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Amoklauf in Emsdetten: "Ich habe mir Rache geschworen"

Gewehre, Sprengfallen, Rauchbomben, Messer: Der Amokläufer von Emsdetten hat mit einem Waffenarsenal ein Blutbad in seiner ehemaligen Schule angerichtet.

Ein hasserfüllter Ex-Schüler hat im westfälischen Emsdetten seine frühere Schule überfallen und 27 Menschen verletzt. Nach der blutigen Racheaktion tötete sich der 18 Jahre alte Bastian B. nach Angaben der Polizei selbst. Spezialeinsatzkräfte fanden seine mit Sprengstoff präparierte Leiche auf dem Flur des zweiten Stocks der Geschwister-Scholl-Realschule. Die Leiche wurde am Abend geborgen. Wie der junge Mann ums Leben kam, steht nach Polizeiangaben noch nicht fest.

Vater liegt auf Intensivstation

Der Mann hatte nach Polizeiangaben 13 Rohrbomben und vier Gewehre bei sich gehabt. Eine der Rohrbomben sei in seiner Nähe im zweiten Obergeschoss der Realschule explodiert. Schüler und Lehrer berichteten von einem lauten Knall, später fielen Schüsse, von denen fünf Menschen getroffen wurden. Die meisten der Verletzten erlitten Gasvergiftungen beim Zünden der Rauchbomben oder Schocks. Bei dem im Internet angekündigten Überfall wurden vier Schüler und der Hausmeister angeschossen. Der Vater des Täters erlitt nach Polizeiangaben einen Zusammenbruch und liegt auf der Intensivstation. Auch die Mutter habe einen schweren Schock erlitten. Laut Polizei hatte der Täter zwei jüngere Geschwister

Zum Motiv sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer: "Er hat unter der Sinnleere seines Lebens gelitten." Der stets in Schwarz gekleidete Mann war bei Mitschülern und Lehrern als Einzelgänger und Sonderling bekannt. Er hatte während der großen Pause gegen 9.30 Uhr den Schulhof seiner früheren Schule betreten, wie Polizei und Staatsanwaltschaft auf der Grundlage von Zeugenaussagen rekonstruierten. Mit zwei abgesägten Langwaffen und einem Messer drang der Ex-Schüler in die Schule ein. Dabei trug er eine schwarze Sturmhaube und schwarze Handschuhe, wie die Polizei mitteilte.

Laut einer 11-jährigen Fünfklässlerin soll der Amokläufer eine Art Sprengstoffgürtel umgeschnallt haben. Die so befestigen Metallrohre habe B. "wahllos" um sich geworfen. Dabei wurden auch einige Schüler getroffen, die dadurch Platzwunden erlitten hätten. Angeblich habe B. auch eine schwangere Lehrerin gezwungen, einen Sprengstoffgürtel anzulegen. Zeugen zufolge, habe sich auch B.'s Bruder ihn in den Weg gestellt. Der Täter soll daraufhin gesagt haben: "Entweder Du gehst aus dem Weg oder ich erschieß Dich."

Schweigsamer Einzelgänger

B. war bereits wegen illegalen Waffenbesitzes aufgefallen und hätte sich deshalb am Dienstag vor Gericht verantworten müssen. Ehemalige Klassenkameraden bezeichnen B. als schweigsamen Einzelgänger. "Wenn er etwas gesagt hat, dann ging es nur um Counterstrike", sagt die ebenfalls 18-Jährige Janka S. zu stern.de. Das Computerspiel Counterstrike ist ein so genannter Ego-Shooter, den auch Robert Steinhäuser, der Amokläufer von Erfurt, gespielt hatte. Ähnlich wie Steinhäuser sei auch B. immer schwarz-gekleidet zur Schule gekommen.

Schon seit drei Jahren sei jedem auf der Schule bekannt gewesen, dass B. zu Hause Bomben bauen würde. Regelmäßig sei der 18-Jährige zudem zusammen mit seinem Vater, der Jäger sein soll, in Wald gegangen, um dort zu schießen, so Janka S.

Der 18-Jährige, der im Juni seinen Realschulabschluss erworben hatte, war nach ersten Erkenntnissen ein Einzeltäter, sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer. Doch nach Recherchen von stern.de hatte Bastian B. womöglich doch einen Komplizen. Zusammen mit einem Freund soll er zeitgleich einen Anschlag an der Realschule und an der benachbarten Marienschule geplant haben. Dabei sollten selbstgebaute Sprengsätze verwendet werden. Warum der angebliche Mittäter nicht zugeschlagen habe, ist unklar.

Der Täter hatte offensichtlich bereits vor Jahren in einschlägigen Internetforen Gewaltakte angekündigt. Im Internet posierte er mit Gewehren und einer Maschinenpistole. "Ich hasse euch und eure Art! Ihr müsst alle Sterben. Ich habe mir Rache geschworen! Diese Rache wird so brutal und rücksichtlos ausgeführt werden, dass euch das Blut in den Adern gefriert. Bevor ich gehe, werde ich euch einen Denkzettel verpassen, damit mich nie wieder ein Mensch vergisst!", hieß es auf der inzwischen gesperrten Seite, die nach Angaben von Mitschülern dem Täter gehörte.

Zudem kursierten im Internet gewaltverherrlichende Videos des Täters. Die Videos wurden zwischenzeitlich gesperrt. Außerdem soll er über das Internet Waffen, Munition, Sprengstoffbestandteile und Zündschnüre gekauft haben.

Rache an den Lehrern

In einem Abschiedsbrief nennt er Rache vor allem an den Lehrern als Motiv für seine Tat. An der Schule habe er lediglich gelernt, dass er ein Verlierer sei, heißt es in dem mehr als drei Seiten langen Brief. Am Ende des Textes bittet er um Entschuldigung. Das Schreiben schließt mit den Worten: "Ich bin weg...".

Das Einsatzkonzept der Polizei sei vorbildlich umgesetzt worden, sagte Einsatzleiter Hans Volkmann. Auf der Grundlage der Erkenntnisse des Blutbades am Erfurter Gutenberg-Gymnasium im Jahr 2002 hatten die Länder ein spezielles Szenario für solche Fälle entworfen. Sechs Minuten nach dem Notruf um 9.28 Uhr seien die ersten Beamten an der Schule gewesen. Schulleiterin Karola Keller lobte neben den Polizisten auch die Umsicht von Schülern und Lehrern. Sie hätten Schlimmeres verhindert. Ob der Mann zwischenzeitlich Geiseln in seiner Gewalt hatte, blieb bislang unklar.

Nordrhein-Westfalens Innenminister Ingo Wolf (FDP) zeigte sich fassungslos. "Wir stehen unter dem Eindruck eines schrecklichen Amoklaufs", sagte Wolf. Der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz regte ein Verbot Gewalt verherrlichender Computerspiele an. "Ich bin sehr dafür, ein Verbot von Killerspielen in Betracht zu ziehen", sagte Wiefelspütz der "Netzeitung". Der Jugendforscher Klaus Hurrelmann fordert im Bayerischen Rundfunk ein Verbot dieser Spiele. Weitere Experten verlangten ein Frühwarnsystem und dauerhafte psychologische Betreuung an Schulen.

Christian Parth mit AP/Reuters/DPA/DPA/Reuters

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