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"Horrorpaar von Höxter": Und keiner schlug Alarm

Das "Horrorpaar von Höxter" soll über Jahre Frauen gequält, zwei sogar umgebracht haben. Und immer drängender stellt sich die Frage, warum niemand eingegriffen hat, kein Nachbar, keine Behörde.

Von Barbara Opitz

Wilfried und Angelika W.

Wilfried und Angelika W. waren mal verheiratet, gaben sich aber als Geschwister aus. Ihr heruntergekommenen Haus in Höxter-Bosseborn wurde zu einem Foltergefängnis.

Sie hatte schon ein ungutes Gefühl, sagte Heidrun Müller* (*Name geändert) später den Polizisten, als sie zu erklären versuchte, warum sie nicht nachgehakt, nichts unternommen hatte, damals, eine Woche vor dem qualvollen Tod von Susanne F. Die 41-Jährige war wochenlang schikaniert und geschlagen worden. Nach einer Autopanne war die Sterbende dann in ein Krankenhaus eingeliefert worden – und da war er aufgeflogen, der ganze Wahnsinn von . Die jahrelangen Misshandlungen so vieler Frauen. Die Toten.

Heidrun Müller arbeitet als ehrenamtliche Schiedsfrau in Höxter, zuständig für außergerichtliche Einigungen. Im April 2016 meldete sich eine fremde Frau bei ihr. Sie klang aufgeregt, drängte auf einen Termin, man dürfe keine Zeit verlieren. Die Gegenpartei, Susanne F., wohne seit Kurzem mit ihr und ihrem Exmann unter einem Dach. "WG-mäßig" , so drückte sich die Frau aus. Später warf sie ein Schreiben in Heidrun Müllers Briefkasten.

Das ungute Gefühl wuchs, aber schließlich beließ sie es dabei

"Hiermit stelle ich, Frau Angelika W. und mein Ex-Mann, Wilfried W. Antrag auf Schlichtung ... Frau Susanne F. (ist) uns ständig am Provozieren. So kam es zu unzähligen ... Körperverletzungen.(...) Sie ist unsauber, das heißt sie wäscht sich nach dem WC-Gang kaum die Hände. Und fasst dann unser Geschirr an ... Sie pinkelt sich mehrfach in die Hose. Sogar beim Geschirrabwaschen. Zieht sich dann nicht um und setzt sich so in unseren PKW. Sie hinterlässt ihre Haare auf Geschirr und in der Spüle. Während des Essens rülpst und furzt sie herum ... Sie versucht unser Trinken zu versalzen, Tassen rochen extrem nach Parfum ... Sie senkt sich die Haare an, dass alles stinkt. Sie hat sich selber eine Glatze geschnitten ... Sie steckt sich vor uns die Klobürste in Mund und Vagina. Sie belästigt uns. Sie beleidigt uns und beschimpft uns, man hätte ihr Essen vergiftet ... Sie hat sich vor mir entblöst und an der Vagina gespielt. Sie zeigt mir ihr gebrauchtes Toilettenpapier, zeigt ihren nackten Arsch wenn ich im Zimmer bin. Sie macht uns Schäden, sie klaut das Essen ... Sie zerreißt unsere Kleidung, sie pinkelt nachts ins Wohnzimmer und in den Flur."

Das ungute Gefühl wuchs bei Heidrun Müller, als eine Woche später, am Abend des 14. April 2016, eine Frau mit Pottschnitt und groben Gesichtszügen bei ihr vor der Tür stand und ihr Schreiben zurückverlangte. Die Schiedsfrau hatte der Fremden bereits gesagt, dass sie für sie nicht zuständig sei. Sie hatte sich deshalb extra bei einer Mitarbeiterin der Stadt erkundigt, das alarmierende Schreiben sogar vorgelesen. Doch die Mitarbeiterin hatte bestätigt: Zuständigkeiten müssten eingehalten werden. Nicht Heidrun Müller, sondern ein Kollege sei dran.

