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Shitstorm über der Erzabtei Sankt Ottilien: Der Tanz ums Klosterkalb

Die kleine Fanny will ein Klosterkalb vor dem Schlachter retten. Wegen übereifriger Tierschützer geht ihr Wunsch jedoch unter. Auch gut - schließlich schmecken Schnitzel von glücklichen Kühen besser.

Von Peter Meroth

Über die Mönche des Klosters Sankt Ottilien in Oberbayern ist etwas hereingebrochen, was früher vielleicht als himmlisches Strafgericht bezeichnet worden wäre. Vielleicht auch als Vorstufe des Fegefeuers. Oder als biblische Plage, so eine Art Heuschrecken-Schwarm, der wie aus dem Nichts auf die Erzabtei nahe dem Ammersee einprasselt. Heute, in Zeiten von Twitter und Facebook, spricht man von einem Shitstorm. Soziale Medien, E-Mail und bisweilen auch das gute alte Telefon sind die Himmelsschleusen, aus denen der Donner grollt und die Blitze zucken.

Wie manche Unwetter entwickelte sich auch der Klostersturm aus heiterem Himmel oder jedenfalls einer arglosen Begegnung vergangenen November zwischen einem neunjährigen Mädchen namens Fanny und einem Kälbchen namens Flora. Schicksalsstränge verwoben sich. Das Mädchen wollte mit Hilfe seiner Eltern das Kälbchen vor dem Schlachter retten.

Tierschützer mahnen, Behörden entwarnen

Etwa zu der Zeit prangerte eine Frau aus der Nachbarschaft die Tierhaltung des Klosters an und stellte Fotos der Ställe ins Internet. Ihr Aufruf hatte innerhalb weniger Wochen mehr als 10.000 Unterzeichner. Zwei Mal rückten amtliche Kontrolleure an, fanden aber nichts, was zu beanstanden wäre. "Die Haltungsbedingungen unserer Mastrinder liegen über den amtlich vorgegebenen Standards und sind gute fachliche Praxis", erklärten die Mönche in sehr amtlichem Stil.

Dem Mädchen Fanny hätten die Benediktiner vielleicht erzählen sollen, dass laut Altem Testament der Bund zwischen Mensch und Gott durch ein Tieropfer bekräftigt wurde - als Jahwe in letzter Sekunde einen Widder schickte, den Abraham dann an Stelle seines Sohnes Isaak tötete. Schon der biblische Stammvater war also Schlachter.

Passend zum Schnitzel: Grüner Veltliner

Der Wunsch der Neunjährigen, das Tier freizukaufen, ist in dem Getöse offenbar untergegangen. "Ich hätte dem Mädchen das Kälbchen sogar geschenkt", ließ der Erzabt verlauten. Doch er und seine Mitbrüder seien nun seit Monaten Opfer von Telefon- und Internet-Attacken. "Es ist wirklich eine Tyrannisierung."

Flora darf sich derweil draußen austoben. Sie sei mit den anderen Jungtieren auf der Weide, verrät der Pförtner von Sankt Ottilien. Das dürfte nicht nur die Tierschützerin freuen, sondern auch die Freunde des Wiener Schnitzels. Es schmeckt einfach besser, wenn es von glücklichen Kälbern stammt. Und sollte dann auch mit Liebe zum Detail zubereitet werden, nicht mit Industriepanade, sondern in Milch und Mehl, dann in Ei und Semmelbröseln gewendet. Gebraten in nicht zu heißer geklärter Butter, bis die dünne Schutzschicht der Panade souffliert. Österreicher empfehlen dazu Grünen Veltliner, dessen Pfeffernote das Geschmackserlebnis sehr schön abrundet.