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Mutmaßlicher Kindermörder: Die ersten und letzten Worte des Silvio S. über sein monströses Verbrechen

Es war totenstill, als Silvio S. zum Schlusswort ansetzte - und mit dünner, gebrochener Stimme seine Reue bekundete. Es waren seine einzigen Worte im Prozess über ein unfassbares Verbrechen.

Prozess gegen Silvio S. vor dem Landgericht Potsdam

"Ich weiß, was ich getan habe" - Silvio S. (links, er verbirgt sein Gesicht hinter dem Aktendeckel) vor dem Landgericht Potsdam.

Es ist 11.05 Uhr und totenstill im Saal 8 des Landgerichts Potsdam, einem schmucklosen Funktionsbau im Hinterhof. Richter Theodor Horstkötter hat Silvio S. das Wort erteilt. Der Angeklagte hat mit zittrigen Fingern einen linierten, gefalteten Zettel herausgekramt und die Brille aufgesetzt. Erstmals während dieses Prozesses erhebt Silvio S. die Stimme. Sie klingt dünn und brüchig. Er liest ab.

"Ähm. Ich möchte mich eigentlich nur entschuldigen bei allen, denen ich mit meinen Taten Leiden zufügte, bei Familien und Freunden von Elias und Mohamed. Ich bereue, was ich getan habe. Und ich weiß auch, was ich getan habe."

Pause.

"Es gibt kein Wort auf der Welt, das beschreiben könnte, wie leid es mir tut. Wenn ich es ungeschehen machen könnte, würde ich es tun. Ich selbst aber kann mir das nicht verzeihen. Ich werde in der Haft alle Behandlungen annehmen, die angeboten werden, damit so etwas auf keinen Fall noch einmal passiert. Ganz egal wie das Urteil ausfällt: Die Verantwortung für die schrecklichen Taten und den Tod von Mohamed und Elias wird immer bleiben, genauso die Gewissheit, dass ich das nicht wiedergutmachen kann."

Silvio S. kann die letzten Worte kaum noch aussprechen, seine Stimme kippt. Er holt ein Taschentuch heraus und wischt sich die Tränen hinter der Brille weg. Richter Horstkötter schließt die Sitzung, ein Beamter legt Silvio S. Handschellen an und führt ihn durch die hintere Türe ab.

Ein paar Minuten später, vor dem Verhandlungssaal. Der Verteidiger von Silvio S. gibt Interviews, er sagt, es sei der persönliche Wille des Angeklagte gewesen, ein Schlusswort zu sprechen. Er hätte sich auch den vorherigen Ausführungen seiner Verteidiger anschließen können, damit wäre das Schlusswort entfallen. Aber Silvio S., der Schweiger, der kein Detail preisgab, egal, wie eindringlich er darum gebeten wurde - dieser Silvio S. wollte reden. Öffentlich. So, dass es die Welt mitbekommt. Und diese eine Botschaft senden: "Ich bereue." Es ist der elfte Verhandlungstag, der letzte vor der Urteilsverkündung.

Plädoyers für die Maximalstrafe 

Das erste Wort an diesem Dienstag hat der Vorsitzende Richter Horstkötter. Es ist 9.50 Uhr. Horstkötter kritisiert Medien, die dem Gericht vorgeworfen hatten, zu viel Show zu veranstalten. Mussten  die Utensilien, die Silvio S. gesammelt hatte, im Gerichtssaal öffentlich gezeigt werden, vom Knebel bis zum Kopffixier-Gerät? War es richtig, mit Hilfe einer Puppe den Mord an Elias nachzustellen? "Die Präsentation der Gegenstände im Saal hat nichts mit Effekthascherei zu tun - und ist nicht der Versuch, Druck auszuüben", sagt Horstkötter. "An der Puppe haben wir nachvollzogen, wie Elias gestorben sein kann. Alles dient nur einem Zweck: Die Wahrheit aufzuklären."

