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Missbrauchs-Urteil: Nachts, wenn der Trainer kam

Werner Papke: ein genialer Boxer, gedrillt von den Nazis, Freund eines berüchtigten Mörders, Talentscout und Meistermacher. Bezahlen ließ sich der Trainer mit Sex. Dafür muss die Sportlegende nun drei Jahre und sechs Monate ins Gefängnis.

Von Uta Eisenhardt

"Meinen Namen kennt man in ganz Europa", sagt Werner Papke. Breitbeinig und die Arme raumgreifend auf beide Stuhllehnen gestützt, sitzt der kleine, grauhaarige Mann vor der 30. Großen Strafkammer im Landgericht Berlin und erzählt von seinem Leben und seiner Unschuld. Zwei Stunden lang gießt der 76jährige Dreck über alle aus, die je ein schlechtes Wort über ihn vor Gericht gesagt haben. Es ist das so genannte "Letzte Wort des Angeklagten", das wohl besser das "Letzte Wörterbuch" heißen müsste, wie es eine Anwältin bezeichnet. Geduldig hört das Gericht dem erfolgreichsten Boxtrainer Deutschlands zu: Drei Weltmeister, 25 Europameister und 75 Deutsche Meister führte er seit 1963 zum Titel. Doch vierzig Jahre später kam ans Licht, was in der Boxszene schon lange als Gerücht kursierte: Papke kümmerte sich nicht nur sportlich sondern auch sexuell um seine minderjährigen Schützlinge. Mit 178 Fällen sexuellen Missbrauchs und fünf Opfern startete die Anklage zu Beginn des Prozesses im November 2006. Nicht aufgelistet waren Taten vor 1991, diese galten bereits als verjährt. Während des Prozesses zog ein mutmaßliches Opfer seine Aussage wieder zurück - der junge Mann boxt inzwischen wieder für Werner Papke, sagt Rechtsanwältin Adelaide Stronk, die in diesem Prozess ein 17jähriges Opfer vertritt.

Interview nach Jahren des Schweigens

Vierzig Verhandlungstage hat der Prozess gedauert, für den sich viele Menschen interessieren. Unter den Zuschauern sitzen etliche junge Männer mit muskulösen Körpern. Diszipliniert folgen Sie dem Prozess, auch dann, wenn Papke stundenlang "Müll erzählt", wie einer seiner ehemaligen Schützlinge sagt. Am Ende sind es schließlich 49 Taten sexuellen Missbrauchs an Kindern, darunter zwei Fälle schweren Missbrauchs, die der inzwischen sehr gebrechlich wirkende Mann zwischen 1991 und 2002 nachweislich begangen hat. Drei Jahre und sechs Monate muss Papke dafür ins Gefängnis. Noch eine Stunde vor der Urteilsverkündung hatte er in seinem Ur-Berliner Dialekt zum Vorsitzenden Richter Lutz Lange gesagt: "Ick hoffe, dass Sie ein reines Jewissen haben!" Als er das Urteil und die Begründung dazu hört, schüttelt er den Kopf und reibt sich fassungslos das Kinn. Mit einem Interview drangen die Informationen über Papkes sexuelle Vorlieben an die Öffentlichkeit. Für sein Internetportal "PowerFBoxing" plauderte der Boxpromoter Mario Pokowietz mit zwei ehemaligen Papke-Schützlingen, warum sie ihrem Trainer den Rücken gekehrt hätten. In diesem Gespräch erwähnten die beiden 19- und 20jährigen Boxer den sexuellen Missbrauch, den sie Jahre zuvor an sich erdulden mussten. So lange, bis die dunkelhaarigen Jungen in die Pubertät kamen und für ihren Trainer sexuell nicht mehr interessant waren. Dieses Interview las ein Sportjournalist der Boulevardzeitung "B.Z." und füllte wochenlang ganze Seiten mit der großen Enthüllung.

Bekannt mit dem berüchtigten Werner Gladow

Darin berichtete er vom Leben des Werner Otto Papke, der als Minderjährige im Plötzenseer Gefängnis Werner Gladow kennen lernte, den Kopf der gleichnamigen und berüchtigten Bande, die im Berlin der Nachkriegszeit raubte und mordete. 15 Jahre Haft waren die Quittung dafür. Damals gab es kein Jugendstrafrecht und das Urteil für Papke war milde angesichts der Todesstrafe, die Gladow und zwei seiner Kumpane 1950 kassierten. Heute beschreibt Richter Lange das Leben des Angeklagten als arbeitsam. Ohne Zweifel habe er sich große Verdienste im Boxsport erworben. Papke, der an der Adolf-Hitler-Eliteschule das Boxen lernte, arbeitete nach seiner Haftentlassung als Berufsboxer. "21 Kämpfe, 18 gewonnen, drei verloren", sagt der Angeklagte über seine eigene sportliche Laufbahn. Später wird er Trainer und eröffnet das "Box Gym" im Berliner Wedding, einem Wohnbezirk mit einem hohem Ausländeranteil. Hier wohnen viele arme Jungen mit Träumen vom großen Sieg und großem Geld. Kontinuierlich bemüht sich Papke um den Aufbau junger Box-Talente. "Nur ein guter Boxer bringt ihm Geld", sagt die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. So stößt er 1990 bei einem Amateurwettkampf auf den damals zwölfjährigen Michel T. Kurz darauf zieht der Junge mit dem Einverständnis seiner Eltern in Papkes Wohnung. So könne die sportliche Ausbildung effektiver werden, begründet der Trainer den Einzug. Der Junge bekommt in seiner kleinen Wohnung ein Bett und eine Ecke für seine Sachen. Jeden Tag bescheinigt ihm der Trainer sein großes Talent, mit dem er eines Tages sehr viel Geld verdienen würde.