Ob sie diesen Kollegen denn nicht erreicht habe, fragte Heidrun Müller die Frau vor ihrer Haustür noch. Aber die wich der Frage aus. Und Frau Müller beließ es bei ihrem unguten Gefühl.

Eine Woche später, am 21. April 2016, als der Rettungswagen gegen Mitternacht in der Helios Klinik Northeim eintraf, hatte die Notärztin die vielen Verletzungen am Körper von längst bemerkt, Hämatome, Schnitte, Fesselspuren, Verbrennungen, offene Stellen. Manche Wunden waren bereits nekrotisch, Heilung unmöglich. Zehennägel hatten sich gelöst. Der Kopf: kahl geschoren. Die Ärzte versuchten Susanne F. zu reanimieren. Vergebens.

Gefangen über lange Zeit

Über Jahre erniedrigten und malträtierten Wilfried und Angelika W. in ihrem Haus Frauen, zwei von ihnen quälten sie zu Tode. Seit Oktober 2016 steht das "Horrorpaar von Höxter" in Paderborn vor Gericht. Und immer drängender stellen sich Fragen: Bekam wirklich keiner etwas von dem Wahnsinn mit? Warum schlug niemand Alarm? Kein Nachbar, keine Behörde, nicht die Polizei.

Hunderte Frauen hatte das Paar im Zeitraum von etwa 18 Jahren kontaktiert. Über Annoncen wie: "Fischmann, 45 J., 1,86, humorvoll, häuslich, sucht umzugswillige SIE für gemeinsame Zukunft". Stapelweise fanden die Ermittler auf dem Dachboden die Abrechnungen der Zeitungen. Zudem Bilder von Frauen, alte wie junge, bekleidet oder nackt. Mindestens drei Frauen hielt das Paar über längere Zeit gefangen. Nur eine von ihnen überlebte: Christel P. aus Magdeburg, heute 51. Etwa drei Monate blieb sie, bis sie von ihren Peinigern in den Zug nach Hause gesetzt wurde. Mit der Drohung, sie würde ihres Lebens nicht mehr froh, wenn sie etwas erzähle.

Angelika W. gibt vor Gericht bereitwillig über die Gewalttaten Auskunft und über die Angst ihres Exmannes vor Entdeckung. Gegen die hatte er sich abzusichern versucht, auf bizarre Weise: Hunderte handgeschriebener Zettel fanden die Ermittler im Haus im Saatweg, auf denen das Paar Frauen unterschreiben ließ, sie hätten sich ihre Verletzungen selbst zugefügt.

Auch Christel P. musste einen solchen Zettel unterschreiben, wollte sie der Hölle entkommen. Angelika W. war es, die auf die Idee kam, das Schreiben zusätzlich von einem Fremden gegenzeichnen zu lassen – am besten einem Beamten, das würde dem Ganzen besondere Glaubwürdigkeit verleihen. Also marschierte sie gemeinsam mit ihrer Gefangenen im Frühjahr 2012 ins Polizeikommissariat von Uslar. Christel P. muss damals schlimm ausgesehen haben, abgemagert, das Gesicht eingefallen, mit Hämatomen, die Haare kurz und ausgedünnt. Angelika W. legte folgendes Schreiben vor:

"Vereinbarung: Hiermit bestätigen Wilfried und Angelika W. ... mit Christel P. ... dass in der Zeit vom 16.12.11 ... bis einschließlich heute, wir zusammen im Saatweg 6 in Höxter gewohnt haben, es in dieser Zeit zu keinerlei Streitigkeiten, Körperverletzungen, Diebstählen, Vergewaltigungen oder Angriffen gekommen ist. Die Unterzeichnenden trennen sich von Christel P. im gegenseitigen Einverständnis ohne irgendwelche Ansprüche untereinander. Sämtliche blauen Flecken, die Frau P. hat ... hat sie sich bei einem Sturz auf der Treppe selber zugezogen."

Die Beamten verweigerten die Unterschrift, mit Verweis auf fehlende Zuständigkeit. Sie sahen die zerschundene Christel P. – und stellten keine weiteren Fragen.

