleiben und nicht bei anderen Holtzbrinck-Unternehmen verwendet werden. Damit soll die Sicherheit der Daten gewährleistet werden.

"Facebook" als Vorbild

Bei Holtzbrinck selbst wird der Preis für das Verluste schreibende Unternehmen als durchaus hoch bewertet. "Die größte Frage wird sein, wie das zu monetarisieren ist, da haben wir noch eine Menge Arbeit vor uns", sagte ein Beteiligter. Auf dem Portal massiv Werbung zu schalten, könnte die Studenten-Community verschrecken. "Das wird man sicher sehr vorsichtig machen müssen", hieß es. Für die Nutzer soll das Angebot des Portals weiter kostenlos sein.

Offenbar erhofft sich der Konzern aber beizeiten Synergien mit dem Studienführer der zum Verlag gehörenden Wochenzeitung "Zeit", die darüber hinaus das Magazin Zeit Campus mit dazugehörigem Online-Portal an den Start gebracht hat. "Wir sind keine Händler", sagte Konstantin Urban, Geschäftsführer von Holtzbrinck Networks. "Unser Ziel ist es ganz klar, das Unternehmen zu behalten und wirtschaftlich zu machen." Vorbild ist durchaus der kommerzielle Erfolg von Facebook, das inzwischen 50 Mio. $ Umsatz erzielt.

StudiVZ.net wurde im Oktober 2005 von den Studenten Ehssan Dariani von der Universität St. Gallen und Dennis Bemmann von der HU Berlin gegründet. Später kam noch Michael Brehm von der WHU dazu. Seit der Gründung ist das Portal, auf dem immatrikulierte und ehemalige Studenten über Profile, Gruppen und Mailing-Dienste in Kontakt kommen können, rasant gewachsen. Derzeit hat StudiVZ nach eigenen Angaben mehr als eine Million Mitglieder aus dem deutschsprachigen Raum, die mehr als 300.000 Gruppen gegründet haben. In Europa betreibt die Seite lokale Portale in Frankreich, Spanien, Italien und Polen.

FTD
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