In der Tat wird aus dem Jungen später ein Europameister. Auch Papkes andere Schützlinge besaßen Talent. Sie alle bezahlen die Förderung und Aufmerksamkeit ihres Trainers mit sexuellen Übergriffen, die sie an sich dulden müssen.

Der Preis der Förderung

Zu Michel T. schlüpfte der Trainer jeden Abend in sein Bett, küsste ihn, streichelte ihn und manipulierte seinen Penis. Lange glaubte der junge Mann, er sei das einzige Opfer von Papke gewesen - bis er aus der Zeitung von zwei anderen jungen Boxern erfuhr, an denen sich Papke auch vergriffen hat. Lange überlegte der Michel T., ob er sich ihnen anschließen und ebenfalls Anzeige erstatten sollte. Gegen den Mann, der seine Karriere unterstützt und befördert hatte. Gegen den Mann, dem er nicht nur wegen der sexuellen Übergriffe grollte, sondern den er bei seiner Hochzeit als Trauzeugen benannte, weil er ihm viel verdankt.

Außerdem befürchtete T., es würde seine sportliche Karriere beschädigen, wenn bekannt würde, was ihm als Junge angetan wurde. "In einem solchen von Männern beherrschten Kampfsport ist diese Meinung nicht falsch", sagt Richter Lange. Doch T. wagte den Schritt der Aufklärung, er wollte andere Kinder vor diesem Schicksal bewahren.

Auch einen heute 17jährigen jungen Mann kostete es große Überwindung "als Sohn eines muslimischen Vaters den Oralverkehr zu schildern", so der Richter. Die jungen Männer schämten sich für das, was ihnen angetan wurde. Sie wollten darüber schweigen, es verdrängen. Vielleicht würden sie es heute noch tun, wenn die beiden miteinander befreundeten Ex-Boxer nicht gleichzeitig darüber geredet hätten. Hart kämpfte die Verteidigung und forderte einen Freispruch. Zwei Argumente besaßen die Anwälte Peter Gundlach und Silvia Wüst: Erstens seien die Vorwürfe das Produkt eines großen, abgestimmten Komplotts gegen ihren Mandanten. An diesem würden sich die Zeitung "B.Z:", ein konkurrierender Boxpromoter und drei seiner ehemaligen Schützlinge beteiligen.

Fehlfunktion des Körpers

Zweitens aber, und dies präsentierte die Verteidigung wie einen Joker, sei Papke körperlich gar nicht in der Lage, jemanden zu vergewaltigen. Er habe nämlich nur einen zwei Zentimeter langen Penis! Wie ein Nummerngirl hielt sich die Verteidigerin ein Farbfoto vor die Brust, welches die Fehlbildung ihres Mandanten zeigte, und schritt damit am Gericht und den Nebenklagevertretern vorbei. Mit diesem Unglück der Natur könne ihr Mandant weder eine Erektion noch einen Samenerguss bekommen. Also müssen die Zeugen, die anderes beschreiben, lügen. Fünf Gutachter hörte sich das Gericht an, um dieses pikante Detail zu klären. Diese bescheinigten dem Angeklagten tatsächlich eine erektile Dyskunktion und eine Anejakulation. Mit hundertprozentiger Sicherheit konnten sie jedoch nicht Papkes Fähigkeit zur Erektion und zum Samenerguss ausschließen. Schließlich könnten in einer Klinik niemals die Bedingungen und Reize hergestellt werden, zumal es dem Patienten gerade darum ging, sein Nichtkönnen unter Beweis zu stellen. Diese Begründung genügte dem Gericht als Gegenbeweis, zumal Papke für die meisten der ihm vorgeworfenen Taten keine Erektion benötigte. Auch ein Komplott konnte das Gericht nicht feststellen. Natürlich sei die Konkurrenz in diesem Sport sehr groß, es ginge um viel Geld und ständig werde mit nicht immer feinen Methoden versucht, sich gegenseitig die Talente abzuwerben, sagt der Richter. Aber dennoch sei das, was von den Zeugen vor Gericht geäußert wurde, nicht miteinander abgesprochen worden.

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