Die Medienkolumne Wo meine Sonne scheint


Holtzbrinck hat die Internet-Gemeinde StudiVZ gekauft. Vorher ging schon Youtube an Google und MySpace an Murdoch. Da sollte man hinschauen. Wahrscheinlich entsteht in Murdochs Reich aus Myspace und dem Boulevardblatt "The Sun" die Zeitung von morgen.
Von Bernd Gäbler

"Wo meine Sonne scheint", so sang einst Caterina Valente und es hat Reiche gegeben, in denen die Sonne nicht untergeht. Ein Medienreich, in dem die - in diesen Fall allerdings recht spät erworbene Sonne - eine große Rolle spielt, ist Rupert Murdochs News Corporation. "The Sun" ist eines der aggressivsten Blätter inmitten der dort ohnehin nicht zimperlichen Boulevardlandschaft. Und "MySpace", das Rupert Murdoch zugekauft hat, ist nach "Youtube" eine der beliebtesten Einrichtungen des "Web 2.0". Was kommt da auf uns zu?

Spätestens seit die studentische Internet-Gemeinde StudiVZ hierzulande vom Medienkonzern Holtzbrinck aufgekauft wurde, ist die allgemeine Tendenz klar: Wir befinden uns wieder einmal in einer Phase, in der Garagenfirmen für gutes Geld bei großen traditionellen Medienunternehmen Unterschlupf finden. Aber diesmal wird ernst gemacht. Die Publizistik wird umgebaut. Elemente der Netz-Kommunikation werden in die klassischen Publikationen eingebaut, mit diesen verwoben oder eben - "vernetzt".

Hinter den Kulissen wird repariert

Was in den Jahren von 2000 bis etwa 2002 noch als vorübergehende Mode, als in sich zusammensackender Schaum von ein paar Avantgardisten und Jägern des schnellen Geldes abgetan werden konnte, ist nun zu einer Säule der künftigen Selbstbehauptung im Wettbewerb der Medien mutiert. Hinter den Kulissen, teilweise auch auf offener Bühne wird nun repariert, umgestellt, aufgebaut.

"Spiegel Online" erweitert die Redaktion, verstärkt die ohnehin vorhandene Facette des Boulevardesken durch gezielte Redakteurs-Übernahmen aus der "Bild"-Zeitung und erhöhte die Anzahl der Videoclip-Fenster. Matthias Matusseks Hosenträger-Show, genannt Kulturtipp, wird nicht alleine bleiben. Insbesondere die Nachrichten werden weiter visualisiert. Fast scheint es als könne auf Dauer "Spiegel-TV" zu einer Unterabteilung von "Spiegel Online" werden.

Bloggerin betreut Online-Auftritt der WAZ

Für die WAZ-Gruppe zimmert die strenge Tochter unseres früheren Landwirtschaftsministers und mit "Lyssas Lounge" Bloggerin der ersten Stunde, Katharina Borchert, an einem das gesamte Ruhrgebiet umfassenden Netzauftritt. Lokal-Redakteure werden umgeschult: kein kaputter Kanaldeckel, keine Rathaus-Sauerei, kein lokales Kulturereignis, kein Service soll der WAZ-Site entgehen.

Beim Axel-Springer-Verlag wird der Mythos des zentralen News-Desks genährt. Von hier aus werden in größter Geschwindigkeit alle wichtigen Blätter mit den neuesten Neuigkeiten versorgt. "Online First" heißt der Schlachtruf, der inzwischen auch in München den Machern der "Süddeutschen Zeitung" elegant von den Lippen geht. Mit dem bisher für die Medienberichterstattung verantwortlichen Hans-Jürgen Jakobs ist die Online-Gestaltung in die Hände eines erfahrenen Redakteurs gelegt worden. Dies sind nur die markantesten Beispiele. Noch ist nicht klar, was kommen und vor allem auch bleiben wird, was außer "Online First" alles andere überstrahlt.

Da lohnt sich ein Blick Richtung Themse. Wer jetzt schon einmal den Online-Auftritt des Boulevardblatts "The Sun" anschaut, wird sehen, dass sämtliche hiesigen Leserreporter etwa der "Bild"-Zeitung verhältnismäßig brave Klosterschüler sind. Dort wimmelt es von "geposteten" Fotos und Handy-Clips. Man hat den Eindruck, kaum ein C-Prominenter kann in London unbeobachtet auch nur eine Nudel essen. Jetzt entsteht aus "Sun" und "MySpace" das Portal "MySun". Leser können schnell eigene Websites bauen, bloggen, Fotos und Zappelbilder einstellen.

Fraglich ist, ob es ein großes gemeinsames Dach für "The Sun" und die "Times", die ja beide Murdoch gehören, geben wird, denn die Altersstruktur der Leser differiert erheblich. Vor dem Verkauf hatte "MySpace" 60 Millionen registrierte Nutzer, die mehrheitlich jünger als 35 Jahre alt waren. Ein Dorado für die Teenies, ein Dorado für die Werbung! Bekannt ist, dass die nordenglische Indie-Rock-Band Arctic Monkeys über "MySpace" ihre Karriere begann. Sie füllte Stadien bevor sie Platten verkaufte.

"MySpace" übertrifft BBC

Im Frühjahr 2006 hat "MySpace" erstmals die Click-Raten der BBC-Sites übertroffen. Jetzt soll "MySpace" so mit "The Sun" verbunden, dass die Elemente der "Teenie-Cummunity" nicht verloren gehen. Das Unterfangen ist nicht einfach und allein durch das permanente Einstellen von Handy-Fotos irgendwelcher "Stars" gewiss nicht zu lösen.

Aber es lassen sich doch schon einige Tendenzen ablesen, die aus der Kombination von MySpace und "The Sun" entstehen können und auch für die hiesigen Umbauten relevant sind.

- "Online First" wird bald selbstverständlich sein. Der Nachrichtenumschlag - auch und gerade von "bunten" Meldungen wird sich noch einmal beschleunigen.

- Neben dem Text wird das Bild, auch das bewegte Bild eine größere Rolle spielen.

- Die Beteiligung, Selbstdarstellung, aber auch "Überwachungsfunktion" durch „Leserreporter“ wird zunehmen. Mit ihren Foto-Handy werden sie flächendeckend als Paparazzi fungieren.

- Diese "Überwachungsfunktion" wird sich auf die Politik ausdehnen, "Versprecher" in Wahlkampfreden, irrige Behauptungen oder gar Beschimpfungen werden schneller öffentlich werden

- Diese "Watchdog"-Funktion kann sich auch ausdehnen auf Berichte über lokale Missstände, politische Querelen, kulturelle Ereignisse und Verbrauchertipps. Da droht eine neue Form der Vermischung von Bericht und Werbung.

- Für Lokalzeitungen ist auch der Sport sehr interessant. Wer hat schon im Laufe des Sonntags alle Ergebnisse, Tabellen und Spielberichte aus den unteren Ligen, womöglich mit Video-Sequenzen der wichtigsten Szenen und Tore?

Sieger aber wird, wer es schafft den guten alten Gedanken der Gemeinschaft, von "communities" wiederzubeleben. Aber da soll man sich nicht täuschen - selbst vom "heavy User" bis zum Bekenntnis ist es ein langer Weg. Vorerst hat die Nase schon vorn, wer es schafft als Startseite auf möglichst vielen PCs programmiert zu werden.


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