Wenn ich etwas plane, eine Reise, einen Theaterbesuch oder auch nur ein Essen, beschäftigt mich fortwährend, was alles schiefgehen könnte. Die Bahn fährt eh nicht, für das Stück kriegen wir doch nie Karten, bestimmt hat der Gemüsehändler keine Pfifferlinge mehr. Jedes Vorhaben wird so zu einer Art gedanklicher Katastrophenschutzübung, die mir jegliche Vorfreude auf das Ereignis vergällt. Wenn ich so in meinen trostlosen Grübeleien versunken bin, sagt meine Frau gern zu meiner Tochter: "Papa unkt wieder."
Ich bin damit nicht allein. Das Unken ist eine journalistische Untugend, besonders unter politischen Berichterstattern. "Es gibt offensichtlich eine neue Kultur von Artikelschreibern", bemängelte jüngst ein Leser aus Bordesholm in einer Mail an mich, "die nur eine Sache wichtig finden: Wo kann ich Fehler finden und die Zukunft schwarzsehen." Der Leser hat recht, bis auf einen Punkt: Die Kultur dieser Schreiber ist nicht neu, die gibt es schon länger. Ich kann das beurteilen, ich gehöre schon seit einigen Jahren dazu.
Nicht immer, aber recht oft.
Ein unschlagbarer Vorteil
Der Zwillingsbruder des Unkens ist die Es-droht-Berichterstattung. Sie hält sich nicht lange an einem Ereignis auf, sie beschreibt gleich, was folgen könnte. Das ist an sich zu begrüßen. Nur folgt nie etwas Gutes. Einfaches Beispiel: Die Grünen im Europaparlament haben dem Mercosur-Abkommen nicht zugestimmt, jetzt droht der Freihandelsvertrag zu scheitern.
Der Es-droht-Journalismus spielt mit der Eskalation, mit der Möglichkeit des Grusels. Er klingt entschieden, legt sich aber in Wahrheit nicht fest. Das hat einen unschlagbaren Vorteil: Tritt das Vorherspekulierte ein, hat man es als Erster gesagt. Tritt es nicht ein, hat es sich das Weltgeschehen bestimmt nur deshalb anders überlegt, weil der Journalist rechtzeitig auf die Bedrohung hingewiesen hat.
Man nennt das eine Win-win-Situation. Ich weiß nicht, wie oft ich in den vergangenen Jahren den Satz geschrieben habe: Jetzt droht neuer Ärger in der Koalition. Na gut, ist ein schlechtes Beispiel, das stimmte eigentlich immer.
Keine Eskalation, nirgends
Vorige Woche ist in Sachsen-Anhalt etwas völlig Verrücktes geschehen. Vor der Wahl des neuen Ministerpräsidenten Sven Schulze hatten wir medialen Oberexperten alle Szenarien durchgespielt, für den Fall, dass der Nachfolger von Reiner Haseloff die notwendige Mehrheit nicht erreichen sollte. Es drohte ein zweiter Wahlgang, ein dritter Wahlgang, Koalitionskrise, Chaos, AfD lacht sich ins Fäustchen, politische Verheerungen auch in Berlin, du liebe Güte! In diesem Sumpf des Pessimismus habe ich mich begeistert mitgesuhlt.
Und was geschah? Schulze erhielt sogar zwei Stimmen mehr (58), als seine Koalition aus CDU, SPD und FDP Abgeordnete hat (56). Damit konnte nun wirklich niemand rechnen. So sitzt Schulze jetzt als Ministerpräsident in der Magdeburger Staatskanzlei. Keine Eskalation, nirgends.
Ich könnte mir vornehmen, die Dinge künftig ein bisschen optimistischer zu sehen. Mehr Magdeburg wagen. Aber das ist genau die Art von Unternehmung, in der sich der Pessimismus in mir meldet. Was kann alles passieren? Bestimmt erliegst du einer Fehleinschätzung. Dann droht dir ein Rüffel des Chefredakteurs. Und so weiter.
Deshalb mache ich mich lieber wieder auf die Suche danach, was als Nächstes schiefgehen könnte.
Papa unkt wieder.