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"Etwas zu verbergen"? Einsatz in der Kritik: Hamburger Polizei jagt mit Streifenwagen Jugendlichen im Park

Hamburger Jenischpark Polizei Video
Im Hamburger Jenischpark gibt es immer wieder Treffen von Jugendlichen (Archivbild) – ein Einsatz der Polizei deswegen löst nun Kritik aus
© Screenshots Twitter / PolizeiHamburg / scofieldius, Angelika Warmuth / DPA / Picture Alliance
Mit dem Bleifuß durch den Park: Die Verfolgung eines Jugendlichen mit einem Streifenwagen durch die Hamburger Polizei ruft Fragen nach der Verhältnismäßigkeit hervor – auch in den eigenen Reihen.

Wenige Monate nach dem rabiaten Umgang mit einem jugendlichen E-Scooter-Fahrer (der stern berichtete), steht die Hamburger Polizei erneut wegen eines Einsatzes gegen einen Teenager massiv in der Kritik.

Auslöser ist ein in den sozialen Netzwerken verbreitetes und mit viel Unverständnis kommentiertes Video, dass die Verfolgung eines flüchtenden jungen Mannes im Jenischpark im Stadtteil Othmarschen zeigt.

Video zeigt Einsatz der Hamburger Polizei

Es ist zu sehen, wie ein Mercedes-Streifenwagen und zwei Beamte zu Fuß auf einer Grünfläche dem Flüchtenden hinterherrasen. Das Martinshorn und Blaulicht des Polizeiautos sind eingeschaltet. Beim Beschleunigen bricht das Heck des Wagens aus und verfehlt eine Beamtin nur um Haaresbreite. Trotz des riskanten Fahrmanövers und obwohl weitere Personen in unmittelbarer Nähe stehen, bricht der Polizist am Steuer die Verfolgung nicht ab. Stattdessen lenkt er den Fahrzeug in eine Kuhle, sodass es heftig aufsetzt und beschädigt wird, und fährt dem Flüchtenden weiter hinterher. Es wirkt so, als ob der Abstand zwischen dem Jugendlichen und dem Polizeiauto teilweise nur wenige Zentimeter beträgt. Der junge Mann biegt ins Unterholz ab und kann dem Streifenwagen entkommen. Die beiden Beamten zu Fuß folgen ihm. Er sei kurz darauf gefasst worden, teilte die Polizei später mit.

Die etwa 15 Sekunden lange Szene erinnert an einen Actionfilm – und wirft Fragen nach der Verhältnismäßigkeit auf. Ist es angemessenen, geeignet und erforderlich, einen zu Fuß Flüchtenden auf diese Weise mit einem Auto zu verfolgen? Daran bestehen erhebliche Zweifel, offensichtlich auch in der Pressestelle der Hamburger Polizei.

"Der Einsatz des Fahrzeuges erweckt auf den Videobildern auch bei uns den Eindruck, dass eine Gefahr für außenstehende Personen bestanden haben könnte", teilte sie am Freitagmittag mit. Das Vorgehen werde mit den eingesetzten Beamten "nachbereitet". "Das muss bewertet werden. Aber das machen wir nicht innerhalb von fünf Minuten“, ergänzte Polizeisprecher Holger Vehren im Gespräch mit der Nachrichtenagentur DPA. Möglicherweise vorhandene weitere Videos des Vorgangs könnten zur Aufklärung beitragen. Welche dienst- oder strafrechtlichen Konsequenzen dem Beamten im Streifenwagen drohen könnten, konnte Vehren laut DPA zunächst nicht sagen.

Die Polizei war nach eigener Darstellung am Montag von Anwohnenden in die Parkanlage im Hamburger Westen gerufen worden, weil dort "eine Vielzahl von jungen Menschen" bei "lauter Musik Alkohol konsumierten und die Abstandsregeln missachteten".

Auch der im Video zu sehende Jugendliche habe die Corona-Schutzmaßnahmen nicht eingehalten und unter anderem "andere umarmt und abgeklatscht", so die Polizei in ihrer Stellungnahme. Der Überprüfung durch die Beamten habe er sich durch seine Flucht entziehen wollen. "Für uns ist es dann keine Option zu sagen: Wenn er wegläuft, dann machen wir nichts“, erklärte der Polizeisprecher weiter. Die Flucht habe den Verdacht nahe gelegt, "dass er etwas zu verbergen hat".

Gegen den jungen Mann sei ein Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet worden. Die Höhe des Schadens am Streifenwagen ist noch nicht bekannt.

Quellen: Twitter-Video, Stellungnahme Polizei Hamburg, Corona-Schutzverordnung Hamburg, Nachrichtenagentur DPA


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