"So was ahnt man doch nicht"

Auch Marlene T. aus Beverungen brauchte lange, bis sie begriff. Erst als die Bilder des Hauses im Saatweg 6 zum Symbol eines schrecklichen Verbrechens wurden, fiel ihr das Paar wieder ein, das im Jahr 2012 Stroh bei ihr gekauft hatte. Schätzungsweise fünf- oder sechsmal seien sie da gewesen, sagte Marlene T. bei der Polizei aus, in einem Fahrzeug mit geschlossenem Laderaum. Und in diesem Laderaum habe einige Male zusammengekauert eine abgemagerte Frau gesessen. Sie habe ausgesehen wie ein "verkommenes Tier". Es muss sich um Christel P. gehandelt haben. Warum hat Marlene T. damals nichts gemeldet? Aus demselben Grund, den Schiedsfrau Heidrun Müller angab? Man habe aber doch nicht ahnen können, "dass sich so etwas daraus entwickeln kann".

Haus der W,s in Höxter-Bosseborn aus der Vogelperspektive

Von einsamer Lage keine Rede: das Haus der W,s in Höxter-Bosseborn

Der Ortsteil Bosseborn liegt oberhalb von Höxter, hinter einem Wald, 530 Einwohner, Spitzdach an Spitzdach, Geranien vor den Balkonen. Das Haus Saatweg 6 galt als Schandfleck. Verhängte Fenster, verwilderter Garten. Zuerst zog ein Mann, später eine Frau ein, die sich als seine Schwester ausgegeben habe, sagten Nachbarn im Prozess. Beide grüßten kaum. "Hartz-IV-Leute", Sonderlinge von Anfang an. Gewalttätig sei er gewesen und einem Nachbarn gleich an die Gurgel gegangen, als der sich über Lärm beschwert habe, wenn das Paar nachts Holz schnitt.

Eine Nachbarin erzählt, wie Wilfried W. um die Ecke geschossen kam, "diese weit aufgerissenen Augen", voller Hass. Sie habe eine Woche nicht mehr schlafen können.

Das Haus der Familie liegt direkt neben der Nummer 6, vom Küchenfenster hat man einen freien Blick auf die Eingangstür. Die Nachbarn müssen Christel P. wahrgenommen haben – auch wenn ihnen vor Gericht die Zuordnung der "vielen Frauen" schwerfiel, die dort "rein und raus" gingen, "wie in einem Taubenschlag" .

Im Laufe der Ermittlungen fragte die Polizei Christel P., warum sie nie auf sich aufmerksam gemacht, nie geschrien habe. Die Türen seien verschlossen und sie sei nie allein gewesen, antwortete sie. Ein einziges Mal habe sie eine Chance gesehen: Das Paar hatte sie zu den Nachbarn geschickt, um Stunk zu machen, die sollten nicht immer so dumm glotzen. Angelika W. kam mit. Christel P. klingelte, und als die Mutter des Nachbarn in der Tür erschien, sagte sie nur: "Dann rufen Sie doch die Polizei an." Ein Hilferuf, den die Frau nicht verstand. Angelika W. zog sie am Arm und forderte sie auf, zurück ins Haus zu gehen. Wilfried W. kam dazu und erklärte den Nachbarn, die Polizei müsse nicht gerufen werden, Christel P. würde ständig solche "komischen Sachen" machen. Zu Hause warf er sie zu Boden und würgte sie, fast bis zur Ohnmacht. Von da an sei der Terror richtig losgegangen, erinnert sich Christel P.

Vier Jahre später, Ende April 2016, als Anika W. im Haus am Saatweg längst zu Tode gequält, zersägt und im Ofen verbrannt und Susanne F. im Krankenhaus ihren Verletzungen erlegen war, sagten Nachbarn der Polizei, sie hätten Ostern 2016 eine Frau mit schulterlangen Haaren bei den W.s gesehen. Dann sei sie plötzlich mit Glatze umhergelaufen.

