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Psychologisches Gutachten: Einsam, selbstunsicher, misstrauisch: 82 Seiten Einblick in die Seele von Kindermörder Silvio S.

In Potsdam startet der Revisionsprozess im Fall Silvio S. Das Gutachten über den verurteilten Kindermörder liegt dem stern vollständig vor. Auf 82 Seiten erlaubt es tiefe Einblicke in den Charakter und in die Seele des Mannes aus Kaltenborn.

Silvio S. im Gerichtssaal

Seine Verbrechen erschütterten ganz Deutschland – fast drei Jahre nach seiner Verurteilung zu lebenslanger Haft betritt der Kindermörder Silvio S. an diesem Freitag erstmals wieder einen Gerichtssaal. Vor dem Landgericht Potsdam geht es um die Frage, ob er jemals in seinem Leben wieder in Freiheit kommen kann. Das psychiatrische Gutachten über den Täter gibt tiefe Einblicke in das Seelenleben eines Mannes, der so einsam wie gefährlich war.

"Mein Kind ist tot. Mein Kind ist tot"

Keiner, der dabei war, konnte diese Bilder vergessen: Der schmächtige, fast schüchtern wirkende Mann in Handschellen, der sein Gesicht mit einem Aktendeckel vor den Fotografen verbirgt, die im Gerichtssaal ausgestellten Asservate – Kinderpuppen, Knebelwerkzeuge, eine gelbe Plastikwanne, gefüllt mit Katzenstreu – und eine Mutter die mit gebrochener Stimme sagt, fast tonlos in die Stille des Gerichtssaales: "Mein Kind ist tot. Mein Kind ist tot."

Auch Silvio S., inzwischen 35 Jahre alt, werden diese Bilder wohl wieder einholen, wenn er am Morgen aus seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Brandenburg/Havel in den Saal 8 des Landgerichts Potsdam gebracht wird. Dieses Gericht hatte ihn im Sommer 2016 wegen des Mordes an den Kindern Elias und Mohamed, zum Tatzeitpunkt sechs und vier Jahre alt, zu lebenslanger Haft verurteilt und zusätzlich die besondere Schwere seiner Schuld festgestellt, was eine Entlassung schon nach 15 Jahren unmöglich macht.

Silvio S. wurde für die Morde an Elias und Mohamed zur Höchststrafe verurteilt

Silvio S. wurde für die Morde an Elias und Mohamed zur Höchststrafe verurteilt

Kommt S. nie wieder frei?

Doch Staatsanwalt Peter Petersen reicht das nicht. Er will Sicherungsverwahrung für den Kindermörder. Er hält S., der bis zu seinen Taten ein unauffälliges Leben in einem brandenburgischen Dorf namens Kaltenborn führte und nachts bei einer Sicherheitsfirma arbeitete, für einen Menschen, der nie wieder frei sein darf. Petersen nennt ihn "eine Bestie in Menschengestalt". Sein Revisionsantrag vor dem Bundesgerichtshof hatte Erfolg. Deshalb steht der bereits verurteilte Silvio S. ab heute in Potsdam erneut vor Gericht.

Sicherungsverwahrung ist keine zusätzliche Strafe. Sie soll die Allgemeinheit vor Tätern schützen, die ihre Strafe bereits verbüßt haben, aber auch danach noch so gefährlich sind, dass sie nicht wieder in die Freiheit entlassen werden können. Vielleicht bis an ihr Lebensende nicht.

Im Mittelpunkt der drei Verhandlungstage, die jetzt geplant sind, dürfte erneut das Gutachten des renommierten Gerichtspsychologen Matthias Lammel stehen, das bereits im Prozess vor drei Jahren eine wichtige Rolle spielte, aus dem das Gericht damals aber nach Ansicht des Bundesgerichtshofes nicht unbedingt die richtigen Schlüsse gezogen hat. Das Gutachten mit Datum vom 16. März 2016 liegt dem stern vollständig vor. Auf 82 Seiten erlaubt es tiefe Einblicke in den Charakter und in die Seele des Mannes aus Kaltenborn, der an einem warmen Julitag im Jahre 2015 erstmals zum Mörder wurde.

Offenbar wird ein Abgrund an Ödnis, Verlorenheit und bohrender Einsamkeit. "Die anderen hätten nichts mit ihm zu tun haben wollen. Er sei eher ausgegrenzt, nicht beachtet, allenfalls beleidigt worden", heißt es in dem Gutachten über den jungen Silvio S. "Auf Nachfrage wurde bestätigt, dass er über die gesamte Schulzeit hinweg ein Außenseiter gewesen sei und er sich auch als Außenseiter gefühlt habe." An anderer Stelle wird wiedergegeben, was Silvio S. über seine Zeit als junger Erwachsener berichtet hat: "Er wünsche sich Nähe, traue sich hingegen nicht, diese aktiv zu suchen. Andere – weder Frauen noch Männer – seien nie auf ihn zugegangen, hätten nie versucht, sich ihm zu nähern oder Interesse an ihm bekundet."