Zeit dafür ist nicht mehr, dies ist der Tag der Schlussplädoyers. Die drei Anwälte der Nebenklage sprechen, sie halten sich kurz. Inhaltlich schließen sie sich dem Staatsanwaltschaft an. Der hatte am Vortag die Maximalstrafe gefordert: lebenslange Haft plus anschließender Sicherungsverwahrung. Grund: die "besondere Schwere der Schuld". Diese liegt vor, wenn ein Täter sehr brutal war und seinem Opfer große Qualen zugefügt hat. Das steht auch für die Nebenklage außer Zweifel. Sie will Silvio S. so lange wie möglich im Knast sehen. Er soll keine Chance haben, nach 15 Jahren vorzeitig entlassen zu werden.

Anwalt Khubaib-Ali Mohammed vertritt die Mutter des kleinen Mohamed, zum Tatzeitpunkt vier Jahre alt. Silvio S. hatte den Jungen gefilmt, während er ihn missbrauchte. Der Anwalt sagt: "Einen Satz kennt meine Mandantin auf Deutsch: 'Mein Kind ist tot.' Mit Mohamed ist ein Teil weg von ihr. Herr S., Sie sind die Bestie, der Mörder mit Gummibärchen und Chloroform. Alles Schlimme und Verdorbene dieser Welt." Silvio S. sitzt an seinem Tisch, starrt auf die Platte, schüttelt den Kopf.

Anwalt Andreas Schulz vertritt als Nebenkläger Mohameds Schwester Medina, 9. Er rechnet noch einmal vor, wie viele Kinder in Deutschland pro Jahr Opfer von Sexualdelikten werden. Er zitiert Statistiken, wonach eine Mehrzahl der Täter rückfällig würden. Und er beschreibt, wie sich Silvio S. auf die Tat vorbereitet hat. 113 Artikel hat er über zwei Jahre hinweg auf Ebay gekauft. "Puppen, Knebel, Masken, Fesseln, Teddykamera." Schulz kritisert Ebay, das Portal müsse eingreifen, wenn es ein derartiges Kaufverhalten registriere. Auch Schulz will die Maximalsstrafe für Silvio S..

Gutachten lassen Raum für Spekulationen

Abschließend haben dessen Verteidiger das Wort. Ein letztes Mal können sie versuchen, etwas für ihren Mandanten zu tun. Aber nicht einmal Silvio S.' Anwälte wehren sich gegen eine lebenslängliche Haftstrafe für den Angeklagten. Zu erdrückend die Beweislast, zu eindeutig das vor dem Prozess gelieferte Geständnis. Anwalt Matthias Noll versucht nur, gegen die besondere Schwere der Schuld zu argumentieren, er will Silvio S. die Sicherungsverwahrung nach der Haft ersparen.

Um den Angeklagten zu entlasten, stellen Noll und sein Kollege jene Befunde in den Gutachten heraus, die Raum für Spekulationen lassen. Es geht um die Frage, wie schnell Mohamed bewusstlos war, bevor er zu Tode stranguliert wurde. Es geht darum, ob er während des Missbrauchs schon unter Medikamenten gestanden hat oder nicht. Es geht um einzelne Haare, die im Auto und in der Wohnung gefunden worden sind, deren Existenz aber nicht zweifelsfrei definiert, wer wann wo war. Und es geht um Spermaflecken, deren Alter sich nicht eindeutig bestimmen lässt. Aus all' diesen Unklarheiten lassen sich verschiedene Tathergänge herleiten. Tathergänge, die Silvio S. um Nuancen entlasten könnten. Oder auch nicht.

Aufklären könnte die Rätsel allein der Angeklagte selbst. Aber er sitzt, wie in den vergangenen zehn Verhandlungstagen, gebeugt und mit vorgezogenen Schultern an seinem Tisch. Mal schüttelt er den Kopf, mal vergräbt er ihn in seinen Händen. Schweigend.

Bis ihm der Richter Horstkötter das Wort erteilt. Das Schlusswort.