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Interview

Psychologe Jens Hoffmann: "Stalker erleben eine Verzerrung der Realität"

Der Psychologe Jens Hoffmann über den Umgang mit Stalkern – und die Grenzen des Möglichen.

Ein Stalker hat im schwäbischen Eislingen seine ExPartnerin getötet – erstaunt Sie ein solcher Fall?

Nein, der Fall zeigt leider ein häufiges Muster. Die Hälfte aller Stalking-Opfer – und auch die größte Gruppe der Getöteten – sind Ex-Partner. Je besser man sich kennt, desto häufiger bringt man einander um.

Was sind das für Menschen, die andere stalken?

Wir unterscheiden drei Arten von Stalkern. Wir erleben abhängige Persönlichkeiten, Leute, die sich wie Kletten an ihre früheren Partner hängen. Die zeigen wenig offene Aggression und Gewalt, verüben aber trotzdem ein Drittel der Tötungsdelikte. Dann haben wir die antisozialen, psychopathischen Stalker. Und dann haben wir noch den Typ Mensch, der eine sehr wechselhafte Dynamik entwickelt, man kennt ihn auch aus der häuslichen Gewalt. Erst sagt er: "Ich liebe dich", dann baut sich die Spannung auf, dann wird er gewalttätig und verfällt anschließend in eine depressive Phase und bereut alles. Und dann geht alles von vorn los.

"Stalker erleben eine Verzerrung der Realität"

Stalking-Experte Dr. Jens Hoffmann leitet das Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt

Was will der Stalker denn erreichen? Rückeroberung oder Bestrafung?

Der Mehrzahl geht es um die Rückgewinnung. Die bedrohen zum Beispiel die Exfrau mit dem Tod in der Hoffnung, sie dadurch zurückzubekommen. Das erscheint absurd, aber diese Menschen erleben eine Verzerrung der Realität.

Und Stalking aus Rache?

Das gibt es auch, nach dem Motto: "Das hast du jetzt davon". Diese Leute wollen wahrgenommen werden, sie wollen eine Rückmeldung – und eine negative Reaktion ist immer noch besser als gar keine.

Welche Faktoren können zur Entwicklung einer Stalker-Persönlichkeit führen?

Stalker, das weiß man aus der Forschung, zeigen sich im Vergleich zu Menschen, die nicht stalken, auf vielen psychischen Ebenen labiler. Stalker haben auch häufig in einer früheren Lebensphase längere Trennungen von signifikanten Bindungspersonen, wie etwa Elternteilen, erlebt. Das dürfte eine Rolle spielen. Aber ganz genau verstehen wir es immer noch nicht, es gibt noch keine umfassende Stalking-Theorie.

Was macht man mit einem Stalker?

Als Erstmaßnahme ist es in der Regel gut, wenn man eine Grenze aufzeigt – durch offizielle Stellen wie die Polizei oder andere Autoritäten. Dann hört ein Stalker oftmals aus Angst vor Bestrafung auf.

Sie betreiben eine Firma, die für Behörden und Unternehmen "Bedrohungsmanagement" anbietet. Was ist das?

Bedrohungsmanagement beruht auf der Erkenntnis, dass es bei Stalking in der Regel spezifische Muster und Warnsignale gibt. Wenn man die Situation als Experte anhand bestimmter Risikoeinschätzungsinstrumente analysiert, kann man im nächsten Schritt mit einem Netzwerk aus Polizei, Justiz, Beratung und Therapie aktiv werden, auch schon recht früh.

Das setzt aber voraus, dass es ein solches Netzwerk vor Ort gibt.

Ja, das ist in Deutschland in der Tat noch nicht überall der Fall, aber es bewegt sich etwas.

Ist ein Stalker heilbar?

Ein psychopathischer Täter nicht. Bei den anderen Typen ist es möglich, aber die Therapie beginnt nicht immer ganz freiwillig, weil sie anfangs die Einsicht nicht selbst haben. Und eine deutliche Verbesserung benötigt meist Monate oder Jahre.

Was mache ich als Kollege, als Freundin, als Verwandter, wenn ich erfahre, dass jemand gestalkt wird?

Auf keinen Fall soll man erwarten, dass ein Stalking-Fall im Freundes- und Familienkreis gelöst werden kann. Dazu braucht es Fachleute. Am besten geht man zu einer spezialisierten Beratungsstelle. Die gibt es oft bei der Polizei, aber auch bei manchen Frauenhäusern.

Der Strafgesetzbuch-Paragraf 238, auch Stalking-Paragraf genannt, wurde inzwischen verschärft. Ist jetzt alles besser als früher?

Auf jeden Fall hat der neue Straftatbestand das Potenzial, Betroffenen deutlich besser zu helfen. Die bisherige rechtliche Lage war deprimierend. Zugespitzt formuliert, musste das Opfer erst umziehen, bevor das Gesetz griff. In der neuen Version genügt es, wenn die Taten geeignet sind, das Leben des Opfers massiv zu beeinträchtigen.

Wie häufig hilft es, wenn die Polizei auf den Stalker zugeht und ihn zur Rede stellt?

Man nennt das Gefährderansprache. Danach hört das Stalking in 80 Prozent der Fälle auf. Wir haben dazu einiges an Forschung betrieben. Auch wenn etwa Behörden, Hochschulen und Unternehmen bei sich ein internes Bedrohungsmanagement aufbauen, zeigt sich, dass eine solche Strategie oft ähnliche Erfolge erzielt. Es geht also um das Gespräch mit einer Person mit offiziellem Status und Autorität, das muss nicht unbedingt die Polizei sein.

Was ist mit den restlichen 20 Prozent? Sind das die potenziellen Mörder?

Sicherlich nicht, Tötungsdelikte durch Stalker sind, statistisch betrachtet, glücklicherweise immer noch verhältnismäßig selten. Aber man hat tatsächlich schon einmal ein gutes Messinstrument zur Hand, um Gefahrenpotenziale zu orten. Das ist wie ein Lackmustest: Wenn sich ein Täter an zivilrechtliche Vorgaben hält, weiß man, der hat sein Verhalten noch unter Kontrolle. Die anderen Fälle haben zumindest das Potenzial, viel Belastung, Unglück und Gewalt zu erzeugen.

In Eislingen wurden verschiedene Maßnahmen getroffen, der Täter hielt sich auch phasenweise an Auflagen. Warum konnte der Fall trotzdem nicht verhindert werden?

Man kann einfach nicht jedes Stalking-Tötungsdelikt verhindern, das wird niemals möglich sein. Deshalb ist es wichtig, bei der Suche nach einer Erklärung nicht die Falschen zu kritisieren. Ich habe es mehrfach erlebt, dass ein Polizist sich in einen Fall richtig reingekniet hat, und als der Stalker dann gewalttätig wurde, suchte man einen Verantwortlichen und schob ausgerechnet ihm, dem engagierten Polizisten, die Schuld in die Schuhe. Wir brauchen da eine andere Kultur. Wenn man mit gefährlichen Personen zu tun hat, kann auch bei allem professionellen Engagement etwas passieren.

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