82 Seiten Einblick in S.' Seele

Laut Gutachten befragten Spezialisten S. schon kurz nach der Festnahme in der Haft über seine Taten. Und S., der darüber vor Gericht stets eisern schwieg, schilderte Details: Vor beiden Morden hätten die Kinder jeweils von sich aus den Kontakt zu ihm gesucht. Er selbst sei zu schüchtern gewesen, seine späteren Opfer anzusprechen. Weiter habe Silvio S. erzählt: "Die Entwicklung sei dann fast zwangsläufig verlaufen. Pat. (für "Patient", Bezeichnung für den Inhaftierten Silvio S., Red.) stimmt dem Vergleich mit einer Lawine, die sich langsam löst und dann immer unbeherrschbarer wird, zu – 'genauso ist es passiert' – wobei er sich des Unrechts seiner Handlungen immer bewusst gewesen sein dürfte, 'konnte dann einfach nicht aufhören'".

In einem "psychologischen Zusatzbefund", das Bestandteil des Gutachtens ist, beschreibt eine Kollegin Lammels, die Diplom-Psychologin Andrea Bressel, ihre Begegnung mit dem zweifachen Mörder so: "Bereits im ersten Eindruck fällt Herr S. durch seine schlaffe Körperhaltung und das mäßig gepflegte Erscheinungsbild auf. (...) Während der Untersuchung suchte und hielt er kaum Blickkontakt und wenn es gelang, strahlte er eine infantil wirkende Hilflosigkeit und Bedürftigkeit aus (...) Seine Hände zitterten über den gesamten Zeitraum hinweg.'"

Er wünschte sich Frau und Kind

Bressel führte zahlreiche Untersuchungen mit Silvio S. durch. Er habe ihr gesagt, er sehne sich nach einer Partnerschaft mit einer Frau, wünsche sich ein eigenes Haus, ein Leben mit Frau und Kindern. "Ich brauche viel Liebe, bekomme sie aber nicht." Weiter notiert die Psychologin: "Zum Selbstbild befragt, versank er in Nachdenklichkeit, um dann zu erklären (...): 'Dumm bin ich.' Gefragt, was ihn ausmache, meinte er: 'Gar nichts.' (...) Nach eigenen Stärken gefragt, wusste er keine zu nennen, er könne nichts gut."

Einmal sprach Bressel mit ihm über Gefühle. S. fragte, wie man die spontan ausdrücken könne: "Indem man das einfach macht? Ich habe das nie gemacht." Der Mörder gibt nach den Beschreibungen der Psychologin auch einen wichtigen Hinweis zum zentralen Motiv für seine Taten: "Es sei die Einsamkeit gewesen, die ihn dazu getrieben habe, die Kinder mitzunehmen und etwas anderes, über das er allerdings nicht sprechen wolle."

Ihre Erkenntnisse fasst Bressel so zusammen: "Unter Berücksichtigung der Testergebnisse ist davon auszugehen, dass es sich bei Herrn S. um eine schizoid wirkende, ängstlich-subdepressive, selbstunsichere und psychasthenische Persönlichkeit mit ausgeprägtem Minderwertigkeitserleben, einem Mangel an sozialen Kompetenzen und Empathie sowie einer Bindungs- und Beziehungsstörung handelt, deren Sozialverhalten durch Bindungsängstlichkeit aber auch durch ein ausgeprägtes Misstrauen bestimmt wird.

Er hätte schon gerne eine Freundin gehabt, referiert Lammel die Äußerungen des zweifachen Mörders. "Er habe aber nicht gewusst, wie so etwas zustande zu bringen sei. Davor habe er 'viel zu viel Angst' (...) Ein sexuelles Interesse an Kindern habe er nie gehabt. Er habe auch nie Kindersendungen angesehen, um sich sexuell zu stimulieren."

Im hinteren Teil des Gutachtens formuliert der Gerichtspsychologe fettgedruckt den zentralen Befund: "vermeidend-selbstunsichere Persönlichkeitsstörung (Diagnose-Nr. F 60.6, DSM-5)".

Kein besonderes Interesse an pädophilen Inhalten

Der Gerichtspsychologe liefert auch einen Erklärungsansatz für die eigentlich unfassbaren Verbrechen des Wachmannes aus Kaltenborn: "Ein besonderes Interesse an pädophilen Inhalten habe sich zwar "im Ergebnis der Ermittlungen nicht finden lassen". Seine "misstrauisch-abwehrende Grundhaltung" habe Silvio S. aber den Kontakt zu Frauen erschwert – und schließlich dazu geführt, dass er "über andere Wege der sexuellen Bedürfnisbefriedigung" nachgedacht habe. Kleine Kinder waren dafür offenbar wie prädestiniert, weil von ihnen "für Herrn S. keine 'Gefahr' in Form von Kritik, Entwertung oder Ablehnung ausgeht, sondern sich Kinder auf ihn einlassen, wie er sich dazu bereit findet, mit den Kindern zu spielen und mit ihnen auf der von den Kindern vorgegebenen Ebene zu kommunizieren."

Lammel ist erneut als Sachverständiger geladen. Das Potsdamer Landgericht wird diesmal besonders darauf achten müssen, dass es aus seinen Ausführungen die richtigen Schlüsse zieht. Das hatte der Bundesgerichtshof angezweifelt – und den Kollegen aufgegeben, nochmal umfassend zu prüfen, ob bei Silvio S. eine "fest eingewurzelte Neigung zur Begehung von Straftaten" vorliege. Dazu hatte sich das Landgericht in seinem Urteil nicht durchringen können. Wenn die Richter jetzt anders entscheiden, könnte es sein, dass der einsame, unglückliche Mann aus Kaltenborn nie wieder in seinem Leben frei sein wird. Weil er für andere zu gefährlich ist.

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