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Fall Mirco: Prozess gegen mutmaßlichen Mörder beginnt

Monatelang bangte die Öffentlichkeit um den verschwundenen zehnjährigen Mirco aus Grefrath, bis sich die schlimmsten Befürchtungen bestätigten. In Krefeld steht nun sein mutmaßlicher Mörder vor Gericht.

Olaf H., 45, hat die Tötung des zehnjährigen Mirco gestanden. Er hat die Ermittler zur Leiche des Jungen aus Grefrath geführt. Sein genetischer Fingerabdruck wurde an der Kleidung des Schülers gesichert und Faserspuren von Mircos Kleidung fanden sich wiederum im damaligen Dienstwagen von Olaf H.. Eine solche Beweislage wird gemeinhin erdrückend genannt. Heute beginnt am Krefelder Landgericht der Prozess gegen den Mann, der für den grausamen Tod des blonden Jungen verantwortlich sein soll. An dessen Schicksal hatte die Nation monatelang Anteil genommen.

Nur 26 Seiten stark ist die Anklageschrift, die dem dreimal verheirateten, dreifachen Vater Mord an Mirco vorwirft. Der 45-Jährige soll den Zehnjährigen am 3. September vergangenen Jahres entführt, missbraucht und erdrosselt zu haben.

Offen ist dabei vor allem die Frage des Motivs. Der Angeklagte hat dazu mehrere Versionen abgeliefert. Laut Anklage tötete er Mirco aus Verärgerung über eine ausgebliebene Erektion und aus Angst vor seiner Entdeckung. Olaf H. soll den Jungen mit einer Kunststoffschnur erdrosselt haben. Um sicher zu gehen, dass das Kind wirklich tot ist, soll er ein Messer genommen und es mit voller Kraft in den Hals der Leiche gestochen haben. Die andere Variante, aus beruflichem Frust und Stress getötet zu haben, sehen die Ermittler inzwischen als Falschbehauptung an. Eine Affekt-Tat also?

Der Angeklagte galt bei der Polizei als unbeschriebenes Blatt. Und auch wenn derzeit bundesweit 35 Mordkommissionen prüfen, ob es sich bei ihm nicht doch um einen Serienmörder handelt: Zu keinem weiteren Fall in der bundesweiten DNA-Datenbank passt sein genetischer Fingerabdruck. Andererseits halten Kriminalpsychologen es für unwahrscheinlich, dass der Verdächtige erst mit Mitte 40 sein erstes Sexualverbrechen begangen hat.

So sollen die 40 Zeugen, die gehört werden sollen, überwiegend aus dem Umfeld des Angeklagten kommen, um dessen Persönlichkeit zu beleuchten. Der Vorsitzende Richter Herbert Luczak hat im Schwurgerichtssaal 15 Verhandlungstage bis Ende September angesetzt. Was ist das für ein Mensch, der einen zehnjährigen Jungen von der Straße fängt, missbraucht und erdrosselt? Das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen wird sich mit dieser Frage auseinandersetzen.

Olaf H. wohnte bis zu seiner Festnahme in einer Eigenheim-Siedlung in Schwalmtal bei Mönchengladbach, 17 Kilometer südlich von Grefrath. Als Außendienst-Mitarbeiter eines Bonner Telekommunikationskonzerns war er viel unterwegs und hatte Karriere gemacht, war zum Bereichsleiter aufgestiegen. Der gepflegte Garten daheim war sein Hobby.

Mit einer der größten Suchaktionen in der Geschichte der Bundesrepublik hatten zeitweise 1000 Polizisten nach Mirco gesucht. Da der Fundort sechs Kilometer außerhalb des 50 Quadratkilometer großen Suchgebiets lag, hatten die Polizisten die in einem Waldstück abgelegte Leiche aber nicht entdeckt. Auch Tornado-Aufklärungsjets der Bundeswehr und Drohnen kreisten vergeblich über dem Suchgebiet. Am Tag 145 nach seinem Verschwinden wurde Mircos Leiche im Januar gefunden - weil Olaf H. den Ermittlern die Stelle zeigte.

Die Staatsanwaltschaft sieht zwei Mord-Merkmale als erfüllt: Sie wirft dem 45-Jährigen Mord aus niedrigen Beweggründen und zur Verdeckung des sexuellen Missbrauchs des Jungen vor. Der Familienvater aus Schwalmtal sitzt seither in Untersuchungshaft und muss mit einer lebenslangen Haftstrafe rechnen. Mircos Eltern werden in dem Prozess als Nebenkläger zumindest eine Anwältin entsenden.

Frank Christiansen, DPA / DPA
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