Schulzeitverkürzung Stress-Abitur erschwert Austauschjahr


Für viele Gymnasiasten bedeutet die Verkürzung der Schulzeit vor allem Stress. Und: Das System macht es schwerer, ein Austauschjahr im Ausland zu organisieren. stern.de beschreibt, wie die Länder die Weltläufigkeit ihrer Schüler sichern wollen.
Von Sebastian Christ

Eigentlich war das achtjährige Gymnasium - Kurzname: G8 - als ein schülerfreundliches Projekt gedacht gewesen. Die Schulzeit sollte um ein Jahr von bisher 13 auf 12 Jahre verkürzt werden. Junge Erwachsene hätten so früher die Möglichkeit, so das Argument, beruflich auf eigenen Beinen zu stehen. Doch es zeigt sich immer mehr, dass die Reform Tücken mit sich bringt: So warnen Schüleraustauschorganisationen jetzt davor, dass die Umstellung auf das achtjährige Gymnasium den Schülern die Planung ihrer Schullaufbahn erschwere. Außerdem seien in einigen Bundesländern durch die Streichung von attraktiven Anerkennungsregelungen wichtige Anreize weg gefallen, sich für ein Austauschjahr zu entscheiden.

Eineinhalb Jahre Vorbereitungszeit für ein Austauschjahr

"Das ist dramatisch für die Schüler, die gerade in diesen Jahrgängen sind und so um die Chance gebracht werden, ins Ausland gehen zu können", sagte Holger Dudzus von "Youth for Understanding" (YFU), einer der größten Austauschorganisationen in Europa stern.de. Besondere Schwierigkeiten bereiten jene Bundesländer, in denen der erste G8-Jahrgang jetzt das neunte Schuljahr erreicht hat. Denn in der Regel braucht ein Auslandsaufenthalt anderthalb Jahre Vorlaufzeit, und deshalb beginnen die Planungen dazu meist in dieser Phase. Durch die Umstellung der Lehrpläne sind laut YFU viele Eltern und Lehrer verunsichert. Der Grund: Wer jetzt der letzten G9-Klasse angehört, rutscht nach einem Auslandsjahr womöglich in das neue G8-System.

Bislang Bayern und Niedersachsen betroffen

Momentan betrifft das Problem vor allem Bayern und Niedersachsen. Im nächsten Jahr kommen die ersten G8-Klassen unter anderem in Baden-Württemberg und Berlin in die Jahrgangstufe neun, 2009 folgen Hessen und Nordrhein-Westfalen. "Manche Lehrer wissen nicht weiter und sagen deswegen: ‚Das ist zu kompliziert, ihr könnt auch nach dem Abitur ins Ausland gehen.", sagte Holger Dudzus. Bisher gingen Schüler vor allem nach der zehnten Klasse ins Austauschjahr. Das hatte vor allem einen Vorteil: In der elften Klasse beginnt nach dem alten System die Einführung in die gymnasiale Oberstufe. In den meisten Fächern ist das mit einer Zäsur im Lernstoff verbunden. Wer also nach Abschluss der Mittelstufe ins Ausland geht, fängt nach seiner Rückkehr wie alle anderen Mitschüler auch "von vorn" an.

Wie können Leistungen angerechnet werden?

Ein noch viel größeres Problem betrifft nach Angaben von YFU jene Schüler, die sich im Ausland erworbene Leistungen an ihrem Heimatgymnasium anrechnen lassen wollen. Momentan überspringen etwa 40 Prozent aller Austauschschüler eine Klasse und fangen nach ihrem Auslandsjahr gleich in der nächst höheren Jahrgangsstufe an. Meistens wird die elfte Klasse übersprungen - auch, weil die dort erbrachten Leistungen bisher nicht in die Abiturwertung einflossen. Nach dem neuen G8-System aber beginnt die Einführung in die Oberstufe nun schon in der zehnten Klasse. In der elften Klasse fängt die so genannte Qualifikationsphase an, in der die schulischen Leistungen schon Teil der späteren Abiturnote sind. Und in der Jahrgangsstufe zwölf finden die Abiturprüfungen statt.