Als die Beamten nachbohrten, erfuhren sie, dass etwa zwei Jahre zuvor eine weitere Frau längere Zeit bei den W.s gelebt habe. Sie sei in einem dunklen Auto und mit zwei Hunden gekommen, habe dann auch eine Glatze gehabt, sei zum Schluss sehr gebrechlich gewesen, so "kröppelig" , habe kaum noch laufen können. Und sie sei verletzt gewesen, "die Handgelenke bis zu den Ellenbogen verbunden" . Zuerst seien die Hunde verschwunden. Kurz darauf das Auto. Und am Ende die Frau.

Detailreich gaben die Nachbarn vor Gericht an, wie Wilfried W. eine der Frauen geheiratet, die Frau den Ehering gezeigt habe. Und wie Angelika W. am Tag darauf auch einen Ehering trug, "also sind da schon drei verheiratet gewesen".

Immer wieder gab es Ärger

Sie wussten auch, wie es auf dem Hof stank: nach Mist. Und dass die W.s bis nachmittags schliefen, "dann wurde Radau gemacht" , erst spät in der Nacht kehrte wieder Ruhe ein. Sie erzählten, wie die Tiere "unter aller Würde" gehalten wurden, "das Viehzeug hat geschrien, wer weiß wie". Immer wieder gab es Ärger, etwa als Wilfried W. tote Schweine auf dem Grundstück eines anderen Nachbarn entsorgte. Immer diese Provokationen, diese Schimpferei, wenn nur einer aus dem Ort den Fuß auf das Grundstück des Paars setzte. Und diese vielen, vielen Frauen, "rein und raus".

Die Angeklagten Wilfried und Angelika W. in Paderborn vor Gericht

Seit Oktober stehen Wilfried und Angelika W. in Paderborn vor Gericht. Sie belasten sich gegenseitig.


Vor Gericht beteuern Nachbarn, nur wenig von dem Paar mitbekommen zu haben. Aber die Sonderlinge müssen für Gesprächsstoff gesorgt haben im kleinen Bosseborn. Angelika W. berichtete im Gefängnis ihrem Anwalt Peter Wüller, wie jedes Mal nebenan die Jalousien hochgingen, wenn sie nachts nach Hause kamen.

Ein Nachbar kann vor Gericht nicht mehr aussagen, er ist inzwischen verstorben. Doch der Polizei verriet er vor einem Dreivierteljahr: "Eine Frau habe ich tagelang nicht gesehen. Als sie wieder auftauchte, sah sie vollkommen abgemagert und schlapp aus. Angelika W. stieß die arme Frau vor der Tür zu Boden. Ich ging davon aus, dass sie dort eingesperrt wurde und vermutlich nicht mehr machen konnte, was sie wollte. Eines Tages war die Frau verschwunden."

Auch vor Gericht erzählten die Nachbarn von diesem Vorfall. In einer Polizeiaussage gibt eine von ihnen an: "Ich konnte beobachten, wie diese kranke Frau versuchte, in das Haus zu gelangen. Angelika stand hinter ihr und hat sie dann ganz massiv geschubst. Dass sie ganz brutal auf den Boden fiel. Augenscheinlich konnte die gar nicht alleine aufstehen, weil sie keine Kraft mehr besaß. Dann ist er, der Wilfried, hinzugekommen, ganz dominant, und hat ihr gedroht, sie solle aufstehen, sonst würde was passieren." Unmittelbar darauf sei sie verschwunden. "Dieser armen Frau hat keiner von denen geholfen. Wir haben die nie wiedergesehen", sagte die Nachbarin noch. Es muss der Moment gewesen sein, als Anika W., das erste Todesopfer, sich die entscheidenden Kopfverletzungen zuzog.

Warum sie nicht wegen der Tiere etwas unternommen oder wenigstens die Polizei geholt haben, als Wilfried W. dem Nachbarn an die Gurgel ging, erklärte die Frau vor Gericht dann so: "Weil wir Angst hatten, dass alle drei Tage die Reifen platt sind." Man habe sich in der Familie beraten und am Ende beschlossen: "Lass doch andere machen."

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