HOME

Facebook-Fahndung auf eigene Faust: Jasmin jagt ihren Vergewaltiger

Vor mehr als sieben Jahren wurde Jasmin K. vergewaltigt. Der Täter wurde nicht gefasst. Deshalb fahndet die 26-Jährige nach ihrem Peiniger auf eigene Faust - mithilfe einer Facebook-Gruppe.

Von Swantje Dake

Eine Nacht vor siebeneinhalb Jahren hat das Leben von Jasmin K. verändert. Sie kam vom Skispringen im hessischen Willingen, hatte für die Lokalzeitung darüber berichtet. Als die 18-jährige Schülerin in ihrem Heimatort Usseln aus dem Bus stieg, sprang ein Unbekannter von seinem Sitz auf und folgte ihr. Er war Jasmin auf der Fahrt aufgefallen - groß, stämmig, hochgegelte blonde Haare, nur wenige Jahre älter als sie. Er folgt ihr. In einer dunklen Gasse, wenige hundert Meter von ihrer Haustür entfernt, reißt sie jemand von hinten um, drückt sie auf den Boden, schlägt ihr ins Gesicht. Es ist der Unbekannte aus dem Bus.

Jasmin schreit. Der Mann legt seine Hände um ihren Hals, drückt zu und flüstert ihr ins Ohr: "Wenn du etwas sagst, bring ich dich um." Dann vergewaltigt er sie.

Flucht in die Öffentlichkeit

Wenn Jasmin heute über diese Nacht spricht, ist ihre Stimme ruhig, geradezu emotionslos. Das hat jahrelang gedauert. Lieber wäre ihr, sie müsste nicht darüber reden, schon gar nicht mit Fremden und in der Öffentlichkeit. Aber die junge Frau mit den blondierten Haaren hat einen Entschluss gefasst: "Ich will, dass der Täter nach all den Jahren gefunden wird." Jasmin klingt bestimmt. Sie weiß, dass sie die Öffentlichkeit braucht und wandte sich an die Medien, gründete Mitte Juli die Facebook-Gruppe "Suche nach unbekanntem Vergewaltiger". Mittlerweile hat die Gruppe deutlich mehr als 60.000 Mitglieder. Das war keine spontane Aktion aus einer Laune der Verzweiflung heraus, sondern wohl bedacht.

Ein Jahr lang ist die Polizei allen Hinweisen nachgegangen. Ergebnislos. Der Fall liegt bei der Staatsanwaltschaft Kassel auf dem Stapel der ungelösten Fälle. Deshalb findet Jasmin keine Ruhe. Die heute 26-Jährige will mit dem Erlebten abschließen. Es geht ihr nicht um Genugtuung, nicht um Schmerzensgeld oder die maximale Strafe für den Täter. "Ich will wissen, wer das war, ob er die Tat geplant hat oder ob ich ein Zufallsopfer war." Von den Behörden kann sie nach so langer Zeit keine Hilfe erwarten. Das weiß sie. Das versteht sie.

Heikel, aber legal

Auf der Facebook-Seite zeigt Jasmin das Phantombild von damals und Bilder von einem Zippo-Feuerzeug mit dem Dodge-Logo (Widderkopf) und ein rotbraunes Harley Davidson-Täschchen. Beides hat der Mann am Tatort verloren. Es sind die Bilder und Informationen, mit denen die Polizei versuchte, den Vergewaltiger zu finden. Jasmin macht den Beamten keine Vorwürfe. Sie weiß, dass ihr Schicksal nur ein Fall ist, einer von den vielen ungelösten. Es geht ihr nicht um Rache, schon gar nicht um Selbstjustiz. Sie möchte auch keine Plattform für Diskussionen über das deutsche Strafmaß bieten. "Ich will nur für mich einen Abschluss finden".

Jasmin wirkt besonnen und umsichtig. Sie hat im Vorfeld mit der Polizei gesprochen. Der Weg, den sie geht, ist nicht verboten. Aber er ist heikel. Aktionen in sozialen Netzwerken können sich schnell, wie im Fall der ermordeten Lena aus Emden, verselbstständigen und aus dem Ruder laufen. Für Diskussionen hat unlängst auch der Fall von Ariane Friedrich gesorgt. Die Hochspringerin hat einen Stalker im sozialen Netzwerk geoutet. Jasmin ignoriert die Gefahren der rechtlichen Grauzone nicht. Sie versucht, die Kontrolle zu behalten. 20 Administratoren helfen ihr, die Seite zu verwalten. "Letztendlich fällt aber alles auf mich zurück." Aber sie nimmt das Risiko auf sich, weil sie glaubt, dass sie nichts zu verlieren hat.