"Elfte Klasse zählt heute voll zur Qualifikationsphase"

Die bisher meist sehr großzügigen Anrechnungsregelungen werden schon bald der Vergangenheit angehören. Der Arbeitskreis gemeinnütziger Jugendaustauschorganisationen (AJA) berichtet in seinem Internetangebot, dass es unter den neuen G8-Bundesländern vor allem in Niedersachsen zu Schwierigkeiten bei der Anrechnung von Auslandsleistungen kommen könnte. Nur in Ausnahmefällen sei es dort im achtjährigen Gymnasium noch möglich, sich ein komplettes Auslandsschuljahr anerkennen zu lassen. Das zuständige Kultusministerium in Niedersachsen bestätigt diese Darstellung und macht dafür strukturelle Probleme verantwortlich. "Die elfte Klasse war eben früher prädestiniert für den Schüleraustausch", sagt Ministeriumssprecher Georg Weßling. "Heute zählt sie voll zur Qualifikationsphase." Auch in der zehnten Klasse werde in Niedersachsen künftig kein komplettes Austauschjahr mehr möglich sein, weil das Abschlusszeugnis der Jahrgangstufe zehn gleichbedeutend mit der Versetzung in die Oberstufe sei. "Wer die zehnte oder elfte Klasse im Ausland verbringt, entscheidet sich künftig automatisch dafür, das Abitur in 13 Jahren zu machen", so Weßling.

In einigen Bundesländern sollen Schulleiter entscheiden

Klartext: Eine Anerkennung gibt es nicht mehr. Bis auf eine Ausnahme, halbe Auslandsjahre sind auch künftig möglich. Ohne, dass dafür eine Klasse wiederholt werden muss. In Sonderfällen sollen Gymnasien außerdem dazu befugt werden, zwei hintereinander verbrachte Halbjahre anzuerkennen, etwa die 10/2 und die 11/1. Dazu müsste der Austauschschüler aber wahrscheinlich einen Leistungstest absolvieren. Bremen hat eine ähnliche Regelung vorbereitet. Bayern dagegen will künftig die zehnte Klasse zum "Auslandsjahr" machen. Anerkannt wird es dann, wenn der Schüler sich im ersten Halbjahr der elften Klasse bewährt. In Hessen und Nordrhein-Westfalen sollen künftig die Schulleiter über eine mögliche Anerkennung von Auslandsjahren entscheiden.

Hamburg gilt als vorbildlich

In Sachsen gibt es das achtjährige Gymnasium schon seit DDR-Zeiten. Auch in Deutschlands östlichstem Bundesland war die Anrechnung von Auslandsjahren bisher ein heißes Eisen. Der AJA stellt fest, dass eine Anerkennung bisher nicht möglich war. Wer in Amerika, Australien oder anderswo zur Schule gehen wollte, musste sich für die 9. oder 10. Klasse beurlauben lassen. Doch gerade jetzt, wo die Debatte um Auslandsaufenthalte durch das primär westdeutsche G8-Projekt aufgekommen ist, reagiert der Freistaat, wie stern.de erfuhr. "Es ist bereits eine neue Schulordnung erarbeitet worden, die rückwirkend zum 1.8. in Kraft tritt", sagt Andreas Kunze vom sächsischen Kultusministerium. Wahrscheinlich wird das Werk im Dezember die zuständigen Gremien passieren. Danach ist dann die 10. Klasse als mögliches Auslandsjahr vorgesehen. Sächsische Schüler haben dann die Chance, sich Auslandsleistungen anrechnen zu lassen und später direkt in die 11. Klasse einzusteigen. Außerdem soll künftig die Möglichkeit bestehen, Auslandsbafög zu beantragen.

Absolut vorbildlich verhält sich laut YFU die Hansestadt Hamburg. Neben neuen Anrechnungsregelungen biete die Hansestadt auch die Möglichkeit, Auslandsaufenthalte finanziell zu fördern - mit bis zu 5000 Euro.


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