Hass, Hetzjagd und gutes Karma

Hass- und Hetztiraden sowie Aufrufe zur Lynchjustiz werden umgehend gelöscht. Auch will Jasmin sich nicht selbst auf die Suche machen. Alle Hinweise sollen an die Korbacher Polizei gehen. Sollte dennoch ein Name oder dergleichen gepostet werden, wird der Hinweis gesichert, die Daten an die Polizei gegeben, dann auf der Seite gelöscht. "Die Ermittlungen sind Aufgabe der Behörden. Auch der Täter hat Grundrechte", sagt Jasmin. "Er hat mir meine Würde genommen. Aber das gibt mir noch lange nicht das Recht, dass ich ihm seine nehme." Es sind keine Floskeln, die Wut oder Hass verdecken sollen. Die junge Frau ist beherrscht und kontrolliert. So wie sie jetzt die Suche nach dem Täter kontrollieren will.

Jasmin hat alle Bedenken abgewogen – und dann die Flucht nach vorn gewählt. "Unsere Gesellschaft ist nun mal sensationsgierig. Wen interessiert schon eine Vergewaltigung, die sieben Jahre zurück liegt? Ich muss über die Art und Weise der Tätersuche Aufmerksamkeit erregen."

Die Ermittlungen waren direkt nach der Vergewaltigung gestartet worden. Jasmin rannte nach Hause, rief die Polizei. Sie hatte Angst, dass ihr der Mann folgen würde. Es folgten Untersuchungen im Krankenhaus, stundenlange Befragungen – und dann nichts. Das Phantombild wurde nur in der Region verbreitet. "Durch das Skispringen waren aber viele Auswärtige in der Region", sagt Jasmin. Es könnte jemand gewesen sein, der nicht aus der Region kommt. Sie hofft, dass Besucher des Skispringens ihren Peiniger gesehen haben.

In den Wochen und Monaten nach der Vergewaltigung hat sich Jasmin zurückgezogen. Nach der Fachhochschulreife hat sie ihr Dorf verlassen, lebt jetzt in Norddeutschland. Sie hat eine Ausbildung gemacht, einen herausfordernden Beruf gefunden und bis vor kurzem wusste kaum jemand aus ihrem neuen Freundes- und Bekanntenkreis von dieser Nacht vom 8. auf den 9. Januar 2005. Jetzt fühlt sie sich stark genug, mit dem Erlebten offen umzugehen. Und in diesen Tage wird es zur Lebensaufgabe. "Es geht mir dabei nicht gut, aber es ist ein notwendiges Übel."

Bloß keine Ikone

Jasmin ist überwältigt von den Reaktionen. "Die Ausmaße sind zum Teil etwas gruselig", sagt sie, blickt auf die beiden Handys, die neben ihr liegen. Laufend gehen neue Mitgliederanfragen oder Mitteilungen ein. Mehrfach hat sie sich an die Mitglieder der Facebookgruppe gewandt und gebeten, von jeglicher Glorifizierung ihrer Person Abstand zu nehmen. "Ich möchte nicht zu einer Ikone der Vergewaltigungsopfer werden. Ich möchte nur den Täter finden." Dabei helfen ihr viele. In den vergangenen Tagen wurde das Fahndungsplakat von den Gruppenmitgliedern in diverse Sprachen übersetzt.

Dieses Engagement überfordert Jasmin manchmal, auch wenn sie unendlich dankbar ist. Sie hat mehrere Kilo abgenommen, schläft wenig, hinter der besonnenen Fassade ist sie unruhig. Getrieben, aber nicht fanatisch. Jasmin glaubt, dass sich die Anstrengung lohnt. Damit es danach vorbei ist. Wann dieses "danach" ist, ist noch nicht abzusehen. Es sind schon Hinweise bei der Polizei eingegangen. "Gut ein Dutzend Anrufe haben wir erhalten", so der Sprecher der Korbacher Polizeidirektion. Die Ermittlungen laufen wieder. Die Aktion von Jasmin K. möchte man dort nicht bewerten. Es sei eine Möglichkeit, die die sozialen Netzwerke bieten. Aber, so beurteilt es auch die Staatsanwaltschaft Kassel, K. gehe sehr sorgsam mit den Gefahren der sozialen Netzwerke um.

Jasmin weiß nicht, wie lange die Suche dauern wird. Sie weiß, dass die Aufmerksamkeit auch schneller verschwindet als die Verjährungsfrist von 20 Jahren. Und sie weiß, dass die Mühe erfolglos bleiben kann. "Aber ich kann mir dann nicht mehr vorwerfen, dass ich es nicht versucht hätte." Sollte der Mann gefunden werden, wird sie den Namen nicht veröffentlichen. Sie selbst will dann abtauchen, sich nicht für ihren Erfolg feiern lassen. "Dann habe ich mein Ziel erreicht." Im Prozess würde sie sich ihrem Peiniger gegenüber treten. Furchtlos. Denn dann hätte sie, was sie so gerne möchte: Kontrolle.